Schwäbisch Hall Ronen Steinke spricht in Hall über Fritz Bauer, den Motor der Auschwitz-Prozesse

Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 18.11.2014
Dass eine Biografie über einen Juristen ein spannendes Stück Geschichte sein kann, hat Ronen Steinke in Hall gezeigt. Im Kunstfoyer der Sparkasse stellte er sein Buch über Fritz Bauer vor - und wurde viel gefragt.

Er hat in den 60er-Jahren die Nazi-Vergangenheit in deutsche Wohnzimmer geholt: Fritz Bauer (1903-1968) war Generalstaatsanwalt in Frankfurt und hat gegen enorme Widerstände Täter aus Auschwitz vor Gericht gebracht. Der Prozessauftakt war vier Tage vor Weihnachten 1963. "In diese Selbstzufriedenheit platzte ein Prozess mit einer enormen Lautstärke: 200 Journalisten und zwölf Kamerateams waren dabei", erzählt Ronen Steinke im Kunstfoyer der Sparkasse in Hall.

Er wird 20 Jahre später geboren. Der Autor Steinke ist studierter Jurist und hat sich für sein 2013 erschienenes Buch auf die Spuren Bauers begeben. Er zeichnet das Bild eines faszinierenden Juristen. Mehr als 80 Gäste hören im Kunstfoyer der Sparkasse in Hall aufmerksam zu, fragen interessiert nach und tauschen sich später in Gesprächen aus.

In klarer und sensibler Sprache stellt Steinke im Buch das Leben und die Arbeit Bauers vor. Er beschreibt seinen "freundlichen, schwäbisch gefärbten Bass", sein weißes flammendes Haar, die kleine Zigarre in der Hand. Die Szenen sind voller Details, wirken sehr lebendig. Eindrucksvoll schildert er die gespenstische Unauffälligkeit der Angeklagten im Gerichtssaal, das erschreckend normale Erscheinungsbild grausamer und brutaler SS-Männer: "Die Angeklagten - sind mitten unter uns."

Bauer brachte 20 Personen auf die Anklagebank, ein Querschnitt durchs Lager vom SS-Lageradjudanten bis zum Häftlingskapo. Gewiss eine willkürliche Auswahl, räumt Steinke ein, aber mit System: Die Anklagebank spiegelte die Lagerstruktur wider. Bauers juristisches Kernanliegen: Wer die Tötungsmaschine am Laufen hielt, der mordete mit. Die isolierte Betrachtung einer Tat, das Abwälzen der Verantwortung auf eine andere Ebene des Macht-Apparats, das ließ er nicht gelten. "Erst mit dem Auschwitz-Prozess mussten die Deutschen sich mit der Frage nach Schuld und Verantwortung auseinander setzen", sagt Steinke.

Fritz Bauer wurde damals zum wohl meist gehassten Staatsanwalt des Landes. Einst war er als Jude selbst von den Nazis verfolgt worden, musste nach Dänemark emigrieren, dann nach Schweden. Nach dem Krieg wollte er möglichst schnell wieder zurückkehren, um seine Heimat wieder aufzubauen. Die Alliierten rieten dem Freund von Willy Brandt und Kurt Schuhmacher jedoch ab: Die Deutschen seien noch nicht reif für ihn, einen Juden.

Das habe Bauer tief erschüttert, sagt Steinke. So sehr, das er fortan alles Jüdische von sich wies: "Von 1949 an bezeichnete er sich als ,glaubenslos." Überlebende, die im Auschwitz-Prozess als Zeugen aussagten, setzen große Hoffnung in Bauer. Doch er wollte mit ihnen kein Wort wechseln. Bauer sei peinlich genau auf Neutralität bedacht gewesen, ihm sollte nichts vorgeworfen werden. Nicht Rache, sondern Recht war sein Antrieb. Der Humanist arbeitete mit "verzweifelter Liberalität", setzte sich für eine Reform des Strafrechts und für Resozialisierung ein, er blickte nach vorn. "Fritz Bauer steht für Zivilcourage", sagt Steinke und fasst Bauers Credo zusammen: "Du musst Nein sagen können."

Steinkes Buch "Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht" ist das erste Sachbuch, das in der Reihe "Literatur live" vorgestellt wird. Halls Kulturbeauftragte Ute Christine Berger lässt durchblicken, es wird wohl nicht das letzte sein.