Warum er am 14. März diesen Jahres am helllichten Tag ausgerechnet auf den Mann losgegangen ist, der zufällig zu dieser Zeit an einer Vellberger Bushaltestelle wartete, das will der 25-Jährige nicht wissen. Als Grund, dass sein Opfer mehrere Schläge erhielt und am Ende einen Stich in den Hals mit einem 43-Zentimeter-langen Stilett, das der Täter unter der Jacke mitführte, erklärt dieser mit seinem schlechten Gemütszustand: Seine Lebensgefährtin, mit der er ein Kind hat, habe am selben Tag mit ihm Schluss gemacht. Wodka habe er dann getrunken und Marihuana geraucht, wie so oft.

Angeklagter hat sich gezielt mit Waffe aufgemacht

Die Staatsanwältin Catharina Grolig wirft ihm zum Prozessauftakt am Freitagnachmittag im Großen Strafkammersaal des Landgerichts Heilbronn versuchten Mord vor. Nach dem Gespräch mit seiner Partnerin habe er sich aus Frustration gezielt mit der Stichwaffe in das Städtle aufgemacht, um sich dort auszulassen. Nach dem Besuch eines Lebensmittelgeschäfts, um sich mit mehr Alkohol einzudecken, habe sich der Mann mit einem Bekannten an der Bushaltestelle treffen wollen. Dieser sei nicht erschienen.

Dafür habe an der Haltestelle auf der anderen Straßenseite ein Mann gewartet, von dem der Angeklagte wusste, dass dieser bei einem Bekannten eingebrochen war, bei dem der mutmaßliche Täter vorübergehend Bleibe gefunden hatte. Die Sache sei laut Bericht der Staatsanwaltschaft aber schon lange zwischen dem Wohnungseigentümer und dem Dieb geklärt gewesen.

Er schreit ihn an, schlägt und sticht auf ihn ein

Trotzdem habe der 25-Jährige die Fahrbahnseite gewechselt, habe sein späteres Opfer angeschrien und geschlagen. Er habe ihn mit seinem Stilett links in den Hals gestochen, dabei knapp lebenswichtige Gefäße verfehlt, weshalb der Schwerstverletzte überhaupt überlebt habe. Am Ende versetzte der mutmaßliche Täter seinem Opfer noch einen Schlag gegen den Kopf, so dass es auf der Bank der Bushaltestelle niedersank.

Dem 25-Jährigen sei das egal gewesen. Er sei darauf in die Wohnung des Bekannten gegangen, um weiter Drogen zu konsumieren. Dort hat ihn dann die Polizei festgenommen. Ein durchgeführter Alkoholtest ergab 1,09 Promille – auch THC in nicht unerheblicher Menge sei festgestellt worden. Im Streifenwagen habe er die Tat gestanden, soll gesagt haben: „Ich wollte ihn abstechen.“

Nur den letzten Fakt bestreitet der Angeklagte, der für seine Verhältnisse noch relativ ruhig der Anklageschrift mehr oder minder folgte. Er wird mit Handschellen in den Saal geführt, die ihm aber während der Verhandlung abgenommen werden. Er trägt ein weißes T-Shirt, eine einfache graue Jogginghose und dazu gleichfarbene Turnschuhe.

Keine Ausbildung

Zunächst beantwortet der Angeklagte Fragen des Gerichts manchmal stockend aber ruhig, berichtet von seiner Grundschulzeit, während der er wegen hoher Intelligenz zwei Klassen übersprungen habe und dann das Gymnasium besuchte. Dort ging es abwärts: Er wiederholte Klasse 6 an einem anderen Gymnasium, wiederholte die Klasse 8 dort drei Mal und machte schließlich einen Hauptschulabschluss mit der Note 3,4. Eine zweijährige kaufmännische Berufsschule brach er nach einem Jahr ab. „Ich hatte einfach keine Lust“, lautet seine Erklärung vor dem Richter.

Eine abgeschlossene Ausbildung und eine längere berufliche Tätigkeit kann er nicht vorweisen. Vom Amt habe er Geld bezogen, auch hin und wieder bei Gelegenheitsjobs. Seine einzigen Hobbys nach eigenem Bekunden: Spiele zocken, Alkohol und Drogen. Seit seinem zwölften Lebensjahr gehörten Alkohol und Marihuana zu seinen Lebensbegleitern, zeitweise auch härtere Substanzen.

Während dieser Angaben schwindet sichtlich die Kooperationsbereitschaft des Angeklagten. Oft antwortet er nur mit einem „Ich weiß es nicht“ oder gibt auf Detailfragen ein pampiges „Ich habe geantwortet“ zurück. Richter Roland Kleinschroth reicht das irgendwann. „Was ist los mit Ihnen?“, will er von dem 25-Jährigen wissen, der zunehmend aggressiv auf die äußerst milden Fragen reagiert.

Gedanken als laute Stimme

Heraus kommt schließlich unter Mithilfe des sachverständigen Psychiaters Dr. Thomas Heinrich, dass der Angeklagte unter einer Psychose leide. Medikamente dagegen hat der Angeklagte vor zwei Monaten in der Haft abgesetzt. „Weil es mir gut geht“, sagt er. Der Richter bezweifelt das. Nach und nach gibt der 25-Jährige zu, schon lange eine Stimme zu hören. „Das sind meine eigenen Gedanken, die ich laut höre“, sagt der gebürtige Hohenloher.

Kleinschroth bietet Hilfe an, doch der Angeklagte äußert nicht, was er braucht. Er lässt, statt zu antworten, den Kopf immer wieder auf seine Hände vor sich auf den Tisch sinken und harrt so aus. Heinrich hält ihm vor, beim Haftrichter mehrmals den Kopf auf den Tisch geschlagen zu haben. „Das würde ich am liebsten jetzt auch. Ich bin überfordert. Ich will meine Ruhe“, bringt der 25-Jährige hervor.

Kleinschroth vertagt die Verhandlung. Die nächste Sitzung ist am kommenden Freitag ab 9 Uhr angesetzt.

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