Es hat etwas von einem Heimatfilm aus den 1960er-Jahren. Im positiven Sinne. Hinter der Mittelmühle fließt die Jagst ruhig dahin, die hohen Bäume am Ufer tragen herbstlich goldgelbes Laub. Vor dem 33 Meter hohen Mühlengebäude parkt ein dunkelgrüner Oldtimer-Unimog, auf dem eine Stihl-Motorsäge aus dem Jahr 1939 liegt. Unterschiedliche Gebäude verteilen sich auf dem großen Gelände. Die Zeit muss irgendwann vor 40 bis 50 Jahren stehengeblieben sein. Ein Hund bellt kurz, als der Besucher langsam über den Hof geht. Ansonsten herrscht sonntägliche Ruhe – bis plötzlich Jagdhörner ganz in der Nähe erklingen.

Dornröschenschlaf beenden

Schnell schreitet ein Mann mit grünem Jackett über das Gelände. Schon von Weitem fällt die rote Kunststoffrose an seinem braunen Hut auf. Vielleicht kommt er direkt von der nicht weit entfernten Muswiese. Kurz hinter ihm folgt ein junger Mann in Zimmermannstracht. Es sind Ralf Schaffert und sein 27-jähriger Sohn Moritz, der sich mit „Ich bin die elfte Generation“ vorstellt. Seit 1650 gehört den Schafferts die Mühle im Kirchberger Ortsteil Eichenau. Die Geschichte war wechselvoll. Moritz Schaffert will das große Gelände inklusive der diversen Gebäude „aus dem Dornröschenschlaf wecken“. Aufbruchstimmung ist auch tatsächlich zu spüren. Der junge Zimmerermeister wird von seinem Vater und dessen zwei Brüdern unterstützt. „Wir helfen, wo wir können“, sagt Moritz‘ Mutter Conny.

Früher drei Standbeine

Noch vor 50 Jahren hatte die Mittelmühle drei Standbeine: Landwirtschaft, Mühle und Sägewerk. Strom liefert seit über einem Jahrhundert das eigene Wasserkraftwerk. Doch dann lohnte sich die Landwirtschaft nicht mehr und wurde aufgegeben. Als Nächstes schloss die Getreidemühle in den 1970er-Jahren ihren Betrieb. Vor 15 Jahren dann wurde das Sägewerk stillgelegt. Aber alles ist noch voll funktionsfähig.

Volker Schaffert als Müllermeister demonstriert dies am Sonntag im Rahmen des Mühlentags. Sein Bruder Ralf ist Holzspezialist und fährt Langhölzer. Bruder Nummer 3, Bernhard, lernte Industriemeister und arbeitet in der Holzindustrie. Die drei zeigen, dass sie nichts verlernt haben. Wie zum Beispiel Ralf Schaffert die per Transmission angetriebene Säge bedient, eine Vollgattersäge, ist bewundernswert.

Erstaunlich wenig Lärm

Auf der historischen Anlage, die erstaunlich wenig Lärm macht, können Stämme bis zu 70 Zentimeter Durchmesser gesägt werden. Direkt an der Maschine stehend, hat Schaffert den Blick, Bretter welcher Dicke er aus dem Stamm sägen kann und sagt, während er das sich zügig durch das Holz arbeitende Sägeblatt beobachtet: „Die Vorfahren haben möglichst praktisch gedacht. Das Blatt sägt in beide Richtungen, so geht keine Zeit verloren.“ Worauf er beim Sägen besonders achtet: „Je natürlicher, desto besser.“ So entstehen aus dicken Stämmen von Eiche, Ahorn oder Lärche Bretter und Balken nach Kundenwunsch. Auf dem eigenen Gelände wird das Holz dann noch längere Zeit getrocknet, um Rissbildungen zu minimieren.

Landkreis Hall

Kaum hat die Säge den acht Meter langen Stamm zerlegt und kommt zur Ruhe, sind die Jagdhornbläser Mittelmühle wieder an der Reihe. Sie haben sich erst im Februar zusammengetan. Fünf von ihnen haben Erfahrung, vier sind Novizen. Peter Merklein freut sich, dass sich die vierstimmigen Sätze schon richtig gut anhören. Geprobt wird immer montags in der Werkstatt von Jungbläser Moritz Schaffert. Merklein lacht: „Der heizt den Ofen immer auf 100 Grad, es ist mollig warm.“

Plan: Wohnung in der Mühle

Der Probenabend ist in der Woche der einzige Fixtermin, bei dem Jungunternehmer Schaffert nicht das Arbeiten im Kopf hat. Die elfte Generation bringt neues Leben auf das Areal direkt an der Jagst – und hat noch so einiges vor. „Ich plane, in der Mühle eine Wohnung für mich einzubauen“, sagt der 27-Jährige. Wie er schwere Gegenstände innerhalb des 33 Meter hohen Gebäudes transportieren wird? Der Lastenaufzug, der früher die vollen Mehlsäcke in die Höhe gezogen hat, ist dafür noch immer bestens zu gebrauchen.

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