Freilichtspiele Freilichtspiel-Premiere und Theater und Film

Schwäbisch Hall / Jürgen Stegmaier 11.06.2018
Die Hauptdarsteller Gunter Heun und Thomas Klenk sprechen über ihre Tell-Premiere auf der Treppe. Oscar-Preisträger Gerd Nefzer erklärt den Unterschied zwischen Film und Theater.

Fünfeinhalb Stunden dauerte die „Tell“-Uraufführung 1804. Freilichtspiele-Intendant und „Tell“-Regisseur Christian Doll wollte sich kürzer fassen. „Wir haben nach vorn geholt, was uns beschäftigt“, erklärte er dazu. Aus welchen Gründen darf man morden? Ist der Unterdrückung durch gewaltsamen Umsturz zu begegnen? Allein diese Frage lösen Unbehagen und innere Verwerfungen aus. Die Herausforderung sei es auch gewesen, auf der Stufen-Bühne kein Referat zu halten. Dies scheint Doll gelungen zu sein. „Ich habe noch nie einen Film gesehen, der so spannend war“, soll ein Schüler gesagt haben, der in Hall an einem Theaterprojekt von Fünft-  bis Zehntklässlern beteiligt war.

„Der Regen war klasse“, sagt Gerd Nefzer. Das Lächeln im Gesicht des Oskar-Preisträgers verrät, dass er dies ironisch meint. Es ist die Antwort auf die Frage: Welche Spezialeffekte haben den Hollywood-erfahrenen Filmexperten bei Tell imponiert? Gerd Nefzer macht deutlich, dass sich Theater und Film auch in dieser Hinsicht nicht vergleichen lassen. Auf den Sets werden immer nur kurze Sequenzen gedreht. Passt was nicht, wird es wiederholt. Diese Möglichkeit scheidet beim Theater aus. „Die zweite Chance, etwas besser zu machen, gibt es beim Film, beim Theater nicht“, erkennt der Haller, der die Premiere zu „Tell“ von der fünften Reihe aus sieht. Lange harrt er im Kurzarmhemd dem Regen, dann sucht er sich doch lieber einen trockenen Platz.

„Das konnte nicht besser inszeniert werden“, lobt Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim kurz vor Mitternacht bei der Premierenfeier im Rathaus. Insbesondere sprach Pelgrim über den einsetzenden Regenguss just zu dem Augenblick, als er zu einer „Tell“-Szene passte, sich die Schleusen des Gotthard-Gebirgs öffneten.

„Natürlich, wir bemerken es auf der Treppe unmittelbar, wenn das Publikum unruhig ist und mit den Regencapes hantiert“, sagt Gunter Heun, alias Wilhelm Tell. „Ich bedauere in solchen Situationen den Kollegen, der gerade dran ist. Der hat schwere See“, so Heun. Gut, dass der Regen mit dem begleitenden Rascheln der Plastikmäntel nicht genau zur Schlüsselszene einsetzt, während des Showdowns in der hohlen Gasse. Wie kann ein Schauspieler diesem Regen- und Raschel-Szenario begegnen? „Man kann die Szenen langsamer oder schneller spielen und lauter sprechen. Ich habe aber auch schon erlebt, dass ein Schauspielerkollege kurz unterbrochen hat und das Publikum aufforderte, es sollten alle gemeinsam die Regelkleidung anziehen. Danach ging es weiter.“ Kurz habe er überlegt, ob er nicht einen Kalauer anbringen sollte an der entsprechenden Stelle – und „Gotthards Schlünde“ in „Kochers Schlünde“ umwandeln. „Doch ich bin es Schiller schuldig, dass ich über Wilhelm Tell keine Scherze mache.“

Thomas Klenk, alias Hermann Geßler, lässt Willkür walten gegenüber Gunter Heun, alias Wilhelm Tell. Und er hat auch noch Spaß daran, den ungestümen Tell zu einer unbarmherzigen Aufgabe zu zwingen. „Es gibt diese Menschen. Und fast jeder kennt einen. Geßler ist keine Kunstfigur“, sagt der Mann, der ihn mit Leidenschaft und einer fast schon beklemmenden Authentizität spielt. Thomas Klenk interpretiere seine Aufgabe als Schauspieler damit, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, ihren Nerv zu treffen, nach Wahrhaftigkeit zu suchen. „Als Schauspieler muss ich ins Risiko gehen. Ich kann nicht immer geliebt werden“, erklärt Thomas Klenk sein Selbstverständnis.

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