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Missbrauch
Hall / Thumilan Selvakumaran  Uhr
Ein 19-Jähriger lernt im Internet eine Zwölfjährige kennen und trifft sich mit ihr. Es kommt zu sexuellen Handlungen. Das Haller Amtsgericht hat den angehenden Studenten verurteilt.

Er entdeckt ihr Bild auf Instagram, nimmt Kontakt auf. Erst kommen Komplimente, dann folgt ein Treffen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches – auch nicht im Fall, der sich im Mai 2018 im Haller Raum ereignet hat. Wäre da nicht ein Detail: Der Mann, der am Dienstag auf der Haller Anklagebank sitzt, war damals 19, das Mädchen 12 – also noch ein Kind.

Der Angeklagte bat um Nacktbilder. Sie schickte Oben-ohne-­Fotos. Später verabredeten sie sich. Sie umarmten sich, quatschten. Das Mädchen hoffte auf eine Beziehung, speicherte ihn als „Schatz“ im Handy ein. Für sie ein Lichtblick, nachdem sie unter Mobbing litt. Der vermeintliche Ritter, der sie aus dem tiefen Loch befreien sollte, hatte aber gleich beim ersten Treffen offenbar andere Pläne.

19-Jähriger ejakuliert auf Mädchen

Der junge Mann hat laut Oberstaatsanwalt Harald Freyer der Zwölfjährigen in den Schritt und an die Brust gefasst, ihr Oberteil ausgezogen, seine Hose runtergelassen. Er wollte Sex. Als sie nicht mitmachte, habe er onaniert, ihre Hand an seinen Penis gedrückt und dies mit ihrem Kopf versucht. Das Mädchen wehrte sich. Zum Schluss soll er auf den Oberkörper des Mädchens ejakuliert und dies gefilmt haben – wie er es in einem Porno gesehen habe. Der Vorwurf: sexueller Missbrauch eines Kindes in Tateinheit mit der Erstellung kinderpornografischen Materials. Die Zwölfjährige hatte drei Tage später der Mutter vom Treffen und dem Vorfall berichtet. Diese schaltete die Polizei ein.

In der katholischen Kirche in Langenau wollen die Mitglieder beim Thema Missbrauch und Gleichstellung nicht locker lassen.

Der Deutsche mit türkischen Wurzeln räumt ein, dass er Brüste und Po berührt und vor ihr onaniert habe. Alles sei im Einvernehmen geschehen. Er habe eine langfristige Beziehung gesucht und auch nach dem Treffen mit ihr geschrieben. Sie habe kurz darauf den Kontakt abgebrochen.

Der Angeklagte bestreitet aber, dass er sie ausgezogen und zum Oralsex gedrängt habe. Auch könne er sich nicht erinnern, gefilmt zu haben. „Die Tat liegt mehr als ein Jahr zurück“, so der groß gewachsene 20-Jährige, der adrett gekleidet in schwarzem Anzug mit Hemd und Krawatte erscheint – und so noch viel älter wirkt als das blonde Mädchen.

Das scheinbar schlechte Erinnerungsvermögen bringt Staatsanwalt Freyer sowie Sven Güttner, Vorsitzender Richter des Jugendschöffengerichts, auf die Palme. Denn die Polizei hatte auf Handys und Tablets Chatnachrichten gesichert. In einer schreibt der Angeklagte in den Tagen nach dem Treffen: „Habe gerade das Video, wo ich auf deine Titten abspritze, angeschaut.“ Und: „Nächstes Mal schmeckst du, wie Sperma schmeckt.“

Angeklagter behauptet, Mädchen hätte sich als älter ausgegeben

Ein weiterer Punkt erhitzt die Gemüter: Der Angeklagte behauptet, das Mädchen habe sich als 14-Jährige ausgegeben, sich zuvor aufwendig schminken lassen. Sie aber hat gegenüber der Mutter und der Polizei erklärt, ihm ihr wahres Alter genannt zu haben. Auch ist in ihrem Profilnamen eine „12“ angehängt.

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Da der Angeklagte auf seiner Aussage beharrt, muss das Mädchen auf den Zeugenstuhl – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber im Beisein einer psychosozialen Begleiterin, der Mutter und der Haller Nebenklagevertreterin Theresa Link. Das Mädchen habe, wie Güttner später berichtet, eindrücklich die sexuellen Handlungen dargestellt – und blieb in den Kernpunkten bei ihren früheren Aussagen. Laut schluchzend verlässt sie später den Saal.

Mutter und Oma berichten, dass das Mädchen seit dem Vorfall psychologische Behandlung brauche, an Albträumen leide. „Das war für sie alles wie im Traum. Sie hat damals gehofft, dass es schnell vo­rübergeht“, so die Mutter.

Der Böblinger Verteidiger Dr. Fritz Raich hält das Mädchen für unglaubwürdig. Er zieht das Verfahren mit Anträgen bis in den Abend in die Länge. Sie werden alle abgelehnt. Unter anderem fordert er ein „humanbiologisches Gutachten“, um zu prüfen, ob das Mädchen damals nicht doch älter wirkte. Güttner erwidert, das sei anhand Fotos kaum möglich. Zudem wirke das Mädchen heute noch „sehr kindlich“.

Bei sexuellem Kindesmissbrauch drohen hohe Haftstrafen. Achim Fuchs von der Jugendgerichtshilfe in Böblingen empfiehlt aber die Anwendung des Jugendstrafrechts, da er beim Angeklagten „Defizite in der Eigenreflexion“ und eine „deutliche Reifeverzögerung“ sieht. Begründet sei dies auch in dessen schwerer Kindheit: Es gab Gewalt, der Vater ließ die Familie zurück, als der Junge acht war. Zeitweise lebte der Angeklagte in der Türkei. Schulisch holte er auf – schaffte es hier vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur und will nun Wirtschaftswissenschaften studieren.

Sowohl Nebenklagevertreterin als auch der Staatsanwalt fordern eine Jugendstrafe von zehn Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Der Verteidiger bittet um die „mildestmögliche Strafe“, beide hätten schließlich Interesse aneinander gehabt. Der Richter betont in der Urteilsverkündung, dass weder der kulturelle Hintergrund des Täters noch eine mögliche Liebesanbahnung eine Rolle spielten. „Entscheidend ist der Schutz von unter 14-Jährigen. Das ist eindeutig geregelt.“

Zunächst keine Jugendstrafe

Da der Angeklagte in seinem letzten Wort doch noch Mitgefühl für das Opfer gezeigt hat, lässt ihn das Schöffengericht mit einem blauen Auge davonkommen. Statt regulärer Jugendstrafe erhält er eine zweijährige Bewährung, was so nur im Jugendstrafrecht möglich ist. Der Richter hebt den schulischen Erfolg hervor und möchte dem Studium nicht im Weg stehen. Der Verurteilte soll aber 500 Euro an das Haller Frauenhaus zahlen und 20 Beratungsstunden bei Pro Familia absolvieren. Der Staatsanwalt sieht im Urteil keine Milde. „Über dem Angeklagten schwebt zwei Jahre lang das Damoklesschwert.“ Komme es zum Fehlverhalten, werde nachträglich bestraft.

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Gesetz sieht hohe Haftstrafen vor

Der Paragraf 176 des Strafgesetz­buches regelt den sexuellen Missbrauch von Kindern. Darin heißt es: „Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.“ Wer sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt, dem droht eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Der Paragraf 184b regelt „Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Schriften“. Darunter fällt auch das Herstellen von Videomaterial. Dabei drohen Haftstrafen von drei Monaten bis zu fünf Jahren. thumi