Handel Schwägerinnen machen Dorfladen auf

Nicole Linde (links) und Jasmin Linde haben eine ehemalige Doppelgarage zum Dorfladen umgebaut.
Nicole Linde (links) und Jasmin Linde haben eine ehemalige Doppelgarage zum Dorfladen umgebaut. © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Mainhardt / Sonja Alexa Schmitz 07.07.2018

Was, wenn es nicht klappt?“ – „Ha, das wissen wir erst wenn wir es ausprobieren.“ So, oder so ähnlich, klingt es, wenn Jasmin und Nicole Linde etwas aushecken. So, wie im September des vergangenen Jahres mit dem Dorfladen. Die einstige Doppelgarage am Haus von Nicole Linde wurde zur Wohnung für den Schwiegervater umgebaut. Der lebte aber nicht so lange wie gedacht darin, und nach drei Monaten stand das kleine Häuschen wieder leer.

Wenn es nicht genutzt wird, geht es kaputt, dachten sich die Schwägerinnen. Dann hörte Nicole Linde eines Morgens auf SWR 4 einen Bericht, dass die Dorfläden aussterben. Das ist es! Sofort erzählte sie ihrer Schwägerin davon und schon am Abend, als die Ehemänner nach Hause kamen, waren Sofa und Schränke ausgeräumt. Wenn sie was machen, dann gleich und sofort.

Sie lachen jetzt noch über ihre Verrücktheit. Man kennt sie so, und nicht selten schüttelt man wohl den Kopf über die zwei temperamentvollen Frauen. Sie fielen bereits auf, als sie mit ihren Männern im Ort Schrott sammelten. Sie nannten sich „Die Bären und ihre Schrottbienen“. Daraus entstand der Name des kleinen Lebensmittelgeschäfts: „Bienchens Dorflädle.“

Regionale Produkte

Vier Wochen nach der zündenden Idee war Eröffnung. Unerschrocken machten sich die lebenslustigen Mitdreißigerinnen daran, ihre Produkte auszuwählen.  Es sollte regional, nah und gut sein. So liegen in der umgebauten Garage nun Obst und Gemüse von „Frau Habermas aus Ilsfeld“, Eier und Nudeln vom Geflügelhof Heß in Oberstenfeld, Wurst von der Landmetzgerei Vogelmann aus Bubenorbis sowie Leinöl und Linsen von Gerhard Scholl aus Mainhardt.

Was nicht verkauft wird, verarbeiten die Ladenbesitzerinnen so gut es geht. Sie kochen und verkaufen Marmelade aus den übrig gebliebenen Früchten. Daheim servieren sie ihren Familien – beide haben jeweils drei Kinder – Obst- und Gemüse-Smoothies.

In der Woche läuft der Laden schleppend. Am Samstag- und Sonntagvormittag aber, wenn sie frische Brötchen der Bäckerei Trunk verkaufen, dann kommen die Frühstückshungrigen zu ihnen. Und wochentags gehen die selbstgebackenen Nussecken und flammenden Herzen ganz gut weg. Langweilen tun sich Jasmin und Nicole Linde nicht, wenn sie auf Kunden warten. Sie wohnen gleich nebenan beziehungsweise gegenüber. Wer in den Laden möchte, der klingelt.

Weil den beiden immer etwas Neues einfällt, ist noch eine weitere Geschäftsidee hinzugekommen. Sie wurden angesprochen, ob sie nicht in den umliegenden Einrichtungen für betreutes Wohnen einen Lieferservice einrichten könnten. Die Nimmermüden haben gleich eingewilligt. Allerdings stellten sie fest, dass die alten Leute nur kaufen wollen, was sie sehen. „Und weil wir eh den Bus haben, um im Großmarkt einzukaufen, könnten wir mit dem Bus doch auch zum betreuten Wohnen fahren“. Noch am selben Tag haben sie den Transporter umgebaut und jetzt fahren sie ein paarmal die Woche Murrhardt, Wüstenrot und Neuhütten an, wo sie schon von den alten Menschen freudig erwartet werden. Dann sitzen sie neben dem Bus, halten ein Schwätzchen, lernen die Namen ihrer neuen Kunden auswendig und stellen fest, wie einsam sich Frau Müller und Frau Kübler fühlen.

Gerührt sind sie, wenn Kinder in ihr Lädle kommen, mit einem Einkaufszettel von der Mama, oder wenn eine alte Frau sagt, sie hat nicht viel Geld, ob sie auch nur zwei Karotten und eine Gurke kaufen dürfe. Die beiden Frauen verstehen ihren Laden als „Notlädle“. Leben könnten sie davon nicht, aber weil sie keine Miete zahlen müssen, bleibt es für sie und für die Leute ringsum eine schöne Sache.

Konditorin und Schaustellerin

Nicole Linde (34) kam im Alter von 15 Jahren aus Sachsen-Anhalt nach Westdeutschland, um eine Konditorlehre zu machen. Sie brach ab, heiratete an ihrem 18. Geburtstag ihren Mann aus Ammertsweiler. Das Paar hat drei Kinder.

Jasmin Linde (36) stammt aus Finsterrot, wo sie in eine Schaustellerfamilie hineingeboren wurde. Sie war mit einer Schießbude selbstständig. Mit 13 Jahren lernte sie ihren Mann aus Ammertsweiler kennen. Sie haben drei Kinder. Mit einem Süßigkeitenstand und Schiffschaukel ist sie manchmal noch auf Märkten.

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