Mick Jagger kommt an diesem Abend im Kunstfoyer der Sparkasse nicht gut weg: „Schon ein rachsüchtiger Mistkerl, nicht wahr? Aber er hat schöne Songs geschrieben“, schiebt Julian Dawson augenzwinkernd in seine Lesung ein, der rund 70 Zuhörer lauschen. Der Rolling-Stones-Frontman muss seinen einstigen Pianisten Nicky Hopkins (1944–1994) ziemlich ausgenutzt haben. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn Dawson aus seinem Buch vorträgt.

Den 64-Jährigen kennt man vor allem als Singer-Songwriter, Gitarrist und Mundharmonikaspieler. Er trat mehrfach in Hall auf. Diesmal ist er auf Einladung des Konzertkreises Triangel und des Kulturbüros in die Siederstadt gekommen, um in der Reihe „Very British“ aus seiner Nicky-Hopkins-Biografie zu lesen.

Er selbst habe Hopkins erst wenige Monate vor dessen Tod im September 1994 kennengelernt. „Ich wollte mehr gemeinsam mit Nicky machen“, die beiden waren auf einer Wellenlänge, „wir hatten viele Pläne.“ Daraus wurde nichts. Doch der britische Musiker begann, für eine Hopkins-Biografie zu recherchieren und setzte dem „unbekanntesten Rockstar seiner Zeit“, ein literarisches Denkmal. 13 Jahre lang hat er an dem Buch gearbeitet, 130 Menschen  dafür interviewt – auch Keith Richards: „40 Minuten durfte ich mit ihm sprechen.“

Deutsche Version vergriffen

Allerdings: Der 400 Seiten dicke und im Jahr 2010 auf Deutsch erschienene Band ist vergriffen – „aber auf Englisch gibt’s das Buch noch, und es ist viel dicker“, sagt Dawson verschmitzt. Für die deutsche Version habe er 40 Prozent kürzen müssen.

Nicky Hopkins sei als Jugendlicher auf dem Weg zum Klavierstudium gewesen. „Über seine Schwester hat er den Rock entdeckt“, erzählt Dawson und berichtet von den ersten Auftritten, die Hopkins gemeinsam mit dem exzentrischen David Sutch – später als Screaming Lord Sutch bekannt – in der englischen Provinz bestritt: Es müssen ziemlich chaotische und makabre Events gewesen sein.

Hopkins litt an der Darmkrankheit Morbus Crohn. „Er hatte 14 Operationen innerhalb von zwei Jahren.“ Der 19-Jährige sei zu schwach gewesen, um mit Bands auf Tour zu gehen. Aber er hatte schnell einen Ruf als exzellenter Begleitmusiker. Daher war er im Studio sehr gefragt – wenn auch schlecht bezahlt. Dawson beschreibt Hopkins als „bescheidenen und nerdigen Typen“.

Im Studio traf er auf die Stones, die ihn als Musik-Arbeiter intensiv in Anspruch nahmen: „Nicky war so wesentlich bei vielen Songs der Stones“, betont Dawson. Beispielsweise sein „düsteres, perkussives Piano-Riff“ in dem 1967 als Single veröffentlichten Hit „We love you“. Eine entsprechende Würdigung erfahre Hopkins aber kaum. Immerhin habe Keith Richards einräumen können: „Ohne das Klavier gäbe es den Song nicht.“ Und Jagger? Verkauft es als eigene Idee. Die Musikbranche ist brutal. Zwar hielt sich Hopkins mit Drogen anfangs zurück, war aber davon umgeben – und wurde süchtig.

Lustig und tieftraurig

Die Anekdoten, die Julian Dawson über Nicky Hopkins gesammelt hat, klingen oftmals lustig – und sind zugleich tieftraurig. Als Pianist der Band Raven spielte er „wunderbare Glissandi“, erzählt Dawson. Doch weil er durch seinen enormen Tequila- und Drogenkonsum zuweilen sturzbetrunken am Klavier saß, hätten die Mitmusiker ihn mit einem Gurt festgeschnallt, damit er beim Glissando nicht übers Ende der Tastatur stürzte.

Dawson bringt den Zuhörern diesen schüchternen Rockstar wirklich näher. Längst arbeitet er an einem weiteren Musiker-Buch: Spencer Davis habe ihn nach der Lektüre der Hopkins-Biografie angerufen und ihn beauftragt. 2019 soll das Werk fertig sein. Und natürlich bereichert Dawson die Lesung mit eigenen Songs – humorvoll, melancholisch, charmant, besinnlich, gewitzt: ein gelungener britischer Abend.