Wackershofen Raus aus der Schule, rein ins verantwortungsvolle Tun

Wackershofen / SONJA ALEXA SCHMITZ 21.11.2014
„Wackershofentage“ nennen die Montessori-Schüler die zwei Tage pro Woche, an denen sie im Freilandmuseum sind. Raus aus der Schule, rein ins verantwortungsvolle Tun

Die alten Häuser liegen im Novembermorgendunst. Es ist kalt. Und still. Kein Besucher schlendert durch das Museumsgelände. Nur ein paar Katzen liegen vor dem Gasthof „Zum Roten Ochsen“ und warten auf den Fressnapf. Plötzlich sind Stimmen zu hören. Junge Stimmen. Zwei Mädchen stehen am Hasenstall. Sie sind gerade fertig geworden: Ställe säubern und füttern. Drei weitere Mädchen sitzen vor dem Kuhstall. Sie kommen eben von der Weide. Haben die Kühe von einer auf die andere gebracht. Dabei einen Zaun um die Weidefläche abgesteckt, Stroh und Heu geholt und in den Ziegen, Kuh- und Schweineställen verteilt.

Larissa und Miriam sind zwei der Mädchen, die sich um die Tiere kümmern. Sie sind Siebtklässlerinnen. In der jahrgangsübergreifenden Montessoriklasse sind sie die Nesthäkchen. Schüler der siebten, achten und neunten Klasse sind zusammen. „Neulich haben wir den Acker gepflügt“, erzählt Larissa, „mit einem Seil haben wir den Pflug gezogen.“ Sie findet es abwechslungsreich in Wackershofen.

Mittwochs und Donnerstags kommen die 32 Schüler ins Freilandmuseum. 18 Mädchen und 14 Jungs. „Früher waren es immer viel mehr Jungs“, sagt Martin Thomas. Er ist einer der drei Klassenlehrer. Wenn sie in der Thomas-Schweicker-Werkrealschule sind, unterrichtet er Mathe und Geschichte. Aber hier setzt er sich, wie die Schüler, einen Baustellenhelm auf und los geht’s auf die Baustelle.

Die Baustelle ist das ehemalige Farrenwärterhaus (Farrenwärter war einst der Stallmeister der Zuchttiere). Die Stadt hat es der Schule zur Verfügung gestellt. Die Klasse restauriert es, damit es zum Schülerhaus wird. 50.000 Euro haben sie von der Stadt bekommen. Das Geld verwalten sie selbst, verbuchen die Ausgaben, kontrollieren das Budget und kümmern sich um weitere Mittelgewinnung.

Jetzt steht an, die Wandfarben und den Fußboden auszuwählen. Sie haben sich für einen gelblichen Linoleumfußboden entschieden. Nun folgt die Qual der Farbwahl. Auf dem Boden liegen etwa 20 Farbmusterbögen. „Das machen die Schüler“, sagt Martin Thomas, „sie haben auch entschieden, wie die Raumverteilung wird.“ Vielleicht ist deshalb der Unterrichtsraum das kleinste Zimmer geworden.

Schüler sind auffallend selbstständig

Verantwortung ist den Montessori-Pädagogen wichtig. Sie wollen die Zeit der Pubertät entschulen. Die Jugendlichen sollen Erfahrungen machen, sich in Einzel- oder Gruppenprojekten bewähren und mal raus aus der Schülerrolle. „Weiterführende Gymnasien meldeten uns zurück, unsere Schüler seien auffällig selbstständig“, so Thomas.

Luca, Mathes und Jonas sind im Holzschuppen. „Wir haben hier mehr Freiraum als in der Schule“, sagt Jonas, während er mit dem Beil Holz hackt, „und man sieht, was man getan hat.“ Dennoch findet er die Arbeiten nicht immer gut. Manchmal würde er lieber Englischunterricht haben, anstatt eine Wand zu verputzen. „Handwerk ist langweilig“, finden auch Luca und Mathes, die – einer rechts, einer links – an der Säge ziehen. Beruflich wollen alle drei nichts dergleichen machen. Lieber Kaufmann oder Ingenieur werden. Jonas ist Neuntklässler. Er beobachtet, dass andere auf dem Schulhof vielleicht neidisch seien auf die „Montis“, weil sie mehr Ausflüge machen.

Die Montessoris lernen doch nichts, würden manche Schüler sagen. Das erzählt Larissa, während sie die Tischdeko zusammen sucht – herbstlich soll es werden. „Aber das stimmt nicht. Wir lernen nur langsamer, dafür verstehen wir es hinterher. Es geht bei uns nicht so zack, zack, jetzt Bruchrechnen, dann Zinsrechnung, dann schon das nächste. Ich kann mir die Sachen auch mehrmals erklären lassen, bis es sitzt.“ Larissa und Miriam sind von Anfang an im Montessorizug. Das heißt, sie haben in der Grundschule in Steinbach begonnen und sind in der siebten Klasse in die Werkrealschule gewechselt. Larissa hat andere Schüler aus dem klassischen Zug beobachtet: „Die sitzen im Unterricht wie Klötze und hören nur zu. Ich hole mir Materialien und arbeite damit.“ Sie decken den Tisch und falten Servietten. Gegessen wird im Weidnerhof. Das ist, solange ihr Schülerhaus noch nicht fertig ist, ihr Quartier. Aus der Küche duftet es. Acht bis zehn Schüler kochen am Donnerstag, zusammen mit Lehrerin Ursel Passon. Salat, Gemüsecouscous und Kaiserschmarrn gibt es heute. Was es zu essen gibt, planen die Schüler eigenständig. Sie besorgen Rezepte und Zutaten und berücksichtigen dabei, dass der Garten in Wackershofen auch Gemüse beiträgt. Garten und Acker sind weitere Projektgruppen. Ein halbes Jahr lang bleibt ein Schüler in einer Gruppe und am Ende sollte er in jeder gewesen sein.

In Wackershofen ist auch Zeit für Theorie. Studienzeit, in der die Schüler an ihren schulischen Aufgaben arbeiten. Zum Beispiel bereiten sie Führungen vor. Jeder nimmt sich ein Wackershofener Gebäude vor und hält darüber einen Vortrag. Vor der eigenen Klasse, vor Besuchergruppen oder anderen Schulklassen.

Zweimal in der Woche gehört ihnen das Freilandmuseum. Ist das nicht ein tolles Gefühl? „Am Anfang war das total cool“, sagt Larissa, „aber mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt. Neulich wollten meine Eltern zum Backofenfest. Aber weil ich so oft hier bin, hatte ich keine Lust dazu.“

Gleich zwölf Uhr. Die Schüler von der Baustelle kommen zum Weidnerhof. Sie setzen sich an ihre Plätze. Heute müssen sie nicht anstehen wie in der Mensa. Die gefüllten Teller stehen schon auf dem Tisch. An diesen Tagen haben sie besonders großen Hunger.

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