Gesundheit Haller Frauenselbsthilfe wird 40 Jahre alt

Ruth Knerr trägt einen grünen Schal. „Das ist bundesweit das Markenzeichen der Frauenselbsthilfe nach Krebs“, sagt sie.
Ruth Knerr trägt einen grünen Schal. „Das ist bundesweit das Markenzeichen der Frauenselbsthilfe nach Krebs“, sagt sie. © Foto: Katja Hartwig
Schwäbisch Hall / Monika Everling 10.07.2018
Ruth Knerr ist neue Leiterin der Haller Gruppe Frauenselbsthilfe nachdem sie eine Krebserkrankung überwunden hat. Die Gruppe feiert am heutigen Dienstag ihr 40-jähriges Bestehen.

„Ich habe alle großen Gläser aus meinem Haushalt entfernt. Auch in Gaststätten bestelle ich lieber drei kleine Getränke als ein großes.“ Das
ist eine der Nachwirkungen der Chemotherapie, die Ruth Knerr noch heute, 16 Jahre nach ihrer Krebserkrankung, begleiten. Denn während der Therapie musste sie viel trinken, dazu sollte sie sich ein großes Glas bereitstellen und dieses ganz leeren. Deshalb mag sie heute keine großen Gläser mehr sehen. „Zudem kann ich kein rotes Fleisch essen und es auch nicht anschauen, ohne dass es mir einen Schauer durch den Körper jagt. Das betrifft zum Beispiel Lachs und Garnelen.“ Das ist eine seltsame Nebenwirkung der Chemotherapie, die viele Patienten haben. Im Krankenhaus sei immer gefragt worden, wer keine roten Abdeckungen auf dem Essen sehen kann, und dann wurden die Abdeckungen außerhalb des Therapieraums abgenommen.

Ängste und Hoffnungen

Abgesehen von solchen Kleinigkeiten kann Ruth Knerr heute ein weitgehend unbeschwertes Leben führen. „Nur die zwei, drei Wochen vor der nächsten Vorsorgeuntersuchung sind immer kritisch. Da horche ich ängstlich in den Körper hinein, denke, da hat sich doch was verändert. Und hinterher denke ich: Was hast du dir wieder unnötig Sorgen gemacht.“ Und: Wenn jemand aus ihrem Umfeld an Krebs stirbt, dann „nimmt es mich schon sehr mit“. Aber dann ist es nicht die Angst um die eigene Gesundheit, die sie umtreibt, sondern das Mitgefühl: „Ich kann mir gut vorstellen, was die Person vor ihrem Tod alles mitgemacht hat an Ängsten und Hoffnungen.“

Bei Ruth Knerr wurde 2002 bei einer Vorsorgeuntersuchung eine kleine Zyste im Bauchraum entdeckt, die zunächst harmlos aussah. Eine kleine OP, dann ist es vorbei. So war der Plan. Doch bei der Operation zeigte sich, dass die Patientin an einem aggressiven Gebärmutter- und Eierstockkrebs litt. „Das entwickelt sich rasend schnell“, sagt Knerr. Es folgten Bestrahlungen und ein hal­bes Jahr lang alle drei Wochen eine Chemotherapie.

„Ich durfte mir aussuchen, wann ich die Chemo bekomme. Ich habe mich für montags entschieden, weil es einem zwei Tage später besonders schlecht geht und ich so am Wochenende, wenn die Kinder daheim waren, wieder etwas besser dran war.“ Die Töchter waren damals 17 und 14 Jahre alt – eine Phase, in der Jugendliche eigentlich von den Eltern Halt brauchen. Aber bei Ruth Knerr war es manchmal andersherum: „Es gab eine Zeit, da wollte ich nicht mehr. Ich wollte die Chemo abbrechen. Aber meine Töchter haben gesagt: ,Mama, jetzt geht es dir nur noch dreimal nicht gut.’ Das war absehbar, das hat mir sehr geholfen.“ Auch anderen Menschen, die ihr geholfen haben, ist Knerr dankbar. Da sind die Kolleginnen, die es einfach akzeptiert haben, wenn sie sich manchmal für ein paar Minuten in eine Ecke setzen musste. „Die Nachwirkungen der Chemotherapie dauern eineinhalb bis zwei Jahre an.“ Weiter sind da die Verantwortlichen in der Diak-Altenhilfe, die ihr trotz Krankheit den Arbeitsvertrag unbefristet verlängert haben. Und die Chorleiterin Birgit Schrandt sowie die Mitsänger im Gesangverein Untersontheim, die kein großes Aufhebens darum gemacht haben, ob Knerr mit oder ohne Perücke zur Singstunde kam.

Solche Unterstützung will sie heute weitergeben. Vor Kurzem hat sie sich entschlossen, die Gruppenleitung für die Frauenselbsthilfe nach Krebs zu übernehmen, der sie seit 2004 angehört. „Die langjährige Gruppenleiterin Inge Frey ist im Februar plötzlich gestorben. Die Gruppe stand vor der Auflösung. Und ich wollte nicht, dass es nach 40 Jahren einfach so zu Ende geht.“ So hat die Gruppe heute gleich doppelt Grund zum Feiern: Sie besteht seit 40 Jahren und sie wird weiter bestehen.

Die Frauenselbsthilfe nach Krebs und ihre Leiterin

Ruth Knerr ist 1956 in Schwäbisch Hall geboren und in Gnadental-Wagrain aufgewachsen. Sie besuchte die Hauptschule in Michelfeld und machte beim Haller Landratsamt eine Ausbildung zur Verwaltungsangestellten. Für die Familienzeit schied sie aus dem Berufsleben aus. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie als Betreuerin vorwiegend für Demenzkranke im Gottlob-Weißer-Haus, dem Pflegeheim auf dem Haller
Diak-Gelände. Ruth Knerr wohnt in Sulzdorf, sie hat zwei Töchter und zwei Enkelkinder, das dritte kommt bald. Sie singt im Gesangverein Untersontheim, wandert gerne und fährt Fahrrad („ohne E!“).

Die Frauenselbsthilfe nach Krebs wurde 1976 in Mannheim gegründet, die Haller Gruppe besteht seit 1978. Heute, Dienstag, feiert die Gruppe im Gasthaus „Zum Löwen“ in der Schwäbisch Haller Mauerstraße 17 ihr 40-jähriges Bestehen. Beginn ist um 18 Uhr.

Regelmäßige Treffen sind am zweiten Dienstag jedes Monats im Haller Brenzhaus, zudem gibt es am vierten Dienstag im Monat eine Wanderung oder ähnliche Aktivität. Info unter Telefon 07 91 / 49 01 28. evl

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