Wenn drei Teenager-­Mädchen in einer warmen Nacht am offenen Fenster sitzen und lauthals reden, kann der Nachbar schräg gegenüber nicht schlafen. Diesen Fall aus der nächtlichen Haller Altstadt hellte das Amtsgericht jetzt auf.

„Nach Ostern ging‘s los“, sagt der 69-jährige Bewohner einer Gasse, die nahe dem Haalplatz liegt. Zu „nachtschlafender“ Zeit fand er immer wieder keine Ruhe. Die 16-jährige Tochter im Haus schräg gegenüber redete mit zwei Freundinnen an einem offenen Fenster im ersten Stock. „Sie saßen auf der Fensterbank und führten Handygespräche“, berichtet er. „Das ging die halbe Nacht!“ Er habe den Stress kaum noch ausgehalten: „Ich hab’ sie acht- bis zehnmal am Fenster angesprochen, es hat nichts genützt!“

Nicht genug, dass er und auch weitere Hausbewohner häufig in ihrer Nachtruhe gestört wurden. Er bekam von den Mädchen Widerworte wie: „Leg’ dich schlafen, Alter!“ Das ärgerte ihn besonders. Wegen des lauten Palavers am Fensterbrett wandte er sich zunächst an das Haller Ordnungsamt. „Ohne Polizei geht es nicht“, habe man ihm gesagt. Deswegen habe er Ende Juni bei der Polizei Anzeige erstattet.

Bevor Richterin Nicole Reichstädter in diesem Fall eine Entscheidung trifft, weist sie die 16-Jährige auf ihr Fehlverhalten hin. „Dann entschuldigt man sich mindestens“, ermahnt sie die Schülerin, die mit ihrem roten Handy in der Hand etwas pampig auf dem Zeugenstuhl Platz genommen hat. Das Mädchen meint, sie habe sich mit ihren Freundinnen am Fenster nur in „Zimmerlautstärke“ unterhalten. In der engen Gasse gebe es aber ein „akustisches Problem“, entgegnet Richterin Reichstädter dem Teenager.

Das Ordnungsamt hat schließlich wegen „Störung der Nachtruhe“ einen Bußgeldbescheid über 100 Euro erlassen. Der Bescheid ging aber nicht an die junge Ruhestörerin selbst, sondern an deren Mutter.

Die 38-jährige Mutter habe, so die Behörde, ihre Aufsichtspflicht verletzt. Gegen diesen Bescheid legte die berufstätige Frau Einspruch ein. In der Verhandlung berichtet sie, ihre Tochter sei nachts viel länger wach als sie selbst. Aber von nun an werde sie dafür sorgen, dass das Mädchen niemanden mehr am Schlafen hindere.

Nachbar: „Ich bin nicht euer Feind!“

Richterin Reichstädter stellt daraufhin das Bußgeldverfahren gegen die Frau ein. Der Anzeigeerstatter ist einverstanden. „Wir können reden“, sagt er zu der 38-Jährigen, die in der Gasse quer zum Wohnhaus ein gut eingeführtes Geschäft betreibt. Der gediegen gekleidete Senior will keinen weiteren Streit. Der 16-jährigen Nachbarstochter hat er während der Verhandlung versichert: „Ich bin nicht euer Feind!“