Frustrierte Eltern stehen vor der Eingangstür: Ohnehin ist schon in manchen städtischen Kitas in Hall der Ganztagesbetrieb gestrichen. Nun reduziert sich durch gestaffelte Bring- und Abholzeiten wegen Corona auch die Regelbetreuung für etliche Kinder von sechs auf fünf Stunden. Das wird den Eltern per Zettel an der Tür vermittelt, die kurzfristig für Beruf und Alltag umdisponieren müssen. Eine Kostenerstattung erfolgt laut Stadt nicht. Nicht der einzige Ärger: Manche Eltern müssen Arbeitgeberbescheinigungen vorlegen, um überhaupt in den Genuss der erweiterten Betreuung zu kommen, den sie vor Jahren gebucht haben. Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim nannte in einer Corona-Pressekonferenz die personelle Situation als Grund – auch wegen Ausfällen von Risikopersonen und Schwangeren. „Die Betreuung gibt es nicht mehr à la carte“, sagte Pelgrim, der damit einigen Eltern vor den Kopf stieß.
Personal ist aber nicht erst seit Corona Thema. Stand Ende September sind rund 20 der knapp 150 Erzieher-Stellen unbesetzt. 2018 haben 25 Erzieher die Stadt verlassen, 2019 waren es sogar 32 (eine Statistik dazu steht unter diesem Artikel zum Download bereit). Ist die Stadt kein beliebter Arbeitgeber? Die Redaktion hat mit Erziehern und Eltern aus unterschiedlichen Kitas gesprochen, deren Namen wir zum Schutz von Jobs und Kindern nicht nennen. Tenor: Die Arbeitsbelastung sei hoch, der bürokratische Aufwand enorm – besonders, seit 2009 Infans eingeführt wurde. „Das Konzept ist eigentlich nicht schlecht, die Art der Umsetzung aber katastrophal“, sagt eine Erzieherin. Eine Mutter meint: „Jeder schimpft über Infans.“

Kaum ein gutes Wort für die Verwaltung übrig

Die Erzieher berichten, sie müssten viel beobachten, unzählige Protokolle schreiben, Vorgaben erfüllen. Die Zeit reiche „hinten und vorne nicht, um alles ehrlich auszufüllen“. Neben der Infans-Dokumentation habe die Stadt weitere, eigene Formulare eingeführt, etwa für das Qualitätsmanagement, für die Jahresreflexion, selbst Temperatur- und Reinigungsprotokolle gibt es.
Der Aufwand sei „übertrieben“, die Zeit fehle am Kind. „Der Fachbereichsleitung geht es nur um die Kontrolle unserer Arbeit.“ Ohnehin hat kaum jemand ein gutes Wort für die Verwaltung übrig. „Vorgaben von oben“ ließen „kaum Raum für Kreativität und Individualität“. Selbst die Art, wie Geburtstage gefeiert werden, sei vorgegeben. Eine Mutter sagt: „Die Erzieher sind gehemmt in ihrem Handeln, weil die Stadt alles verbietet.“
Eine Erzieherin berichtet von einem Sprechverbot. Sie dürften sich selbst bei Treffen oder Fortbildungen nicht austauschen. „Am liebsten hat es der Träger, wenn man sich im Team nicht so gut versteht, denn sonst könnte man sich ja gegen sie verbünden.“

Für die missliche Lage in den Kitas gibt es vielschichtige Gründe

„Ich habe den Job gewählt, um mit den Kindern zu arbeiten. Das kam bei der Stadt viel zu kurz“, sagt eine andere. An ihrer neuen Stelle in einer Gemeinde sei sie glücklich – auch die anderen städtischen Kollegen, die ihr gefolgt waren. Profiteure seien andere Träger wie Kirchen und Nachbarkommunen, meint auch eine andere Erzieherin, die noch bei der Stadt arbeitet. „Wer sich doch bei uns bewirbt, weil er die Bedingungen nicht kennt, der ist in einem oder zwei Jahren wieder weg.“ Aber nicht alles scheint schlecht zu sein: Eine Erzieherin berichtet vom Badtorweg. Das sei der Vorzeigekindergarten der Stadt. „Ich war glücklich dort, die Arbeit hat Spaß gemacht.“ Familiäre Gründe hätten sie weggezogen.
Bereits 2016 hat die Redaktion mit Erziehern gesprochen – mit ähnlichem Ergebnis. Die damalige Sozialbürgermeisterin Bettina Wilhelm hatte nach einem ersten Dementi später hohe Arbeitsbelastung und zeitaufwendige Dokumentation eingeräumt. Prozesse sollten „entschlackt“ werden. Vier Jahre später sei „das Arbeitspensum immer noch das gleiche“, resümiert eine Erzieherin.

Schwäbisch Hall

Wilhelm kritisierte damals, man könne den „komplexen Sachverhalt Fachkräftemangel nicht in kausalem Zusammenhang mit dem pädagogischen Konzept setzen“. Denn nicht nur in Hall fehlten Erzieher. Auch die Gesamtelternbeiratsvorsitzende Christina Krauseneck sieht vielschichtige Gründe. Schwangerschaft und Weiterbildung führten zu Wechsel, ebenso hätten manche Erzieher „wenig Lust auf meckernde Eltern, die sich in allem einmischen wollen“.
Infans sollte trotzdem auf den Prüfstand, wie Pelgrim 2019 bei einer Debatte zum Kindergartenbedarfsplan angekündigt hat. Es ging um die Frage, welchen Einfluss das Konzept auf Arbeitsqualität und Zufriedenheit nimmt. Ein Jahr später teilt die Stadt schriftlich mit, man bleibe bei Infans. Grundlage der pädagogischen Arbeit sei der landesweite Orientierungsplan. Infans sei „nur ein Werkzeug“ zur Umsetzung. Aus Sicht von Fachbereich und Kitaleitungen habe es sich bewährt. „Es besteht kein Anlass für einen zeit- und arbeitsintensiven Konzeptionswechsel“, schreibt OB-Referent Patrick Domberg. Zudem sei ein Großteil der Eltern der Vorschulkinder laut einer Befragung „zufrieden oder sehr zufrieden“. Nur für den neuen Naturkindergarten Wackershofen werde es ein eigenständiges Konzept geben.
Das Dilemma bleibt: Hall wächst, jüngst öffnete im Solpark eine große Kita. Weitere Erzieher werden benötigt, die nicht ausreichend kommen. Zuletzt wurden Spanier rekrutiert, die als anerkannte Erzieher ausgebildet werden sollen. „Das ist wegen sprachlicher und fachlicher Themen eine zusätzliche Belastung für uns“, meint eine Erzieherin.

Michelfeld

Dringend benötigte Erzieher werden nur befristet eingestellt

Die Personalnot schlug auch im Bericht der Revision auf. Die Prüfer bemängelten, dass dringend benötigte Erzieher teils nur befristet eingestellt werden. Die Verwaltung teilt mit, dass „die Qualität der Bewerbungen stark abgenommen“ habe. Es würden Personen eingestellt, die früher „nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden wären“. Befristung diente dem Schutz vor Fehlbesetzungen. Die Prüfer resümieren: „Die Fluktuation der Mitarbeiter ist ein Indiz auf die Mitarbeiterunzufriedenheit.“
Dass es anders gehen kann, zeigt Michelfeld. Bürgermeister Wolfgang Binnig hatte kürzlich erklärt, es gebe genug Kapazitäten, um auch auswärtige Kinder mitzubetreuen. Es gingen genug Bewerbungen ein – auch initiativ aus Hall. 50 der 100 kommunalen Angestellten seien in der Erziehung beschäftigt. Zwischen 2004 und 2006 sei ein eigenes Konzept entwickelt worden – „nichts aus der Schublade“. Ein Schlüssel zum Erfolg sei die Strategie „Bottom up“, so Binnig. Den Erziehern werde nichts übergestülpt. Sie hätten am Konzept mitgewirkt, das sie stetig weiterentwickelten, mit dem sie sich identifizieren könnten. „Fachkräfte bleiben, wenn es ihnen gefällt.“ Michelfeld habe eine geringe Fluktuation. Die Öffnungszeiten seien auch mit Corona nicht eingeschränkt.

Personelle Situation in städtischen Kitas


In den städtischen Einrichtungen werden Stand Februar 144 U3-Kinder und 865 Ü3-Kinder betreut. Hierfür sind 177 Personen angestellt, verteilt auf 133,5 Stellen. Mit Stand Ende September waren bei der Stadt nach eigenen Angaben 20 Stellen nicht besetzt. Davon entfielen fünf auf neu zu gründende Gruppen zum Beispiel im Naturkindergarten Wackershofen oder im Solpark.

2018 hätten 20 Erzieherinnen gekündigt, davon zwei in der Probezeit, drei in befristeter Anstellung und eine im ersten Jahr einer unbefristeten Anstellung. 2019 waren es 23 Kündigungen, davon zwei in der Probezeit und sechs während befristeten Anstellungen. 2020 haben bis Ende August fünf Erzieherinnen gekündigt, davon eine in der Probezeit. Die Stadt selbst habe seit 2018 drei Erziehern gekündigt. In diesem Zeitraum wurden laut Verwaltung 71 Personen eingestellt.

Situation in anderen Kitas


In den drei Einrichtungen der evangelischen Kirche Hall würde im offenen Konzept gearbeitet, berichtet Kirchenpfleger Martin Egner. Trotz Corona seien die Öffnungszeiten einzuhalten, außer in der Arche Noah, wo verlängerte Öffnungszeiten an zwei Nachmittagen entfallen. Die Kirche hat 24,1 Stellen vorgesehen. Aktuell seien 0,8 Stellen unbesetzt. Diese würden mit Aushilfen überbrückt. Zudem stünden drei praxis­integrierte Auszubildende (Pia) und eine FSJ-lerin zur Verfügung, die nicht zum Mindestpersonalschlüssel zählten. Ein Fachkräftemangel sei laut Egner spürbar. Freie Stellen blieben länger vakant. Es gingen aber zwei bis fünf Bewerbungen je Ausschreibung ein. Positiv sei die geringe Fluktuation und „Glücksgriffe“ bei Initiativbewerbungen.

In den Einrichtungen der katholischen Kirche Hall gilt laut Kindergartenbeauftragter Kathrin Berger der Rottenburger Kindergartenplan in Verbindung mit dem Marchtaler Kindergartenplan. Die 10,9 Stellen für drei Einrichtungen seien besetzt. Zudem gebe es eine 40-Prozent-Aushilfskraft sowie zwei Pia-Auszubildende. Ein Fachkräfteproblem sieht die Kirche nicht. Pro Ausschreibungen gingen bis zu fünf Bewerbungen ein. Auch durch Initiativbewerbungen hätten sich Arbeitsverhältnisse gebildet. Trotz Corona gebe es keine Einschränkungen in den Öffnungszeiten.

Das ist auch so in den städtischen Einrichtungen in Künzelsau. Die Stadt könne frei werdende Stellen „in der Regel zeitnah wiederbesetzen“, schreibt Elke Sturm. Das liege auch an der 2019 gestarteten Qualitätsoffensive für den gesamten Kinderbetreuungsbereich mit einem Nachqualifizierungs-Stufenmodell für Vertretungskräfte und eine höhere Anzahl von Pia-Auszubildenden. Zwar fielen durch Corona Schwangere nicht erst mit dem Mutterschutz, sondern unmittelbar weg. Doch diese Lücken ließen sich aus dem eigenen Pool überbrücken.

In Gaildorf seien alle außer einer Stelle „durch fähige und zuverlässige Mitarbeitende besetzt“, so Daniel Kuhn. Im Schnitt gingen drei bis fünf Bewerbungen pro Ausschreibung ein. Es werde das volle Betreuungsangebot wie vor Corona angeboten. Gearbeitet werde nach einem offenen/teiloffenen Konzept.

Dieses Konzept kommt auch in Einrichtungen der Stadt Crailsheim  zum Einsatz, wie Margit Fuchs berichtet. Vereinzelt würden Öffnungszeiten reduziert, da durch Gruppentrennung ein höherer Personalbedarf nötig sei. Crailsheim sieht einen Fachkräftemangel. Eine einstellige Zahl an Stellen sei in den 19 Einrichtungen nicht besetzt. Besonders viele Bewerbungen gingen aber von April bis Juli ein. thumi

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Kinder werden Stand Februar 2020 in Haller Kitas betreut, davon 1009 in städtischen Einrichtungen. Von diesen sind 144 Kinder unter drei Jahre alt.