Lärmbelastung Schallgutachten in der Kritik

Blick auf den Windpark Kohlenstraße, aufgenommen zwischen dem Buchhorn und Michelbach.
Blick auf den Windpark Kohlenstraße, aufgenommen zwischen dem Buchhorn und Michelbach. © Foto: aa
Elisabeth Schweikert 18.08.2017
Das erste Gutachten für den Windpark Kohlenstraße war fehlerhaft. Die korrigierte Ausarbeitung zeigt: Die Grenzwerte sind deutlich unterschritten.

Das Schallgutachten über die Lärmbelastung der Michelbacher durch die Windräder auf dem Höhenrücken der Limpurger Berge, das im Juli veröffentlicht worden war, ist nicht verwertbar. Es wurden aufgrund einer Fehlinterpretation Messdaten verwendet, die nicht aussagekräftig sind. Das bestätigten jetzt das Büro RW Bauphysik und Gebhard Gentner, Geschäftsführer der Haller Stadtwerke. Inzwischen hat das Ingenieurbüro, das die Auswertung der einmonatigen Messung vorgenommen hat, die Messdaten erneut ausgewertet. Dabei kommt es zu folgendem Ergebnis: Nachts, bei Ostwind und wenn der Wind schneller als sechs Meter pro Sekunde weht, liegt der sogenannte Beurteilungspegel – umgerechnet auf den Standort Bilzweg 17 –  bei 32 Dezibel. Damit liege der Messwert um 8 Dezibel unter dem Immissionsrichtwert für Wohngebiete. Dieser Grenzwert liegt bei 40 Dezibel.

Messung bei Westwind

Auf das fehlerhafte Gutachten hatten Vertreter der Bürgerinitiative (BI) Pro Limpurger Berge hingewiesen. Wie die beiden Vertreter der BI, Michael Schuch und  Matthias Rothmund, gegenüber der Redaktion aufzeigten, wurde für das erste Gutachten die Lautstärke des Windes zur Lärmberechnung genommen, als Gegenwind herrschte. Der Wind wehte  also aus Westen, das Rauschen des Windparks wurde vom Messort weggeweht.  Es konnten also keine Geräusche der Windkraftanlagen aufgezeichnet werden.  Zudem  kritisieren die Vertreter der BI: Es sei nicht das Windrad für die Beurteilung der Lärmsituation genommen worden, welches mit 1500 Meter Abstand als nächstes am Wohnort liege, sondern eines, das etwa 2 Kilometer von Michelbach weg ist. Bei einer Umrechnung hätten höhere Zuschläge eingerechnet werden müssen. Die BI: „Die schalltechnische Untersuchung der RW Bauphysik ist deshalb normwidrig und unbrauchbar.“ Im Gespräch mit dem HT fordern die beiden Sprecher die Stadtwerke auf, direkt an den Häusern Messungen vorzunehmen. Private Messungen bei Ostwind hatten in der Siedlung Obere Wiesen einen Wert von 39 Dezibel ergeben.  Rein rechnerisch – so die Prognosen der Stadtwerke vor dem Bau  – hätten bei den Häusern nur 30 Dezibel Lärm ankommen dürfen, sagt Rothmund. Er fragt, wie es zu dem Unterschied kommt und stellt fest: „Das fördert das Misstrauen.“

Gesamtgeräusch wird gemessen

Im Gespräch mit dem HT erläutern Gebhard Gentner sowie die beiden Ingenieure Oliver Rudolph und Carsten Dietz ihre Überlegungen sowie die Maßgaben, die für solche Messungen gelten. Die Messstelle für die Aufnahme des Lärmschalls, der von den Windrädern kommt, stand am Buchhorn, an der Ostseite des Hauses, gleich neben der Streuobstwiese. „Wir haben das nächstliegende Windrad zum Buchhorn genommen und die Messwerte über eine Entfernungskorrektur umgerechnet“, erklärt Rudolph. „Wir haben uns auf einen Standort konzentriert, der relativ frei von Fremdgeräuschen ist.“ Ein weiterer Grund: Am Buchhorn ist Strom vorhanden, um die Messanlage betreiben zu können. Wie Dietz sagt, sei die Topographie beim von den Windkraftkritikern benannten Windrad für die Schallmessung nicht geeignet. Wegen eines Bergrückens gäbe es eine andere Schallausweichung. Laut Berechnung für dieses Windrad läge die Lärmbelastung  dann bei 33 Dezibel.   Gemessen worden sei zudem das Gesamtgeräusch, das vom Windpark kommt. Carsten Dietz: „Man muss sich davor hüten, sich auf ein Windrad zu beziehen. Wir messen den Gesamtpegel. Die drehen sich alle, das gibt ein Gesamtgeräusch.“

Gemessen wurde einen Monat lang. Der Pegel zeigt, wie stark punktuell einzelne Ausschläge sind – etwa durch einen bellenden Hund oder ein heranfahrendes Auto, so Rudolph. Deutlich auch, dass in den frühen Morgenstunden im Mai, ab 4 und 5 Uhr, der gemessene Lärm oberhalb des Richtwertes  von 40 Dezibel liegt. Die Ingenieure gehen davon aus, dass diese Erhöhung von Alltagsgeräuschen verursacht wird: Morgens singende Amseln dürften ebenso dazu beitragen wie das Erwachen des Betriebs auf dem Pferdehof.

Weniger als 32 Dezibel

Um den Geräuschpegel zu bekommen, der tatsächlich nur von den Windrädern kommt, wurde gerechnet, so Rudolph. Es wird nicht der Mittelwert der Pegelausschläge genommen. Es werde vielmehr der Geräuschpegel herausgefiltert, der in 95 Prozent aller Messungen vorhanden ist, erklären die Ingenieure. Das sei der sogenannte Perzentilpegel L95.  Auch in diesem Pegel seien noch Umweltgeräusche dabei, etwa konstantes Blätterrauschen von Bäumen. Der vom Windpark verursachte Lärm dürfte bei Ostwind also unterhalb der 32 Dezibel liegen, so Gentner. Als nicht sinnvoll werten die Ingenieure eine Messung direkt im Wohngebiet. Die Fremdlärmquellen seien dort höher, es sei schwieriger, das Rauschen herauszurechnen, das von den Rotoren kommt.

Kritik an der neuen Auswertung

Auch die neue Auswertung des Büros wird von der BI als untauglich bezeichnet. Sie führt unter anderem aus, dass der Messpunkt am Buchhorn ungeeignet sei, dass mit ungeeichten Geräten gemessen wurde, dass DIN-Normen nicht eingehalten worden seien und dass mit dem Perzentilpegel L95 nur der minimale Schallpegel ermittelt worden sei:  „Mit dem Erfassungsparameter L 95 wurden somit systematisch gerade die Momente erfasst, in denen das pulsierende Geräusch der Windkraftanlage auf dem jeweiligen Minimum war.“ Die BI prognostiziert, die Arbeit werde einer seriösen Prüfung durch ein neutrales Institut nicht standhalten.

Die Einwände der BI seien weitgehend ohne Substanz, wertet dagegen das Ingenieurbüro. Auch vom Landratsamt kommt grünes Licht,  die Auswertung für das private Gutachten sei korrekt. Gebhard Gentner stellt seinerseits dar, dass das Gutachten  weder eine Abnahmemessung sei noch auf eine behördliche Anweisung erfolgt war. „Die Windpark Kohlenstraße GmbH&Co KG hat aus völlig freien Stücken und ohne eine behördliche Notwendigkeit einen unabhängigen Gutachter beauftragt, die Immissionsprognose aus dem Genehmigungsantrag messtechnisch zu verifizieren.“ Nach wie vor ergebe das Gutachten, dass die zum Genehmigungsantrag eingereichte Immissionsprognose sehr genau gewesen sei.

Kein Schallgutachten für Flächennutzungsplan nötig

Das Lärmgutachten   soll im Rahmen des Verfahrens zur Fortschreibung des Flächennutzungsplans der Verwaltungsgemeinschaft Schwäbisch Hall beigelegt werden. Dabei geht es um die Festsetzung der Konzentrationszonen. Michael Schuch von der BI sagt: Laut Plan könnten dann Windräder im halben Abstand zu den jetzigen gebaut werden. Der Mindestabstand wäre dann  700 Meter zur Wohnsiedlung. Das Gutachten sei deshalb von Bedeutung. Wie eine Nachfrage beim Regierungspräsidium Stuttgart ergab, werden bei diesem Verfahren jedoch keine Schallgutachten herangezogen. Erst im Rahmen eines immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren werde die Einhaltung der Richtwerte dann konkret geprüft.  sel