Gesellschaft Christopher Street Day in Hall

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 18.06.2018
Beim ersten Haller Christopher Street Day ziehen am Samstag mehr als 400 Menschen durch Hall und werben für Toleranz.

Schirme und Fahnen in Regenbogenfarben, Sonnenbrillen und in viele Gesichter mit bunten Farben: Ein kunterbunter, friedlicher und feierfreudiger Demonstrationszug schlängelt sich am Samstagvormittag durch die Ackeranlagen, über den Unterwöhrd, durch die Innenstand und übers Kocherquartier zum Domizil des Club Alpha 60 – der erste Christopher Street Day in Hall. Organisiert hat ihn der Arbeitskreis Politik des Club Alpha. Anfangs hätte sie mit vielleicht 50 Personen gerechnet, sagt Angie Sebek vom AK Politik als sie die Teilnehmer beim Startpunkt in den Ackeranlagen begrüßt. Die große Resonanz scheint sie zu überraschen – und natürlich zu freuen. Mehr als 400 Menschen, laut Schätzung der Polizei, ziehen im Christopher-Street-Day-Zug durch die Stadt.

Mit dabei sind ganz unterschiedliche Gruppen: von den Naturfreunden über die Linke bis zur evangelischen Lukasgemeinde aus Hall. „Wir sind eine Regenbogengemeinde“, sagt Kirchengemeinderätin Elisabeth Jungbluth. Das heißt, dass dort lesbische und schwule Gemeindeglieder willkommen sind, und die Gemeinde offen ist für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Derweil tut sich die Württembergische Landeskirche mit dem Thema schwer.

Auch der Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand, der aus Wessental im Main-Tauber-Kreis kommt, läuft in der bunten Parade mit. Akzeptanz und gleiche Rechte für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und queer – also von der Norm abweichend – lebende Menschen sei auch im ländlichen Raum ein Thema. Christopher Street Day wird meist in großen Städten wie in diesem Jahr etwa in Karlsruhe, Freiburg, Stuttgart, Mannheim und Ulm gefeiert. Dass in Hall so etwas auf die Beine gestellt wurde, sei etwas besonderes.

Ein Christopher Street Day in Hall, das hätte sich Maike Pfuderer aus Stuttgart, Sprecherin der LAG Queergrün, nicht träumen lassen. Sie ist als Junge aufgewachsen, hat einen tränenreichen Weg hinter sich, möchte anderen aber Mut machen. „Vor 35 Jahren bin ich vom Aufbaugymnasium Michelbach abgegangen, das hier hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt sie froh.

Für facettenreiche Gesellschaft

Bei der Kundgebung auf dem Grasmarkt spricht Kerstin Schmitt, die aus Hall stammt, seit zehn Jahren in Leipzig lebt und dort den Christopher Street Day mitorganisiert. Es sei in Hall halt „nicht normal, schwul oder lesbisch zu sein“, kritisiert sie. Sie setzt sich gegen „Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Hass und Hetze“ und für ein facettenreiche Gesellschaft ein. Gewiss, politisch habe sich viel getan, „aber es reicht noch nicht“. Zu oft gebe es Blicke, versteckte Vorwürfe und „dumme Sprüche“. Dazu komme eine steigende Zahl von Übergriffen. Weiterhin müsse mit Gesprächen Überzeugungsarbeit geleistet werden: „Das ist anstrengend, aber es trägt Früchte.“

„Trans sein hat nichts mit Sexualität zu tun“, betont Janka Kluge von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Sie schildert nicht nur ihr persönliches Schicksal, sondern kritisiert auch, dass  Deutschland mit der Behandlung von Transsexuellen gegen das EU-Gesetz verstoße. Sorgen mache ihr auch die AfD, welche die Ehe für alle wieder abschaffen wolle.

„Transsexualität darf nicht als Behandlungszustand betrachtet werden“, wirbt Katharina Vater vom Stuttgarter Projekt „100%Mensch“ in ihrer Ansprache auf dem Bonhoeffer-Platz für Toleranz.

„Wir erleben Hall eigentlich schon als offen und tolerant“, sagt Tom Wackenhut aus Untermünkheim, der gemeinsam mit seinem Mann Wolf Wackenhut-Plieninger beim Christopher Street Day dabei ist. Seit August 2013 waren sie verpartnert, im Oktober 2017 haben sie geheiratet. Sie leben offen als schwules Paar, haben auch zwei erwachsene Kinder. Tom Wackenhut arbeitet als Lehrer und fühlt sich auch in seiner Schule „voll akzeptiert“. Anfeindungen? Ganz selten. Aber die beiden spüren auch: Es gibt sie.

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Text sdf

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