Heilbronn/Schwäbisch Hall Prozess um versuchten Totschlag in Hall: Schwurgericht hört zwei Gutachter

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Heilbronn/Schwäbisch Hall / ELEONORE HEYDEL 09.12.2015
Ein psychiatrischer Gutachter hält den 32-jährigen Haller, der vor dem Heilbronner Schwurgericht wegen versuchten Totschlags angeklagt ist, trotz ausgeprägter Drogenabhängigkeit für schuldfähig.

Die Bilder gleichen sich: Im August 2002 hat der angeklagte 32-jährige Russlanddeutsche beim Haller Übergangswohnheim einem Landsmann mit einem Messer in die Brust gestochen. Der Stich traf das Herz, das Opfer starb. Vorangegangen war eine minimale Kränkung, die der damals 19-jährige Angeklagte nicht hinnehmen wollte: Der andere hatte ihn nicht gegrüßt. Erst fielen russische Schimpfwörter, dann holte der schmächtige Angeklagte zum tödlichen Messerstich aus.

Am 21. März dieses Jahres ist es laut Anklage in der Haller Michaelstraße zu einer ähnlichen Tat gekommen. Der Angeklagte feierte in der Wohnung seiner Verlobten mit russlanddeutschen Gästen einen Abschiedsabend. Ein 28-jähriger Gast aus Heilbronn spielte Gitarre, dazu wurde Wodka getrunken.

Vor halb elf Uhr abends kam es zwischen dem Gitarristen und dem Gastgeber zum lautstarken Streit. Die beiden Männer gingen nach draußen und warfen sich in russischer Sprache Beleidigungen an den Kopf. Gegen den muskulös gebauten Heilbronner (1,81 Meter groß) hätte der Angeklagte (1,62 Meter) körperlich wohl keine Chance gehabt.

Unvermittelt soll dieser dann ein großes Messer aus dem Hosenbund gezogen und dem anderen in den Bauch gestochen haben. Das Opfer ist überzeugt: "Er wollte mich umbringen." Bevor der Rettungswagen kam, half der 28-Jährige sich selbst: "Ich hab' versucht, das Blut anzuhalten. Ich hab' gemerkt, dass ich meine Gedärme in der Hand hatte." Eine Notoperation im Schwäbisch Haller Diakoniekrankenhaus rettete ihm das Leben.

Das Heilbronner Schwurgericht hat am vierten Verhandlungstag einen rechtsmedizinischen Sachverständigen zu Einzelheiten des Messerstichs befragt. Bis zu 2,1 Zentimeter breit sei die Klinge gewesen, erklärte der Gutachter. Fünf Zentimeter tief sei das Messer in den Bauchraum eingedrungen. Es könne ein Fleischer- oder ein Taschenmesser gewesen sein.

Der Angeklagte ist seit Jahren schwer heroinabhängig. Ob in Haft oder in einer Drogenklinik - kein Drogenentzug war bislang von Dauer. Unter dieser Prämisse befragte das Schwurgericht einen Weinsberger Psychiater zu seiner Prognose.

Der Gutachter befürwortete trotz Bedenken eine erneute Unterbringung in einer geschlossenen Drogenklinik, und zwar in dieser Reihenfolge: erst Haft, dann Klinik. Der Angeklagte sei zum Tatzeitpunkt zwar alkoholisiert gewesen (mindestens 1,7 Promille), aber nicht schuldunfähig. Der 32-Jährige habe ein Problem mit Kränkungen und - wie viele Suchtkranke - eine "geringe Frustrationstoleranz."

Als der Angeklagte in der Tatnacht festgenommen wurde, hatte er leichte Verletzungen: Schürfwunden und Kratzer. Zu dem, was geschehen war, wollte er von Anfang an keine Angaben machen.

Wenige Stunden nach seiner Festnahme sagte er zu einer Polizeibeamtin, die mit ihm ins Gespräch kommen wollte: "Bist du blöd. Ich brauch' einen Arzt. Ich hab' Durst." Immer wieder zitternd, verlangte er nach der Heroin-Ersatzdroge "Subutex", die er in der Zeit zuvor eingenommen hatte.

Das Urteil wird für den kommenden Montag erwartet.

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