Der Prozess gegen den Haller Bestatter zehrt an den Kräften aller Beteiligten. Der Angeklagte, der seinen Betrieb mittlerweile eingestellt hat, stützt im Gerichtssaal den Kopf ab. Oberstaatsanwalt Peter Bracharz hört über Stunden geduldig zu - so wie mehrere Besucher, die sich teils Kissen wegen der harten Stühle mitgebracht haben. Zeugen werden vom Vorsitzenden Richter Wolfgang Amendt wie am Fließband befragt. Welche Särge wurden angeboten? Vollholz oder Modelle aus MDF-Platten? Gab es Absprachen über einen Sargtausch nach der Trauerfeier? Für Emotionen ist wenig Platz.

Die Freiburger Pflichtverteidigerin Ulrike Wallot hakt am sechsten Verhandlungstag vor dem Schöffengericht gelegentlich nach: "Wie kamen Sie auf den Begriff Vollholz?"; "Hat die Polizei Sie bei der Vernehmung darauf gebracht?" Ihre These: Die Beamten hätten tendenziös ermittelt, hätten Zeugen falsch befragt. Denn im Beratungsgespräch sei zwischen ihrem Mandanten Jochen M. und den Kunden selten über das Sarg-Material gesprochen worden. "Meist ging es doch um den Preis. Keiner würde heute zugeben, dass er einen so billigen Sarg wollte." Tatsächlich hätten Kunden genau jene MDF-Särge (Verbrenner) für rund 580 Euro bestellt, für die M. im Einkauf nur 58 Euro bezahlt hatte.

Das steht im Widerspruch zu den Rechnungen, die der Bestatter ausgestellt hat. In diesen ist "Kiefer Vollholz" genannt. Die Ermittler gehen davon aus, dass M. teure Särge verkauft und die Verstorbenen später ohne Wissen der Angehörigen in die Verbrenner umgebettet hat. Dafür sprächen die Zahlen, erklärt der Kriminaloberkommissar Dietmar B..

2012 habe das Bestattungshaus 39 reguläre Holzsärge bestellt, dazu 32 einfache Verbrenner. In dieser Zeit gab es 37 Kremierungen. Die Polizei, die etliche Hinterbliebene befragt hat, kommt zum Ergebnis: Bei fast jeder Feuerbestattung seien billige Kremiersärge genutzt und die Angehörigen betrogen worden. Dieser Schwindel sei bei einer Erdbestattung nicht möglich, da die Angehörigen den Sarg bis zum Ende sehen.

Jochen L., Betreiber des Krematoriums, vertreibt die MDF-Särge. Er berichtet von einer "auffallend hohen Zahl" an Bestellungen durch Bestatter M., dem er im Übrigen eine "sehr saubere" Arbeit bescheinigt.

Heinrich E. bestärkt den Betrugsvorwurf. 2012 hat er seinen Vater verloren und für 1680 Euro einen Sarg mit Steinverzierungen bestellt, die einen Lebensfluss darstellen sollen. E. hatte den Sarg bei der Trauerfeier noch gesehen - danach wurde der Vater in Hall kremiert.

Was die Ermittlungen zeigen: Jochen M. hatte den außergewöhnlichen Sarg vom Hersteller bestellt. Allerdings kann sich im Krematorium keiner an eine entsprechende Anlieferung durch die Firma von M. erinnern. Zudem wurden Reste des Sargs bei einer Durchsuchung der Geschäftsräume entdeckt. Die Erklärung des Bestatters: Er habe die Steine abflexen müssen, da sie nicht in die Brennkammer dürften. Später habe er doch einen anderen Deckel für den Sarg genutzt. Das sei mit den Angehörigen so abgesprochen gewesen.

"Definitiv nicht", sagt Heinrich E. am Dienstag als Zeuge. "Mir wurde nie gesagt, dass die Steine ein Problem sein könnten." Ein Krematoriumsmitarbeiter erklärte bereits vor Wochen: "Das wäre mir aufgefallen, wenn ein falscher Deckel auf einem Sarg gewesen wäre."

Ins Rollen kamen die Ermittlungen gegen M., weil ein Friedhofsmitarbeiter den Verdacht hatte, dass M. einen Verstorbenen im städtischen Leichenhaus am Waldfriedhof umgebettet haben könnte. Die Angehörigen wurden informiert und bestätigten nach Prüfung den Verdacht: die Verstorbene lag in einem billigen MDF-Modell, obwohl sie bei der Trauerfeier zuvor noch in einem Vollholz-Sarg aufgebahrt war.

L. hatte darauf die Videoüberwachung in seinem Betrieb ausgewertet. Zu sehen ist der Angeklagte, der an jenem Tag einen MDF-Sarg abholt und wenige Minuten später die Verstorbene darin abliefert. Der Angeklagte, dem 21 Betrugsfälle vorgeworfen werden, bestreitet vehement, betrogen zu haben.

Am Dienstag, 30. Juni, 10.30 Uhr, soll noch der Leiter des städtischen Friedhofsamts als Zeuge gehört werden. Direkt danach könnten die Plädoyers gesprochen werden. Das Urteil wird für den 15. Juli erwartet. Bei einer Verurteilung wegen gewerbsmäßigen Betrugs droht M. eine mehrjährige Haftstrafe.

<em><strong>Weitere Artikel zum Bestatter-Prozess</strong></em>