Schwäbisch Hall Pfarrer nimmt Kirche auf die Schippe

Qualitätsmanagement auf die Spitze getrieben. Mit der Pistole weiß sich Pfarrer Wolfgang Bayer in seiner Rolle als Pfarrer Thomas B. Kappler gegen die Kirchenleitung in Person von Monika Kern zu wehren.
Qualitätsmanagement auf die Spitze getrieben. Mit der Pistole weiß sich Pfarrer Wolfgang Bayer in seiner Rolle als Pfarrer Thomas B. Kappler gegen die Kirchenleitung in Person von Monika Kern zu wehren. © Foto: Matthias Imkampe
Schwäbisch Hall / Matthias Imkampe 19.09.2018
Bei den Bekenntnissen des Gemeindepfarrers Wolfgang Bayer fühlt sich das Publikum in der Johannes-Brenz-Kirche in Schwäbisch Hall bestens unterhalten und spendet Szenenapplaus.

Wolfgang Bayer, Pfarrer und Kabarettist –  oder Kabarettist und Pfarrer? – hatte zur Premiere des neuen, mittlerweile sechsten Soloprogramms in die Johannes-Brenz-Kirche eingeladen. Bei sonntäglich schönstem Sonnenschein war die Kirche restlos besetzt. Mit dem Titel: „Ach, hätte ich bloß was Anständiges gelernt“ unterhielt Wolfgang Bayer sein heimisches Publikum fast zwei Stunden blendend. Bei vier von zehn Programmpunkten wurde er durch Monika Kern aus seinem Theaterteam unterstützt.

Mit der Kunstfigur Pfarrer Thomas B. Kappler – schon bekannt aus früheren Programmen – wurde so ziemlich alles an der evangelischen Kirche und ihren Pfarrern auf die Schippe genommen. Selbstverständlich sei betont, dass jede Ähnlichkeit mit dem echten Pfarrer Wolfgang Bayer rein zufällig ist … oder ist es gerade deshalb so lustig, weil reale Gemeindeglieder und etliche anwesende Kollegen sich so treffend parodiert sehen? Und auch die Zustände beziehungsweise der Zustand der evangelischen Landeskirche in Württemberg so schön überspitzt dargereicht wird?

Weiblicher Engel an der Pforte

Vom Ursprung und Beginn des Pfarrerdaseins: „Ich war jung und brauchte das Geld“ – so viel zum Thema Berufung – bis zur Himmelspforte, wo nun nach mehr als 2000 Jahren, nach überfälligen Genderdebatten der weibliche Engel Phoebe statt des erwarteten Petrus den Eintritt regelt, war alles geboten. Das Programm umfasste vom Studium bis zur Bahre das ganze Pfarrersleben von Thomas B. Kappler.

Nur auf den ersten Blick sei der vermeintlich schönste Tag im Leben eines Paares, die Hochzeit, auch so schön für den Pfarrer, der die Trauung zu gestalten habe. Heutzutage seien drei bis vier Vorbereitungstreffen nötig, man müsse sich mit Hochzeitsmanagern auseinandersetzen und 60 bis 80 Mails gingen bis zum großen Tag hin und her. Wie angenehm sei doch da eine Beerdigung, bei der die Hauptperson naturgemäß keine großen Ansprüche mehr stelle. Oder: Pfarrer Kappler wohnte dereinst im schlossähnlichen Pfarrhaus, dessen Heizkosten sein Anfängergehalt arg strapazierte. Die parkähnlich große Wiese wurde nur „zum Mähen genutzt“.

Schließlich trieb es Wolfgang Bayer beim Thema Qualitätsmanagement der kirchlichen Behörden auf die Spitze, als sich sein Pfarrer Kappler des unangekündigten Besuches von der Kirchenleitung und der harten Gottesdienstbewertung nur mit dem angedrohten Gebrauch einer Schusswaffe erwehren kann

Wolfgang Bayer schafft es mühelos, sein Publikum mitzunehmen – nach nur kurzem Warm- up hatte er zahlreiche Lacher und viel Szenenapplaus auf seiner Seite. Eine Kirche, in der so gelacht werden darf, hat jedenfalls noch Zukunft und ganz am Ende gibt es sogar noch eine klitzekleine Predigt: Gott liebt seine Menschen so ganz ohne deren eigenes Zutun, und so wird vom Engel Phoebe dann auch Pfarrer Kappler am Ende erlöst und erhält den begehrten Einlass ins Paradies.

Von der Krippenspielnebenrolle zum Solo-Kabarett

Wolfgang Bayer wurde 1958 in Ulm geboren. Er studierte Theologie in Neuendettelsau und Tübingen. Gemeinsam mit seiner Frau, Pfarrerin Babette Bayer, betreute er in Stellenteilung evangelische Kirchengemeinden in Leingarten (1986 bis 1994), in Fichtenberg (1994 bis 2008) und seit 2004 die Johannes-Brenz-Kirchengemeinde in Hall. Das Ehepaar hat zwei erwachsene Töchter. Die Bühne übt auf den gebürtigen Ulmer schon früh eine große Anziehungskraft aus – auch wenn er als Sechsjähriger beim Krippenspiel nur eine Nebenrolle erhielt, wie er auf seiner Homepage humorvoll berichtet. Er hatte Spaß am Mitgestalten von Jugendgottesdiensten und entwickelte bereits als Jugendlicher eine erste Liebe zu Kabarett und Comedy. Neben dem Studium trat er bei bunten Abenden mit teils selbst geschriebenen Sketchen auf. Als Pfarrer unternahm er zunächst nur gelegentliche kabarettistische Ausflüge bei Gemeindeveranstaltungen. Im Sommer 2003 gründete er mit Kollegen das „Freie Kirchen Kabarett“ (FKK). Aus dem Projekt entwickelte sich eine feste Gruppe. Von 2009 bis 2013 absolvierte Bayer eine theater­pädagogische Ausbildung in Heidelberg. Seit 2007 ist er vor allem solistisch unterwegs.  blo

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