Gegröle schallt aus den Lautsprechern, dazu monotone Gitarrenriffs und ein schneller Beat. Zwischen unverständlichen Passagen klingt der Refrain durch: „Wir sind kampfbereit (...) treu zu allem bereit“. Zu den Zuhörern des „Celtic Moon“-Konzerts Mitte der 90er in Oberrot gehört der damals Minderjährige Patrick W. aus Backnang.

Der Nachwuchs-Neonazi, der mit 15 Jahren Hitlers „Mein Kampf“ gelesen hat, lauscht den radikalen Texten von Achim Schmid, jenem Rechts-Rocker, der 2001 in Gailenkirchen die „European White Knights of the Ku Klux Klan“ gründen wird. Patrick W. freundet sich mit ihm an, versinkt Ende der 90er in den dunkelbraunen Sumpf und konsumiert reichlich faschistisches Liedgut, das ihn jahrelang begleiten soll – bis hinter Gitter.

33-Jähriger sagt im Landtag aus

Als W. am Montag in Stuttgart vor dem NSU-Untersuchungsausschuss befragt wird, geht es eigentlich um einen Hinweis von 2015. W. hatte gegenüber Behörden erklärt: „Ich hatte Informationen zu mutmaßlichen Waffenlieferanten des NSU, da ich selbst Waffen in der rechtsextremistischen Szene gekauft hatte.“

Doch der 33-Jährige relativierte vor dem Ausschuss diese These. Stattdessen erhob der etwas korpulente Mann mit beigefarbener Hose, kariertem Hemd und schwarzer Jacke beinahe nebensächlich schwere Vorwürfe gegen Bedienstete der Haller und Ravensburger Haftanstalten, in denen er von 2004 bis 2006 einsaß. Beamte hätten rechte Häftlingsgruppen unterstützt, etwa, indem sie Rechts-Rock-CDs beschafft hätten. Die Angaben sind knapp – haben aber Wirkung. Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) kündigt Untersuchungen dazu an.

CDs in JVA geschmuggelt

Gegenüber unserer Zeitung ergänzt W. seine Angaben.  In Ravensburg habe ein Vollzugsbeamter CDs in der Postkontrolle ungefiltert durchgelassen. „Er hat uns vorher gesagt, wann er arbeitet.“ Silberscheiben seien auch über die Privatadresse des Beamten in die JVA gelangt.

Später wurde W. in die Haller JVA versetzt. Zwar habe es dort keine CD-Lieferungen durch die Bediensteten gegeben, aber dafür offene Sympathisanten. „Ein Beamter konnte nicht verstehen, wieso ich überhaupt sitzen muss.“ Dieser sei einmal „das Horst-Wessel-Lied pfeifend über den Hof gegangen“. Es handelt sich dabei um die Parteihymne der NSDAP.

Doch wie glaubwürdig ist Patrick W.? Zumindest hatte er eine Abneigung gegenüber Ermittlern, wie einzelne Straftaten in seinem langen Register zeigen.  Als 2003 in Hall die Wehrmachts-Ausstellung gezeigt wurde, gründete W. mit Gleichgesinnten die  „Autonomen Nationalisten Backnang“ (ANB), die Analogien zu den Anfängen des Nationalsozialistischen Untergrunds aufweist.

Drei Brandanschläge verübt

Laut Polizeihauptkommissar Andreas L., der ebenfalls in Stuttgart aussagte, wird die ANB für 42 Straftaten verantwortlich gemacht. Zu den Taten gehörten drei Angriffe mit Molotow-Cocktails auf Wohnheime und Gebäude im Rems-Murr-Kreis. Außerdem hatten sie eine Hakenkreuzfahne über die B 14 gespannt – mit Drohungen gegen zwei Polizisten.

Patrick W., der laut Ermittler der Kopf der Bande war, soll zudem mit Freunden Pläne für den Bau von Bomben ausgetauscht haben. Bei einer Hausdurchsuchung 2003 fanden Beamte bei ihm eine fast fertiggestellte Rohrbombe. W. kam in Stammheim in Untersuchungshaft und wurde später nach Ravensburg verlegt.

Der dortige JVA-Leiter Thomas Mönig ist überrascht von den Vorwürfen von W. „Wir hören diese Behauptung zum ersten Mal.“ Es gebe derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass unter den 140 Vollzugsbeamten Kollegen rechte Ideologien auslebten. „Selbstverständlich kontrollieren wir jede Form von Außenkontakt, dazu gehören auch Briefe und Pakete“, so Mönig. „Zu Feinheiten in diesem Kontrollprozess können wir zum aktuellen Zeitpunkt aber keine weiteren Angaben machen.“

Justizministerium untersucht

Auch Stefanie Hörter, die JVA-Leiterin in Schwäbisch Hall, ist von den Vorwürfen überrascht. Diese seien „sehr oberflächlich“. Auch besitze die Vollzugsanstalt keine Akten, die älter als zehn Jahre sind. „Daher kann ich weder zu dem damaligen Häftling noch zu irgendwelchen Vorkommnissen Angaben machen.“ Sie benötige konkrete Namen und Angaben, um Untersuchungsansätze zu erhalten.

Inzwischen hat sich auch das Justizministerium eingeschaltet und kündigt eigene Untersuchungen an. Sprecher Robin Schray gibt an, beim U-Ausschuss
Akteneinsicht in die Befragung von Patrick W. beantragt zu haben.  Bislang lägen dem Ministerium aber keinerlei Anhaltspunkte vor, dass „Justizvollzugsbedienstete Tonträger mit rechtsextremen Musikstücken an Gefangene weitergegeben haben“. Die Behörde wolle aber „allen Vorwürfen nachgehen“.

Rechte Umtriebe in Schwäbisch Hall


Der Untersuchungsausschuss zum Nationalsozialistischen Untergrund im Landtag befasst sich mit dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn. Außerdem untersucht er mögliche Bezüge des mutmaßlichen Terrornetzwerks NSU nach Baden-Württemberg. Hierbei rückt Schwäbisch Hall immer wieder in den Fokus. Unter anderem, weil eine Sektion des Ku-Klux-Klan von 2000 bis 2003 ihren Deutschland-Sitz in Gailenkirchen hatte. Diese gehörten neben bundesweit agierten Neonazis auch Polizei-Kollegen von Kiesewetter an. Außerdem bestehen starke Bezüge der ostdeutschen Neonazi-Szene nach Schwäbisch Hall, Heilbronn, Rems-Murr und Ludwigsburg.