Ob mein Pulli frisch ist?“, wiederholt die 47-jährige ehemalige Casino-Angestellte die Frage des Richters. Sie prustet vor Verwunderung Luft laut aus. „Die sind immer frisch“, sagt die adrett gekleidete Frau beim Prozess am Landgericht Heilbronn.

Zwei Berufsrichter, zwei Schöffen, ein Angeklagter, eine Verteidigerin, zwei Justizbeamte in Uniform, eine Schreibkraft, zwei Sachverständige, ein Staatsanwalt und rund zehn Besucher hören bei jedem ihrer Worte aufmerksam zu. Aus „gewaschen oder nicht“, könnte „verurteilt oder nicht“ werden. Es geht um Indizien. Der Angeklagte versichert, nicht der Täter zu sein.

Die Staatsanwaltschaft legt ihm zur Last, am 15. Dezember 2017 kurz vor 24 Uhr maskiert das VIP-Casino am Haller Holzmarkt betreten zu haben. Er soll einen Schreckschussrevolver auf die 47-jährige Angestellte gerichtet haben. Der Mann habe die Frau an den Haaren gezogen, um 5600 Euro aus dem Tresor und der Kasse zu erhalten. Überwachungskameras nahmen die Tat auf. Die Versicherung ersetzte den Schaden des Casino-Betreibers bis auf 500 Euro vollständig.

Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass der 27-jährige Deutsche aus Hall ein 16 Jahre altes Mädchen, mit der er eine lose Beziehung führte, im Jahr 2018 zu Analsex gezwungen hat. Die Minderjährige brachte das zur Anzeige. Sie will gehört haben, dass der Mann den Casino-Überfall zugab.

Casino-Angestellte können Angeklagten nicht erkennen

Trifft den Mann, der mit Handschellen in den Saal geführt wird, eine Schuld? Die Richter wirken am Freitagnachmittag mehrmals ratlos. Der Angeklagte, der seinen Verwandten im Besucherbereich zuzwinkert, wirkt triumphal. Der erste Verhandlungstag bringt kein Licht ins Dunkel.

Die Verhandlung startet mit dem Lebenslauf des Angeklagten. Der mit einem blauen Ralph-Lauren-Hemd gekleidete Mann kam im Jahr 1992 in Hall auf die Welt, absolvierte eine Ausbildung als Konstruktionsmechaniker, verdiente zeitweise als Schichtleiter 2800 Euro netto. Allerdings brach sich der Angeklagte bei einem Kampf nach einem Diskobesuch den Kiefer. Der Hobby-Kickboxer schied wegen langer Krankheit aus dem Betrieb aus.

Seiner Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf eilt am Landgericht der Ruf voraus, lautstark die Rechte ihrer Mandanten einzufordern. Im aktuellen Fall macht sie ihrem Mandanten vehement klar: „Jetzt halt doch mal den Mund.“ Denn sie hat sich für eine Verteidigungsstrategie entschieden: „Ich erkläre, dass er die Taten vollumfänglich bestreitet.“

Dass der Angeklagte dazwischenquatscht, könnte das Konzept durchkreuzen. Vorsitzender Richter Thomas Berkner versucht den Mann zum Sprechen zu bringen. Die beiden als Zeugen geladenen Casino-Angestellten sollen seine Stimme hören. Vielleicht erkennen sie die ja wieder?

Doch das tun beide nicht. Der Mann auf der Anklagebank muss nicht der Täter gewesen sein, er käme aber infrage. „Ich habe kein Gesicht erkannt. Er war ja maskiert“, berichtet die Angestellte, die mit der Waffe bedroht wurde. Da der Täter zwei Schimpfwörter auf Russisch schrie, erkannte die russischstämmige Angestellte schnell: Die Aussprache ist falsch, der russische Spracheinschlag nur eine Täuschung. Sie hält den Täter für einen Mann türkischer Herkunft, da er Deutsch mit starkem Akzent sprach. Der Erpresser habe auf jeden Fall O-Beine gehabt, sagt sie aus und muss kichern. Sie räumt auf Nachfrage ein, dass viele Casinobesucher o-beinig seien. So auch einer, der ihr auf einem Foto gezeigt wird. „Der war mal im Casino, kam aber schon länger nicht mehr.“

Es könnte einen zweiten Verdächtigen für den Casino-Überfall geben

Der Mann auf dem Foto ist der Cousin zweiten Grades des Angeklagten. Er wird von der Polizei eines Raubüberfalls auf ein Casino in Hessental bezichtigt, wurde im Dezember 2016 geschnappt, konnte aber spektakulär vom Hof der Polizei fliehen. Auf seiner Flucht kaperte er in Hall ein Auto. Er soll sich nach wie vor in der Türkei aufhalten. Die Verteidigerin hält es für möglich, dass dieser Verwandte die Tat im Dezember 2017 begangen hat. Dessen Masche sei es gewesen, bei seiner Tat mit russischen Worten seine Herkunft zu vertuschen.

Weitere Zeugenaussagen aus dem Freundeskreis des Angeklagten bringen keine Klarheit. Vieles hängt daher an der Aussage der Doktorin der Biologie des Landeskriminalamts. Sie hat Spuren am schwarzen Pullover der Angestellten untersucht. Der Täter hat die Frau an der Schulter mit Handschuhen angefasst.

Es finden sich in den wenigen Hauptpartikelchen DNA-Spuren der Angestellten selbst und gewisse Hinweise auf den Angeklagten. „Von 16 Merkmalsystemen fehlt aber eines“, berichtet die Biologin. Damit sei nichts bewiesen, aber auch nichts ausgeschlossen. „Der Angeklagte könnte zwei Spuren verursacht haben. Aber das kann nicht belegt werden. Es ist ein Graubereich.“

Den beiden hauptamtlichen Richtern, dem Staatsanwalt und Schöffen scheint es die Sprache verschlagen zu haben, als sie trotz mehrmaliger Nachfrage keine eindeutige Aussage über die DNA-Spuren von der LKA-Angestellten erhalten.

Verteidigerin Anke Stiefel-­Bechdolf ist hingegen voll im Redefluss: „Wenn theoretisch der Cousin die Handschuhe meines Mandanten trägt, wäre die DNA von ihm drauf.“ Und: „Ich finde es fraglich, dass die Frau jeden Tag ihren Pullover wäscht.“ Es könnte ja sein, dass sie an irgendeinem Tag das Oberteil auf einem Stuhl abgelegt hat, auf dem der Angeklagte zuvor saß und somit Spuren am Pullover sind. Der Tatverdächtige besuchte ja gelegentlich das Casino.

Fünf weitere Prozesstage sind angesetzt, um die Taten zu klären. Am Freitag wird das mutmaßliche Opfer der Vergewaltigung als Zeugin gehört.

Das könnte dich auch interessieren:

Waiblingen