Brigitte Rußi ist mit einer verblüffenden Begegnung der siebten Art konfrontiert: Sie kann ihren Ur-ur-ur-ur-urgroßvater quasi reden hören. Aus dem Jahr 1784 stammt die Originalmitschrift eines Verhörs, dem sich der flotte Musketier vor einem Sittengericht der Kirche unterziehen musste, weil er die Tochter eines Bauern in Jungholzhausen geschwängert hatte. Sieben Generationen liegen zwischen dem liebeslustigen Johann Christoph Scharrer und seiner heute 75-jährigen Nachfahrin.

Beim Werkstatt-Tag für Familienforscher hat Jan Wiechert, Mitarbeiter im Hohenlohe-Zentralarchiv, das kostbare Dokument für die Seniorin zielsicher aus den insgesamt 5,1 Kilometer langen Aktenregalen in Schloss Neuenstein herausgefischt. Die alte Schrift auf dem leicht angegrauten Pergament: Ein grafisches Meisterwerk. „Das ist der Düncher“, sagt Wiechert, und es klingt, als spreche er von einem Kollegen, der im Büro nebenan arbeitet, und nicht von einem Mann, der vor zweieinhalb Jahrhunderten, mit Federkiel und Tinte bewaffnet, allerlei behördlichen Schreibkram erledigte.

Der Sündenfall mit Eva Maria

Für Brigitte Rußi fühlt sich der Fund an wie ein Sechser im Lotto. Die Akte des Verhörs enthüllt den gesamten Lebenslauf ihres Ahnen und gibt eine detaillierte Beschreibung seines Sündenfalls mit Eva Maria Margaretha Stempfer, ohne den es die heutige Begegnung über die Grenzen der Zeit hinweg wohl nicht gäbe. „Acht Tag vor Lichtmeß“ sei es nachts in ihres Vaters Haus und ihrer Kammer geschehen, sagte der Musketier aus. Er sei bei ihrem Vater „in Quartier gelegen“ und habe ihr „nachts geklopfet, da sie ihm denn aufgemacht habe.“ Wie man weiter erfährt, wären die beiden einer Ehe nicht abgeneigt gewesen. Doch da der damalige Fürst von Hohen­lohe-Langenburg keine Lust auf den Unterhalt „geheurateter Soldaten“ hatte und der junge Mann nach seiner Dienstentlassung ebensowenig auf ein Dasein als Knecht, wurde nichts aus einem Happy End. Die Strafe fiel milde aus: Ein Bußgeldbescheid über sechs Gulden für sie und ein paar Sonderwachen für ihn.

In Jungholzhausen war Johann Christoph danach nie wieder stationiert. Mit einer anderen Frau gründete er den Zweig, aus dem Brigitte Rußi stammt. Das ändert aber nichts an ihrem Stolz auf den interessanten Familienzuwachs. „Mit dem bin ich verwandt“, freut sie sich und berührt das „sprechende“ Dokument liebevoll, „davon häng ich mir eine Kopie an die Wand!“ Eigentlich kam sie mit einem ganz anderen Anliegen zum Ahnenforscher-Seminar. Bei Besuchen in Langenburg war der gebürtigen Karlsruherin ein seltsames Gerücht zu Ohren gekommen, das besagte, ihre Ururgroßmutter habe dort mit fünf unehelichen Kindern in einem prächtigen Haus gelebt. „Teedame“ im Schloss sei Katharina Barbara Scherrer gewesen. „Da hat sie halt nicht nur Tee getrunken“, bemerkt Rußi ironisch. Sie folgert aus der Sachlage, dass der Schlossherr persönlich Vater der Kinder gewesen sein müsse, und genau das will sie mit Hilfe des Zentralarchivs untersuchen. Die Papiere vom Standesamt belegen sogar die Geburt von sieben Kindern der Teedame, alle mit unbekanntem Vater. In solchen Fällen komme man selten weiter, spricht Jan Wiechert aus Erfahrung. Die frischgebackene, fünffache Musketier-Urenkelin möchte es trotzdem versuchen. Das Ahnenforscherfieber hat sie gepackt.

Macht Familienforschung süchtig? „Das geht tatsächlich vielen Leuten so“, berichtet Ulrich Schludi, Leiter des Hohenlohe-Zentralarchivs. Man solle jedoch darauf vorbereitet sein, Dinge zu erfahren, die man vielleicht lieber gar nicht wissen wollte: „Vor ein paar hundert Jahren herrschten rauhe Sitten.“ Eine der schwierigsten Hürden für Anfänger seien die alten Schreibschriften: „Die muss man lesen können.“ Das Zentralarchiv biete dafür regelmäßig Kurse an.

Bis ins Jahr 1520 zurück

Oft beginnt es wie bei Hans-Peter Abel. Er erstellte bereits als Jugendlicher durch Umfragen bei allen erreichbaren Angehörigen eine Liste seiner lebenden und verstorbenen Verwandten. Dann war es passiert: „Als ich hundert Namen gesammelt hatte, konnte ich nicht mehr aufhören.“ Mittlerweile ist der 45-jährige Pfedelbacher bis ins Jahr 1520 zurückgereist und hat auf dem Weg 8300 Vorfahren dingfest gemacht.

Dank des Internetportals der evangelischen Kirche ist es für Schriftkundige seit drei Jahren relativ einfach, die Vergangenheit zu durchforsten: Archion stellt 35 000 digitalisierte Kirchenbücher zur Verfügung, das älteste stammt aus dem Jahr 1587. Beim Seminar werden die Neulinge an den Umgang mit der riesigen Datenbank herangeführt und lernen, dass es noch unendlich viele Quellen mehr gibt, die den Schleier der Jahrhunderte lüften. Jeder hat für die Recherche seinen eigenen Laptop mitgebracht. Schludi und Wiechert gehen von einem Arbeitsplatz zum anderen, geben Tipps, helfen suchen und schleppen Originaldokumente heran. Das Archiv gehört zum Eigentum des Adelshauses Hohenlohe und stellt eine echte Besonderheit dar: „Wir haben hier eine der vollständigsten Archivaliensammlungen Deutschlands, in manchen Bereichen, wie für Langenburg, Weikersheim oder Kirchberg, ist sie sogar lückenlos.“

Das Honorar der Minnesänger

Eine wahre Flut überdies noch sehr bildhafter Informationen lieferten die historischen Rechnungsbücher. Bauaufträge, Handel, Feste, Hinrichtungen — einfach alles, was mit dem Leben zu tun habe, sei schon immer mit Rechnungen einhergegangen. Man entdecke da Personen, die sich in keinem Kirchenbuch fänden: „Ich kenne eine ganze Reihe Minnesänger nur auf Grund ihrer Honorare“, sagt Schludi. Um den wertvollen Bestand nach Vorbild des evangelischen Kirchenbuchportals zu digitalisieren, fehle leider das Personal.

Jan Wiechert stellt den Seminarteilnehmern einen gut 25 Zentimeter dicken Band mit Langenburger Kammerkassenrechnungen der Jahre 1759 bis 1760 vor. Unzählige Handwerker, Bäcker, Tagelöhner, Kaufleute und sogar italienische Zitronenhändler sind mit Namen vermerkt, ihre Leistungen auf den Heller genau eingepreist. Unter „Insgemein“, das heute als „Sonstiges“ bezeichnet würde, erhält man Kenntnis von so netten Details, wie den acht Kilo Himbeeren, die ein Schulmeister Klotz aus Jungholzhausen für seine Frau zum Einmachen gekauft hat, und dass es ein Schornsteinfeger aus Schwäbisch Hall war, der damals die Kamine im Schloss reinigte. Den Musketier von Brigitte Rußi hofft Wiechert im mit einem wunderhübschen Blumeneinband geschmückten Landschaftskassenbuch des Jahrgangs 1788 zu finden. Unter dieser Rubrik sind nämlich auch militärische Ausgaben verzeichnet. Leider greift der Vorführeffekt: In diesem Rechnungsjahr sind die erwähnten „15 Gemeinen“ nicht, wie sonst üblich, einzeln aufgeführt.

Klüger als Wikipedia: Neues Wissen über alte Gemäuer


Immer wieder ergründen Hobbyforscher nicht ihre Familiengeschichte, sondern die eines alten Hauses, das sie erworben haben. Eine davon ist Daniela. Sie und ihr Mann möchten ihr denkmalgeschütztes Haus in der barocken Kleinresidenz Bartenstein möglichst originalgetreu restaurieren lassen. Nun sucht die junge Frau nach historischen Ansichten und Bauzeichnungen. Jan Wiechert nimmt die Fährte auf. Sie führt von einem Rechnungsbuch zum „Güterbuch der Stadt Bartenstein“ mit Datum 1811. Das gesuchte Anwesen ist tatsächlich drin – aber nur mit Verweisen auf frühere Besitzer und nicht mit den gewünschten Darstellungen. An diesem Tag bleibt es das einzige Ergebnis, aber Daniela wird wiederkommen. Damit sie bei der Suche selbstständiger wird, will sie einen Lesekurs belegen.

Hubert Barthel kann als „blutiger Anfänger“ dagegen gleich einen Volltreffer landen: Er hat herausgefunden, dass die Burg, deren Überreste in seinem Heimatort Neufels zu sehen sind, 1269 erbaut wurde und somit 2019 die Feier zum 750. Jubiläum ansteht. Damit ist er (und jeder, der das hier liest) jetzt klüger als Wikipedia. Dort ist nur die erste Erwähnung im Jahr 1287 eingetragen.