Kriminalität Rekord bei Mord und Totschlag

Ordner mit der Aufschrift „Kinderpornografie“.
Ordner mit der Aufschrift „Kinderpornografie“. © Foto: d
Hans Georg Frank 12.06.2018

Für Frank Rebmann, seit 2010 Chef der Staatsanwaltschaft Heilbronn, war die Arbeit des vergangenen Jahres geprägt durch eine deutliche Zunahme bei Mord und Totschlag: „So etwas hatten wir noch nie.“ Die 61 Fälle entsprechen einer Steigerung um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr, allein 30 dieser Delikte erfüllten die Merkmale eines Mordes. Dazu gehörten Verbrechen, die auch überregional großes Aufsehen erregten, wie jenes, bei dem eine 62-jährige Frau vor ihrer kirchlichen Arbeitsstätte in Löwenstein von ihrem Ex-Mann erstochen worden ist. In den Bereich Totschlag fällt die Tat eines Spaniers, der in Vaihingen/Enz seine vier und fünf Jahre alten Söhne erschlagen hat.

Flüchtlinge angegriffen

Als besorgniserregend stufte Rebmann auch die Entwicklung bei der Gewaltkriminalität ein. Seit 2008 registrierte er eine Steigerung um 57 Prozent auf 1264 Fälle. Die zwölf Delikte in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres könnten als Hinweis gewertet werden, „dass es wieder weniger wird“. Allerdings sorgten schon zwei besondere Fälle für viele Schlagzeilen. In Heilbronn stach im Februar ein betrunkener Russlanddeutscher wohl aus Fremdenhass auf drei Flüchtlinge ein. Er wird des versuchten Mordes verdächtigt. In Künzelsau wurde eine 69-jährige Frau verhaftet, weil sie einen siebenjährigen Buben erwürgt haben soll.

Zwar zeigte sich der Leitende Oberstaatsanwalt erfreut über den Rückgang um 29 Prozent bei der schweren Eigentumskriminalität, wozu Einbrüche zählen. Aber auch dort sei eine „schockierende Brutalisierung der Täter“ zu beobachten. Im Heilbronner Stadtteil Neckargartach wurden die Bewohner eines Einfamilienhauses im Alter von 52 bis 90 Jahren mit Schlägen und Drohungen in Todesangst versetzt, um den Tresorschlüssel zu bekommen. Das Trio flüchtete mit Geld und Schmuck im Wert von fast 40 000 Euro. Die sinkende Zahl an Einbrüchen führt Rebmann auf verstärkte Aktivitäten der Polizei zurück. Es habe sich in dieser Szene wohl herumgesprochen, besser nicht im Bezirk Heilbronn tätig zu werden, „aber damit ist natürlich eine Verlagerung in andere Bereiche verbunden“.

Machten kriminelle Jugendliche und Heranwachsende wegen Körperverletzungsdelikten Polizei und Staatsanwaltschaft 2016 weniger zu schaffen, scheine dieser Trend nun beendet zu sein. Die Zunahme mache hierbei 29 Prozent aus. Als symptomatisches Beispiel nannte Rebmann einen Vorfall vom Mai 2017 in Bietigheim-Bissingen. Dort hätten sich 16-Jährige verabredet, um einen 21-jährigen Afghanen bewusstlos zu schlagen, auszurauben und die Tat zu filmen.

Deutlich mehr Sexualdelikte

Einen starken Anstieg verbuchte die Staatsanwaltschaft bei Sexualdelikten. Mit 487 Verfahren sei 2017 „ein absoluter Höhepunkt“ erreicht worden, sagte Rebmann angesichts eines Plus von 45 Prozent. Unrühmliche Bekanntheit erreichte bei diesen Straftaten ein Heilbronner Erzieher, der in Untersuchungshaft auf seinen Prozess vor dem Landgericht wartet. Er soll nicht nur 12 000 kinderpornografische Bilder und 900 entsprechende Pornosequenzen besessen haben. Die Ankläger sehen ihn auch des Missbrauchs eines Kindes für überführt an. Belastende Fotos fanden sie bei der Nachschau auf gelöschten Dateien, die bei einer ersten Sichtung übersehen worden waren, aber nach der Anzeige eines Vaters wiederhergestellt werden konnten. Für die Verhandlung vor dem Landgericht ist der Staatsanwaltschaft noch kein Termin bekannt.

Die Arbeit für die Ermittler, die pornografische Bilder sichten müssten, bezeichnete Frank Rebmann als sehr belastend. „Ich habe höchsten Respekt vor den Beamten, die das täglich leisten.“ Bei der Masse könne es passieren, „dass etwas durchrutscht“.

„Die Arbeitszeiten laufen aus dem Ruder“

Die Staatsanwaltschaft Heilbronn ist mit ihrer Zuständigkeit für über 900 000 Einwohner auf einer Fläche von rund 3200 Quadratkilometern die drittgrößte Behörde dieser Art in Baden-Württemberg. Zu dem Bereich gehören auch die Amtsgerichte in Schwäbisch Hall, Besigheim, Marbach und Vaihingen/Enz. Von 108 Mitarbeitern sind 39 Staats- und Amtsanwälte. „Die Arbeitszeiten laufen aus dem Ruder“, sagte Frank Rebmann zur Belastung. 2017 waren 59 493 Verfahren zu bearbeiten. Damit entfielen auf jeden Dezernenten täglich über zehn Fälle, sofern nicht die Anwesenheit bei einer Verhandlung notwendig war.

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