Schwäbisch Hall Runengesänge mit urigen Texten

Fasziniert in der Haller Ägidiuskirche mit geistlicher Volksmusik aus Estland: das Ensemble Heinavanker.
Fasziniert in der Haller Ägidiuskirche mit geistlicher Volksmusik aus Estland: das Ensemble Heinavanker. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / MONIKA EVERLING 23.07.2014
Sie sind sehr gleichförmig, und sie scheinen endlos zu sein, die Runengesänge aus Estland. Trotzdem sind sie nicht langweilig, wenn Heinavanker singt. Das Ensemble zeigt höchste Stimmkultur.

Ausverkauft - dieses Wort liest man oft in letzter Zeit, wenn es um Konzerte des Hohenloher Kultursommers geht. So auch beim Auftritt von Heinavanker auf der Kleincomburg in Steinbach. Die Ägidiuskirche ist am Sonntagnachmittag brechend voll. Das estnische Vokalensemble ist zum wiederholten Mal beim Kultursommer zu Gast, und seine Qualität hat sich offenbar herumgesprochen.

Heinavanker, das sind zwei Frauen und vier Männer. Sie singen unprätentiös, oft mit geradem, Vibrato-armem Ton. Ihre ungewöhnliche Aufstellung Alt - Sopran - Bass - Bariton - Tenor (und dann noch der Ensemble-Leiter Margo Kolar, der als einzelne Singstimme nicht in Erscheinung tritt, sondern immer andere Stimmen unauffällig verdoppelt) führt zu einem außerordentlich ausgeglichenen, homogenen Gesamtklang.

Das Programm ist eigentlich durchgängig religiös, aber streckenweise sehr volksliedhaft und manchmal auch erheiternd. Die estnische Kultur ist eng mit der finnischen verwandt. Und so, wie die Finnen die Kalevala-Sage singen, singen die Esten ihr Volksepos Kalevipoeg in Runengesängen. Diese von musikalischen wie auch inhaltlichen Wiederholungen geprägten Stücke gingen ursprünglich aus Gesängen der Schamanen hervor. Ihre Gleichförmigkeit kann auch heute noch als mystisch empfunden werden - wenn die Gesänge nicht langweilig vorgetragen werden.

Aber das passiert bei Heinavanker sicher nicht. Das Ensemble widmet den kompletten zweiten Teil seines Programms eigenen Fassungen von Runengesängen, die zum Beispiel auf sagenhafte Weise die Entstehung der Welt aus den Eiern eines blauen Vogels erklären. Erheiternd wird es zum Schluss, als eine lange Geschichte davon erzählt, wie Jesus Hilfe sucht, sie aber weder von einer Kirche noch von einem Pferd erhält. Erst ein Stier hilft ihm, und zur Belohnung verspricht Jesus ihm, dass es nach seiner Schlachtung gutes Bier geben werde.

Für dieses volkstümliche Stück schlägt Heinavanker einen anderen Ton an als für die Werke vorher: einen gröberen, erregteren. Die gregorianischen Gesänge, Gebete und geistlichen Volkslieder aus dem ersten Programmteil waren sehr gepflegt erklungen, betont schlicht gestaltet zwar, aber sängerisch nahezu perfekt - und große Ruhe ausströmend. Die Sänger sind in der Lage, Töne zu verschleifen und Mikrotonschritte zu verwenden, und trotzdem eine ganz saubere Intonation und reinen Zusammenklang zu erzeugen - eine seltene Qualität. Das Publikum ist hingerissen.

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