Braunsbach Klänge von der „Abrissbirne“ aus Blech

Braunsbach / Rainer Ellinger 27.06.2018
Das Münchner Posaunenquartett imponiert in der Braunsbacher Kirche mit Können und Spielfreude.

„Adagio für vier“: Unter diesem Titel präsentierten vier Posaunisten aus Münchner Orchestern, als „Münchner Posaunenquartett“ vereint, im Rahmen des Hohenloher Kultursommers einen erquickenden Konzertnachmittag in der Braunsbacher Bonifatiuskirche: Lukas Gassner, Thomas Horch (Leitung),  Philipp Pineda Resch (Tenorposaunen) und  Quirin Willert (Bassposaune).

Sowohl instrumentaltechnisch als auch interpretatorisch auf höchstem Niveau begeisterte das Spiel in Sachen emotionaler Tiefe und gleichzeitiger Schalkhaftigkeit. Ein musikalisch fein dargebrachtes Konzert ist alleine schon des Zuhörens wert; wenn es aber vom Tenorposaunisten Thomas Horch mit trockenstem Humor verschmitzt moderiert wird, hat man doppelten Genuss.

Man lernt zum Beispiel, dass die Posaune – nicht die Orgel, „wie irrtümlich behauptet wird“ – die Königin der Instrumente sei. Und das, obwohl Posaunen laut Überlieferung des Alten Testaments der Bibel bei Jericho eigentlich „als Abrissbirne für Befestigungsmauerwerke“ benutzt wurden.

Viel Wiedererkennungsfreude

In dem Vortragsstück „Die Nacht vor dem Probespiel“ des 1953 geborenen Gunter Waldeck hat Thomas Horch freilich eine Steilvorlage für seine Ankündigungen. Waldeck baut ohne Rücksicht auf Verluste allerlei bekannte Zitate aus der Konzertliteratur zu einem kaleidoskopartigen Fugato zusammen, das viel Wiedererkennungsfreude erzeugt; von Mozart bis Ravel werden Themen angespielt, die die Phantasie eines Prüfungsanwärters in der Nacht davor plagen. Die Spielweise aller Themen ist sehr prägnant und teils virtuos.

Ein Gegenstück zu diesem musikalischen Spaß bildet Samuel Barbers „Adagio for strings“ op. 11. Die Geigen des Originals haben sich wundersam in Blechblasinstrumente verwandelt, und das Werk erklingt, mit sanfter und intensiver Empfindung vorgetragen, so, als wäre es für die vier Posaunen geschrieben worden. Sicherlich stand dieses „Adagio“ Pate für die Überschrift „Adagio für vier“, aber alles in allem beherrschen die empfindsamen Töne in moderatem Tempo das gesamte Programm mehr als die wilderen.

Natürlich gibt es aber auch die. Beispielsweise im ragtimigen „Golliwogg’s Cakewalk“ von Claude Debussy, dessen schmachtvolle Einwurfakkorde durch minimal angedeutete glissando-seufzende Spielweise eindrucksvoller werden, als es der Pianist bei der Originalversion überhaupt kann.

Elefanten sterben hören

„Round Midnight“ des Jazzers Theolonius Monk weckt – abgesehen von der Harmonik – kaum Assoziationen an den Jazz. Auch Verdis „Ave Maria“ aus „Othello“ präsentiert sich als klangschön und innig gestaltetes, zauberhaft zartes „Notturno“. Raymond Premrus „Andantino-Presto“ aus „Tisington Variations“ ist wiederum ein herbes, dynamisch vielfältiges Stück, an dessen Schluss die Fantasie des Hörers „die Elefanten sterben hören“ kann.

Balkanklänge ertönen beim in freiem Tempo vorgetragenen „Pjesma“ von Emil Cossetto, trotz seiner Entstehung im 20. Jahrhundert in spätromantischen Choralklängen empfindungsreich „gesungen“. Joze Zitnik „Pies“ ist moderner, mit tänzerischem Drive in zigeunerischer Tradition.

Renaissance und Barockzeit sind vertreten durch eine Tanzsuite von Michael Praetorius, eine Sonata a quattro von Massimiliano Neri und eine Canzona von Claudio Merulo. Letztere besticht durch ihren pastoralen, wohligen Choralklang. Umfangreicher ist Bachs „Canzona“ d-Moll BWV 588 für Orgel, eine fugatoartige Komposition, in die die Bassposaune solo einführt. Nach und nach treten die „Tenöre“ hinzu, und diese „lebende Orgel“ trägt das Werk vor mit Sinn für das polyphone Zusammenwirken der Stimmen. „Gospeltime“ von Jeffrey Agrell und eine jazzige Zugabe schließen das kurzweilige Konzert ab.

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