Es ist ein eindrucksvolles Bild. Um die 80 Traktoren fahren am Samstagsabend gegen 17.45 Uhr vom Hessentaler Breitloh aus mit voller Scheinwerferbeleuchtung im Konvoi auf den Einkorn. Auf der großen Wiese bilden die Traktoren einen riesigen Kreis. In der Mitte lodern die Flammen eines Mahnfeuers. Um das Feuer stehen die Landwirte und suchen den Dialog mit den Verbrauchern. Den Bauern reicht es. Sie sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und als Ökosünder gebrandmarkt. Und sie sind der Überzeugung, dass die Politik in Bund und Land ihnen den Garaus machen will.

Kurt Reinhardt, Nebenerwerbslandwirt aus Wolpertshausen, packt das Megafon aus und sagt, was seiner Meinung nach falsch läuft. „Bund und Land wollen die Landwirtschaft grundlegend neu aufstellen. Das stößt bei uns auf Empörung und Unverständnis und bringt uns in Existenznöte“, sagt Reinhardt. „Es läuft einiges schief, über das wir miteinander reden müssen“, appelliert er an Verbraucher und Politik.

Bauern sind es nicht allein

Reinhardt wird konkret. Er kritisiert das Agrarpaket der Bundesregierung und das Eckpunktepapier der grün-schwarzen Landesregierung. So würden Landwirte für das Insektensterben verantwortlich gemacht. Doch daran seien die Bauern nicht allein Schuld. Reinhardt nennt das Wohlstandsverhalten mit Verkehr zu Luft und auf der Straße, Lichtverschmutzung sowie die seiner Ansicht nach nicht hinreichend erforschten Auswirkungen des Mobilfunks als Mitverursacher. Fehler in der Datengrundlage führten dazu, dass Gülle als Hauptverursacher der Nitratbelastung des Grundwassers verantwortlich gemacht werde.

Landwirtschaft sucht den Dialog Essen lieber regional als vegan

Börtlingen

„Wir haben uns  ohne den Verband hier zusammengefunden. Biobauern und konventionelle Betriebe, Haupt- und Nebenerwerbslandwirte“, betont Reinhardt. Die Schlepperdemos  seien mittlerweile zum Erkennungsmerkmal geworden. Die Mahnfeuer habe man sich bei den Winzern abgeguckt. Jeden ersten Samstag im Monat solle diese Protestform weitergehen.

Auch Verbraucherin Anja Kronmüller bei der Demo dabei. „Es darf nicht alles auf die Landwirtschaft abgeschoben werden. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen“, erklärt sie. Wer ständig durch die Welt fliege und nur Billigklamotten einkaufe, trage mit zu der Misere bei. Sie selbst bemühe sich, regional einzukaufen, den Fleischkonsum einzuschränken und Urlaub in Deutschland zu machen. „Jeder muss an sich arbeiten“, lautet ihre Überzeugung. Bei Tochter Antonia hat das längst gefruchtet. Die verzichtet beim Einkauf auf Plastik und passt auf, dass die Eier aus Freilandhaltung kommen.

Ausufernde Bürokratie

Mitorganisator Ulrich Wahl aus Tüngental, Ackerbauer und Dienstleister im Bereich Pflanzenschutz, Bodenbearbeitung und Saat, geißelt die ausufernde Bürokratie und die Dokumentationspflicht. So müsse bei Gülleausbringung alles in zwei Tagen dokumentiert sein. Die Zeit reiche einfach nicht. Zu Kompromissen zeigt er  sich beim Einsatz von Glyphosat bereit. Wenn  ackerbaulich umgedacht werde, könne auf das Mittel verzichtet werden.  Doch brauche man auch wie im Landschaftsschutz einen finanziellen Ausgleich. Wenn die Landwirtschaft in Deutschland ruiniert werde, müssten Produkte aus dem Ausland importiert werden. Dort werde unter viel umweltschädlicheren Bedingungen produziert.

Die Politik scheint die Anliegen der Bauern ernst zu nehmen. Vor Ort waren einige Vertreter aus der Politik, unter anderem die Landtagsabgeordneten Stephen Brauer (FDP) und Udo  Stein (AfD), CDU-Kreisvorsitzender Dominik Schloßstein, CDU-Stadtverbandsvorsitzende Andrea Härterich, SPD-Ortsvereinschef Danny Multani und Landwirt Michael Reber (FVW).