Kritik Plakat an Kranausleger: Protest vermutlich gegen Bauprojekt auf Weilerwiese

Bis zur Auslegerspitze des rechten Krans kletterten Unbekannte, um dort ein Plakat mit der Aufschrift "Die größten Kapitalisten-Arschlöcher bleiben" anzubringen. Die Bauherren ließen das Plakat gestern Nachmittag wieder abhängen.
Bis zur Auslegerspitze des rechten Krans kletterten Unbekannte, um dort ein Plakat mit der Aufschrift "Die größten Kapitalisten-Arschlöcher bleiben" anzubringen. Die Bauherren ließen das Plakat gestern Nachmittag wieder abhängen. © Foto: WOLF-DIETER RETZBACH
Schwäbisch Hall / WOLF-DIETER RETZBACH 08.12.2015
Unbekannte haben auf der Baustelle Weilerwiese an einem 30 Meter hohen Kranausleger ein kapitalismuskritisches Plakat angebracht. Die Bauherren - GWG, Stadtwerke, Ärzte - haben keine Anzeige erstattet.

Seit 45 Jahren arbeite er am Bau, aber so etwas habe er noch nicht erlebt. Das erzählte gestern Morgen der Mitarbeiter einer Baufirma, der auf der Weilerwiese eine Tiefgarage, ein Ärztehaus und dessen Zwillingsbau zu errichten hilft. Der Mann spricht über das etwa sechs Meter lange und etwa 1,20 Meter hohe Plakat, das Unbekannte vermutlich in der Nacht auf Montag an einem Kranausleger befestigten - in 30 Metern Höhe über dem Erdboden. Der Kran selbst ist 37 Meter hoch, aber im Keller verankert. Die Kabine, in der die Kranfahrer die Technik bedienen, ist außerhalb von Einsätzen abgeschlossen.

Plakat an der Spitze: "Das müssen Profis gewesen sein"

Plakate am Kranturm, das habe er im Laufe der Jahre erlebt, aber eines an der Spitze des Kranauslegers - "das müssen Profis sein", ist sich der Mitarbeiter der Baufirma sicher. Auch Oberbauleiter Franz Traub hat eine solche Aktion in den 25 Jahren seiner Arbeit am Bau noch nicht gesehen. "Schwindelfreiheit allein genügt nicht", sagt er über die Anbringer des Plakats, die er als "unverfroren" und "absolut leichtsinnig" bezeichnet.

Die Eindringlinge müssen in der Nacht auf Montag auf das Gelände gekommen und auf den Kran geklettert sein. Auf der Baustelle schliefen Mitarbeiter, sie hätten aber nichts bemerkt, so Traub. Auf dem Ausleger müssen sie mit einer Beleuchtung an die Spitze geklettert sein. Dort fixierten sie mit Hilfe von Kabelbindern das Plakat, auf dem mit schwarzem und rotem Stift der Satz "Die größten Kapitalismus-Arschlöcher bleiben" geschrieben worden war.

Vermutlich handelt es sich bei der Aktion um einen Protest gegen den Bau auf der Weilerwiese, der in Teilen der Haller Bevölkerung auf massive Kritik stößt. Bürger kritisieren, dass das  Vorhaben der Stadt, auf der Weilerwiese einen Freizeitpark vor allem für junge Leute anzulegen, verschoben und reduziert wurde.

Dennoch rechnete die Haller Grundstücks- und Wohnungsbaugesellschaft (GWG), einer der drei Bauträger, jetzt nicht mit einem Protest dieser Art. "Wir hatten keinen Grund, so etwas zu erwarten", sagt René Eder, GWG-Leiter für das Projekt auf der Weilerwiese.

Die Proteste habe es vor Baubeginn gegeben, aber seitdem nicht mehr, so Eder. Die Verantwortlichen des Bauprojekts wollten nach Absprache keine Anzeige erstatten, weil das Thema nicht "hochgekocht" werden solle, so Eder.

Gegen 14.30 Uhr wurde das Plakat abgehängt - über eine sogenannte Laufkatze, mit der man sich sicher auf dem Ausleger bewegen kann. Über Weihnachten und Neujahr, wenn die Baustelle drei Wochen lang ruht, patrouilliert ohnehin ein Sicherheitsdienst auf dem Gelände, das war schon vorher so geplant. Möglicherweise wird der Dienst nun früher eingesetzt.

Hausfriedensbruch ist ein Antragsdelikt

 

Gesetzeslage "Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt" - so heißt es in Paragraf 123 des Strafgesetzbuchs über den Hausfriedensbruch. Bezogen auf den Fall in Hall bedeutet dies: Die Eigentümer des Baugeländes auf der Weilerwiese hätten einen Antrag auf Hausfriedensbruch stellen müssen, damit das Anbringen des Protestplakats gesetzlich verfolgt wird. Es wurde aber keine Anzeige erstattet. Dasselbe wie für den Hausfriedensbruch gilt für die Beleidigung: Die Tat wird nur auf Antrag verfolgt.

Strafen Hausfriedensbruch wird im Strafgesetzbuch so definiert: "Wer in die Wohnung, in die Geschäftsräume oder in das befriedete Besitztum eines anderen oder in abgeschlossene Räume, welche zum öffentlichen Dienst oder Verkehr bestimmt sind, widerrechtlich eindringt, oder wer, wenn er ohne Befugnis darin verweilt, auf die Aufforderung des Berechtigten sich nicht entfernt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft". wd