Nur wer weiß, dass die Buche ein Lebewesen mit einer langen, inhaltsreichen Geschichte ist, darf sie auch fällen“, findet Jörg Brucklacher. Fast zwei Stunden füllt der Revierleiter im Forstrevier Limpurger Berge die Köpfe seiner Zuhörer vom Waldbauverein im Hirsch in Dörrenzimmern mit Geschichten und Tatsachen über den Baum, der gemäß wissenschaftlicher Untersuchungen einst unangefochten den mitteleuropäischen Urwald beherrschte, weil er unter seinem dichten Blätterdach nur die eigenen „Kinder“ gedeihen. Anderen Gewächsen ist es dort schlicht zu dunkel. Die kathedralenhafte Atmosphäre, die so unter den bis zu 30 Meter hohen, lichtgrünen Kronen eines reinen Buchenwaldes entsteht, soll den Kirchenarchitekten der Gotik als Inspiration gedient haben.

Extrem vielseitig war in alten Zeiten sein Nutzen für den Mensch. Brucklacher zeigt eine Landkarte vom oberpfälzischen Markt Mantel, auf der dicht an dicht hunderte Köhlerein eingetragen sind, die früher den dortigen Erzbergbau mit Buchen-Holzkohle belieferten. Große Meilerplätze kann man bis heute auf Luftbildern deutlich als dunkle Flecken erkennen, etwa auf einem Acker bei Schönbronn in Bühlerzell. Wollte ein Mädchen heiraten, verlangte der künftige Gatte von ihr, neben den üblichen hausfraulichen Fertigkeiten, das  „Bäuchen“ , wie die Herstellung von Pottasche aus Buchenholzasche zum Zweck der Reinigung und des Backens genannt wurde. Noch wichtiger war das Kaliumcarbonat für die Glasherstellung, da es die Schmelztemperatur des Quarzsandes herabsetzt.

Kein Wunder also, dass die Buche der Baum ist, der am häufigsten in deutschen Ortsnamen verewigt ist: 1567 Städte von Bockholt bis Buxtehude wurden nach ihr getauft.

Ein Feuerzeug aus Zunderschwamm, der nur an Buchenholz gedeiht, hatte sogar schon der Steinzeitmensch „Ötzi“ in der Tasche, und im Engadin schliefen die Bauern früher himmlisch gut auf mit trockenem Buchenlaub vollgestopften Matratzen. Möbel aus Buche sind seit jeher beliebt. So auch der vor 200 Jahren vom Kunsttischler Michael Thonet entworfene Kaffeehausstuhl, der bis heute in unveränderter Form zu haben und das meistverkaufte Möbelstück der Welt ist.

Das große Geheimnis um die Entstehung des Begriffs „Buchstaben“ kann Baumfreund Brucklacher nicht abschließend klären. Von den existierenden Theorien erscheint ihm die Vermutung am wahrscheinlichsten, die ersten „Bücher“ hätten aus zusammengebunden Buchenholzplatten bestanden, die man mit Wachs und Ruß bestrich, um anschließend die Schrift aus dieser Schicht herauszukratzen.

Eichen sind Buchengewächse

Auf einem nachvollziehbaren Irrtum beruht die bekannte Verhaltensregel bei Gewitter, die da besagt, man möge Buchen suchen, den Eichen jedoch (aus)weichen: Durch die glatte Beschaffenheit der Buchenrinde und die Anordnung der Zweige rinnt das Regenwasser am Stamm hinunter, während die dicke Borke der Eiche trocken bleibt. Schlägt der Blitz ein, sprengt die elektrische Entladung den Eichenstamm im Inneren, während sie selbst außen abgeleitet wird und keine sichtbaren Schäden entstehen. Für den Schutzsuchenden ist es unter beiden Baumarten aber gleichermaßen gefährlich. Im Übrigen gehöre die Eiche ebenfalls zu den Buchengewächsen, lehrt Brucklacher und überrascht damit sogar viele gestandene Haller Waldbesitzer.

Ein anderes geflügeltes Wort behauptet „Viel Buch’, viel Fluch.“ Dies rührt von der Vermehrungsstrategie der Buche her. In einem Jahr wirft sie große Mengen ihrer Früchte ab und sorgt so für Vermehrung der Mäuse, die die Bucheckern fressen oder als Vorrat vergraben.

Damit die Population nicht überhand nimmt, liefert der Baum im Folgejahr kaum noch Früchte  – und die Mäuse suchen ihr Heil in den Lebensmittelkammern der darüber fluchenden Menschen.

Von den seltsamen und blitzgescheiten Insekten, die von den Buchenblättern leben und vielem mehr berichtet der Forstmann noch, und am Ende steht ein Gedicht vom letzten Tag einer Buche, bevor die Axt sie tötet.

Eichen sind beim nächsten Vortrag dran


Wer den spannenden Vortrag über die Buche verpasst hat, ist selbst schuld, bekommt aber am 9. November um 20 Uhr in den Räumen der Volkshochschule Schwäbisch Hall eine neue Chance. Für diesen Termin hat Jörg Brucklacher lyrische, historische und skurrile Geschichten über die Eiche dabei.