Umwelt Roter Koloss in grüner Mission

Landkreis / Verena Köger 08.09.2018

Am Feuerwehrmagazin in Gnadental wuselt es. Bewohner des Michelfelder Ortsteils scharen sich um einen riesigen Lkw. 18 Meter lang, vier Meter hoch. Er ist feuerrot. „Umweltmobil“ steht in großen, weißen Buchstaben darauf. Schon seit 27. August ist es im Haller Landkreis unterwegs und sammelt Gefahrenstoffe ein. Feuergefährlich, ätzend, giftig, chemisch aktiv – alle Stoffe, die unter diese Kategorien fallen, zum Beispiel Laugen und Säuren, Lacke und Kleber, dürfen nicht im Restmüll entsorgt werden. Deshalb kommt einmal im Jahr das Umweltmobil, das diese gefährlichen Stoffe kostenlos für die Bürger abholt.

Im Führerhaus sitzen Lkw-Fahrer Roland Frank und Chemiker Arnold Haase. Beide arbeiten für den Umweltservice Veolia in Backnang. Die Firma führt die Fahrten im Auftrag des Landratsamtes durch. Iris Laukemann von der Abfallwirtschaft ist an diesen Tag auch dabei. Bekleidet mit einer roten Latzhose und Arbeitsschuhen unterstützt Laukemann die beiden Männer. Diese sind leicht zu erkennen. Sie tragen orangene Warnkleidung. Als sie die seitliche Klappe des Lkws öffnen und den Treppenaufgang aufbauen, stellen sich die Bewohner in einer Reihe wie an der Supermarktkasse auf. Die einen haben lediglich zwei Eimer in der Hand. Andere tragen mehrere Kisten oder Körbe mit Sachen, die sich im Haushalt angesammelt haben. Mit Bollerwagen, Schubkarren oder dem Auto haben sie ihren Sondermüll transportiert.

Die Abgabe erfolgt nach einer klaren Regelung. Wer dran ist, läuft die eine Seite der Treppe bis zum Podest hoch und stellt seine Sachen auf einer Art Theke ab. Laukemann steht mit auf dem Podest und räumt die Problemstoffe aus den Kisten, Kartons und Tüten aus. Haase sortiert auf der anderen Seite der Theke im Inneren des Lkws die Gegenstände nach den Bestandteilen.

Fotografieren verboten

Wie es im Lkw aussieht, darf nur beschrieben werden, erklärt Haase. Bilder zu machen, sei vom Unternehmen untersagt. Der Grund: „Schutz vor Konkurrenzfirmen“. Das Betreten sei ebenfalls verboten. Schilder an der Wand schreiben vor, dass man Schutzkleidung tragen muss. Vom Podest aus sind lediglich ein Waschbecken und Regale mit vielen blauen Tonnen, rund 30 Stück, zu sehen, außerdem zwei Koffer. „Die sind für Notfälle. Darin sind zum Beispiel Gasmasken, Bindemittel und Anzüge“, schildert der 59-jährige Haase. Er schaut sich jedes Behältnis und dessen Inhalt genau an, gruppiert diese nach dem Werkstoff, der darin enthalten ist, und weist ihm eine bestimmte Nummer, den Abfallschlüssel, zu. Dieser gebe an, wie die Stoffe in Backnang verwertet werden. „Metalldosen mit Farbresten werden geschreddert und so erhitzt, dass die Farbe schmilzt und die Metallteile für neue Blechdosen wiederverwendet werden können“, erklärt Haase. Im Inneren des Fahrzeuges dürfe es nie weniger als Null Grad haben, da sonst bestimmte Stoffe mit der Luft reagieren. Die Verantwortung, die Haase trägt, ist enorm groß. Ordnet er einen Stoff falsch zu und dieser reagiert mit einem anderen, kann es zu schwerwiegenden Folgen, wie einer Explosion, kommen.

Doch Roland Frank, der Haase im Inneren des Lkws zur Hand geht, ist entspannt. „Arnold weiß einfach alles. Ich mache mir bei ihm keine Sorgen“, sagt der 55-Jährige. Die Beiden sind erst seit Kurzem ein Team. Haase ist zwar schon seit 26 Jahren in Landkreis im Einsatz. Für Frank ist die Tour aber eine Premiere. Er ist seit vielen Jahren Lkw-Fahrer, aber Gefahrguttransporte macht er noch nicht lange. Er musste eine spezielle Schulung besuchen, damit er den ADR-Schein bekommt, eine internationale Zulassung dafür, dass er gefährliche Güter auf der Straße transportieren darf. „Und durch Arnold lerne ich jeden Tag noch Neues dazu“, sagt Frank und lächelt.

Das kann auch Eberhard Kerker aus Rinnen an diesem Tag behaupten. Er hat vor allem Spraydosen dabei, die beim Renovieren übrig geblieben sind. Haase erklärt ihm, dass man mit diesen vorsichtig sein muss, da das Butangas in den Dosen brennbar ist. Einem anderen Gnadentaler redet Haase ins Gewissen, dass Wühlmausgift nicht in Kontakt mit Wasser kommen darf. „Der dadurch entstehende Phosphorwasserstoff lähmt die Nerven bei Mäusen – und Menschen.“

Gefahrenstoff im Marmeladenglas

Manche Bürger seien nicht einsichtig, so Laukemann. Gefährlich sei es vor allem, wenn die Stoffe nicht in den Originalbehältnissen, sondern zum Beispiel in Marmeladegläsern abgegeben werden. „Dann muss Roland die Substanzen testen“, sagt die Verwaltungsfachangestellte. Die Touren mit dem Umweltmobil machen ihr Spaß. „Man kommt mit den Leuten ins Gespräch“, so die 57-Jährige. Sie merke dann immer, dass viele Haller ein Bewusstsein für die Umwelt haben.

Wie die Gnadentaler, die an diesem Tag zum Umweltmobil kommen. Nach etwa einer halben Stunde ist der Tumult aber vorbei. „Wir wollen so schnell wie möglich unser Zeug loswerden. Wer weiß, wie viel sie annehmen können“, erklärt eine Gnadentalerin, die in ihren Hausschuhen gekommen ist. Also räumt das Dreiergespann den Parkplatz am Feuerwehrmagazin. Haase baut die Treppe auseinander und verstaut sie im Lkw. Frank bringt derweil ein Schild am Lkw an, das kennzeichnet, dass er nun brennbare, feste Stoffe mit sich führt. Denn alle Gefahrenstoffgruppen, die er transportiert, müssen für Andere ersichtlich sein. Danach kann es los gehen. Frank setzt zum Ausparken an. Er braucht mehrere Versuche, um den Lkw auf die Straße zu befördern. Laukemann und Haase winken ihn heraus. Mit 60 Kilometer pro Stunde – schneller darf Frank nicht fahren – geht es weiter zur nächsten Sammelstelle am Sportplatz in Bibersfeld.

Fleckenentferner und Alkohole

Auch hier warten schon einige Umweltfreunde auf den großen, roten Sattelschlepper. Rund 20 Bibersfelder wollen ihre Problemstoffe loswerden, so zum Beispiel Karl-Heinz Sanwald. Er hat gleich mehrere Kisten dabei. Fleckenentferner, Reinigungsmittel, Alkohole – die meisten Sachen stammen von der Haushaltsauflösung seiner Mutter. Als Handwerksmeister ist es für den 57-Jährigen selbstverständlich, sich über Gefahrenstoffe zu informieren, und diese auch sachgerecht zu entsorgen. Das Umweltmobil findet er „klasse“.

Während es im Inneren des Lasters klappert und poltert – Frank verstaut wohl ein paar volle Fässer – kommt Christoph Hartmann mit einem Schubkarren angefahren. Der 24-Jährige renoviert gerade das Haus seines Großvaters. In Arbeitsmontur hat er sich zu Fuß aufgemacht, um schon mal ein paar Farbeimer, Holzgrundierung und Altlacke loszuwerden. Er nutzt das Angebot des Landratsamtes zum ersten Mal und ist begeistert, dass es kostenlos ist. Nach rund zehn Minuten hat er alles abgegeben und macht sich mit leerem Schubkarren wieder auf den Heimweg. Das tun ihm auch die Anderen gleich und so wird die Schlange schließlich immer kürzer.Um Punkt 12 Uhr nehmen Haase und Frank die letzten Stoffe an. Dann fällt die Klappe des Lkw zu. Frank muss als Fahrer seine gesetzlich vorgeschriebene Pause machen. Also gehen die drei zu einem Bäcker in Bibersfeld und stärken sich für den Nachmittag. Dann geht es weiter nach Michefeld und Bubenorbis.

In 18 Tagen an 64 Stellen im Landkreis

Das Umweltmobil der Firma Veolia aus Backnang mit Hauptsitz in Berlin geht jedes Jahr innerhalb des Haller Landkreises auf Tour. In 18 Tagen fährt es 64 Sammelstellen an. In diesem Jahr ist es noch bis zum 19. September unterwegs. Kostenlos abgegeben werden können unter anderem Farben, Lacke, Kleber, Lösungsmittel, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel sowie Säuren und Laugen, jedoch kein Altöl, keine Trockenbatterien und Altmedikamente. Die Menge ist auf höchstens hundert Kilogramm pro Anlieferung begrenzt. 2017 haben 2710 Personen aus dem Landkreis rund 54 Tonnen an Gefahrenstoffen beim Umweltmobil abgegeben.

Gewerbliche und landwirtschaftliche Betriebe können das Umweltmobil nicht nutzen. Diese können ihre Stoffe gegen eine Gebühr beim Entsorgungszentrum Hasenbühl in Hessental abgeben. Auch Privatpersonen können dieses Angebot nutzen. Die weiteren Termine des Umweltmobils sind auf www.abfall-sha.de ersichtlich. ena

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