Es ist ein sensibles Thema. Da liegt die Oma im Pflegeheim und wird betreut nach bestem Wissen und Gewissen und oft mit viel Engagement der Pflegekräfte. Doch wo Menschen sind, passieren Fehler. Das ist auch in der Pflege so, doch da können Fehler schwerwiegende Folgen haben. Da wird ein Dekubitusrisiko, also ein Risiko zum Wundliegen, nicht erkannt und die Wunde infiziert sich böse. Da wird ein Medikament in der falschen Dosierung gegeben. Da magert die Oma ab und keiner kümmert sich um den Grund.

Doch damit wir uns richtig verstehen: Thema sind nicht die Fehler, die in Pflegeheimen auftreten. Thema ist der Umgang damit. Denn Fehler, die gemacht und erkannt wurden, bergen eine große Chance: Sie können beim nächsten Mal verhindert werden. Fehlerkultur ist hier das Stichwort: Trauen sich die Mitarbeiter überhaupt, Fehler zuzugeben und falsche Strukturen anzusprechen? Oder müssen sie womöglich Sanktionen befürchten?

„Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Teams offen und konstruktiv damit umgehen, wenn Fehler passieren“, sagt etwa Swantje Popp, Regionalleiterin der evangelischen Heimstiftung, die eine ganze Reihe von Pflegeheimen im Landkreis betreut.

Und weiter: „Wenn Kollegen befürchten müssen, ausgegrenzt und unsachlich kritisiert zu werden, wenn sie ein Fehlverhalten einräumen, dann bleiben Fehler unter Umständen unter der Decke und die Bewohner bekommen es eventuell tatsächlich zu spüren. Und das kann natürlich niemand wollen.“ Allerdings sei es ein Irrtum zu glauben, dass sich der Großteil von Fehlern in Pflegeeinrichtungen auf die Pflege bezieht, betont Popp. „Fast 70 Prozent der Beschwerden beziehen sich, unserer Erfahrung nach, auf den Bereich der Hauswirtschaft und Haus­technik. Dass etwa das Essen den einen zu stark, den anderen zu schwach gewürzt sei. Das versuchen wir zum Beispiel durch Mena­gen auf dem Tisch zu lösen.“ Auch das Diak in Schwäbisch Hall hat den Umgang mit Fehlern und Beschwerden im Blick, dort ist das Teil des Qualitätsmanagements, das ein extra benannter Qualitätsmanager verantwortet.

Nahezu alle Pflegeeinrichtungen verfügen mittlerweile über solche Instrumente, teilt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) Baden-Württemberg mit, der die Heime im Auftrag der Pflegekassen regelmäßig prüft. Wobei eine gute Fehlerkultur für die Prüfer natürlich kaum greifbar ist. Pflegefehler sind es da schon eher. Denn eine Abweichung vom pflegewissenschaftlichen Standard, ein wundgelegener Patient zum Beispiel, und der Umgang damit, ist im Rahmen einer Prüfung verhältnismäßig leicht zu erkennen, sagt Nadine Emunds vom MDK.

Gibt es Beanstandungen, werden die in einem Prüfbericht des MDK an die Kassen übermittelt. Dann erfolgt eine sogenannte Anhörung, teilt die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) als größte Pflegekasse mit. „Das Verfahren wird erst dann beendet, wenn die Missstände beseitigt sind“, sagt AOK-Pressesprecher Dr. René Schilling aus Heilbronn.

Hingegen ist die herrschende Fehlerkultur innerhalb eines Heimes schwer greifbar und kann mit Prüfsystemen kaum gefasst werden. Deshalb weist die AOK auf diesen Umstand besonders hin. Ein Heft soll aufklären. „Fehler als Chance“ steht darauf, und darin erzählen ehemalige Pflegekräfte, die heute allesamt Krankenhäuser und Pflegedienste leiten oder in Universitäten forschen, von ihren Erfahrungen – und von Fehlern. Das Ziel: zu einem offenen Umgang mit den Fehlern anregen. „Ein gutes Fehlermeldesystem umfasst alle Mitarbeiter, vom Pförtner bis zur Reinigungskraft, vom Arzt bis zur Geschäftsführung“, wird das Ergebnis einer Studie vom Zentrum für Pflegeforschung in Bremen zitiert. Doch unerlässlich dazu sei eine Kultur des Vertrauens.

Auch die evangelische Heimstiftung betont die Bedeutung der Fehlerkultur, die Führungskräfte und Mitarbeiter „positiv und offen“ leben sollten, betont Swantje Popp: „Wir halten es für wichtig, dass unsere Mitarbeiter, Bewohner und auch Angehörigen wissen, dass wir Beschwerden positiv als Chancen zur Verbesserung begreifen. Deshalb sehen wir Beschwerden grundsätzlich als Verbesserungsvorschläge und nicht als Kritik an.“

Das Landratsamt hat die Aufsicht


Die Aufsicht der Pflegeheime liegt in Baden-Württemberg bei den Landratsämtern. In Schwäbisch Hall ist diese Aufgabe beim Ordnungs- und Straßenverkehrsamt angesiedelt. Dieses überprüft die verschiedenen Heime im Kreis regelmäßig und meist unangemeldet. Prüfer sind in der Regel eine Verwaltungskraft der Heimaufsichtsbehörde, eine Ärztin des Gesundheits­amts und eine externe Pflegekraft, teilt das Landratsamt mit.

Die Prüfungen orientieren sich an den „Einheitlichen Prüfkriterien für die Heim­aufsicht des Landes Baden-Württemberg“. Sie haben unter anderem das Beschwerdemanagement im Blick, aber auch Personalschlüssel, Unterkunft, Hygiene, Infektionsschutz, Verpflegung, pädagogische Begleitung, Medikamente, Therapie und Pflege oder hauswirtschaftliche Versorgung.

Beanstandungen werden direkt vor Ort besprochen, es kann aber auch eine Beratung durch die Behörde erfolgen. Hinterher wird natürlich überprüft. Wenn die Heime selbst keine Abhilfe schaffen, kann sie per Anordnung erlassen und letztendlich auch vollstreckt werden. uts