Popmusik Peter Kraus: Gefährlich und wild wie ein Tiger

Die beiden riesigen Videoleinwände auf der Bühne im Gaisbacher Carmen-Würth-Forum bringen Peter Kraus (Mitte) und die Musiker besonders groß heraus.
Die beiden riesigen Videoleinwände auf der Bühne im Gaisbacher Carmen-Würth-Forum bringen Peter Kraus (Mitte) und die Musiker besonders groß heraus. © Foto: Andreas Dehne
Künzelsau / Andreas Dehne 10.04.2018

Ich kann Ihnen leider nicht versprechen, dass dies meine letzte Tournee war.“ Die abschließenden Worte des Abends gehen im tosenden Beifall fast schon unter. Stehende Ovationen im Gaisbacher Carmen-Würth-Forum für den Musiker, Entertainer und noch immer begnadeten „Rock ’n’ Roll“-Sänger Peter Kraus. Keiner besingt die deutschsprachige Variante dieser Musik mit dem berühmten Hüftschwung wohl so wie er. „Der deutsche Elvis“, wie er früher bezeichnet worden ist, erzählt viele Anekdoten aus seinem Leben und garniert diese mit der im Nachkriegsdeutschland und Wirtschaftswunderland vielfach ungeliebten Musik. „Negermusik hat man sie damals oft genannt“, erinnert er sich. Zahlreiche Hits der wilden 1950er- und 1960er-Jahre bringt er mit seiner achtköpfigen Band auf die von zwei Videoleinwänden eingerahmte Bühne. „Schön war die Zeit“ nennt er seine musikalischen Lebenserinnerungen, und das Publikum singt bei vielen der Lieder begeistert mit. Kreischt. Mit jedem Hüftschwung des Österreichers etwas mehr. Viele haben schon lange ihre Plätze verlassen, um vor der Bühne zu tanzen.

Wenn Slips auf die Bühne fliegen

Auch wenn der Petticoat dabei die Ausnahme ist – er ist da. In den feuchten Augen manch einer Zuschauerin glaubt man die Erinnerungen an die wilden Tage wieder auferstehen zu sehen. „Immer wenn ich den ‚Tiger’ sang, warfen die Teenager ihre Slips auf die Bühne“, erinnert sich Peter Siegfried Krausenecker, so der Name, den er 1939 in München nach seiner Geburt bekam. Erwartungsvoll schaut er in die vollbesetzte Runde des großen Saals. „Auf meiner letzten Tournee flogen wieder Slips auf die Bühne“, provoziert er das Publikum in Gaisbach. „Die waren natürlich ein wenig größer.“ Die Zuschauer kreischen vor Entzücken.

Die Musiker spielen den „Tiger“ wild und gefährlich, sehr rockig und sehr schnell. Das ist fast schon moderner Rock ’n’ Roll. Damals wurde es kein Hit wie gewünscht. Heute genießt der Song Kultstatus.

Es klingen etwa 50 Titel der sogenannten wilden Zeit an, vielleicht sogar mehr, denn viele sind in Medleys verpackt. Viel Heftiges ist darunter, aber auch Besinnliches: „Sag mir, wo die Blumen sind.“ 17 Millionen Tonträger soll die lebende Legende verkauft haben. Nach dem Konzert in Künzelsau werden es ein paar mehr sein, „Rote Lippen soll man küssen“ oder „Let’s twist again.“

Mädchen im reiferen Alter

Und zum Finale wird es besonders wild. „Wer tanzen will, kommt nach vorne“, fordert Peter Kraus auf. „Satisfaction“ wird gespielt. „Yellow Submarine“ folgt übergangslos. Kraus verlässt die Bühne und singt zwischen den Zuschauern. Kreischende Mädchen im reiferen Alter mit Petticoat lassen sich von ihm herzen, umarmen, besingen: „Pretty Woman“. Die Stimmung im Carmen-Würth-Forum ist glänzend. „If I had a hammer.“

Plötzlich stoppt Kraus. „Ihr spielt nur Ausländisches“, fährt er die Band ironisch an. Auf den „Kriminal-Tango“ folgt der „Häuptling der Indianer“ und „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Und dann das unvergleichliche „Sugar Baby“. Warum fliegen jetzt keine Slips auf die Bühne, wundert man sich. Die ausgelassene Stimmung schreit förmlich danach. Ganz wie früher. Nach über zwei Stunden mitreißender Welthits verabschiedet sich ein grandioser junggebliebener 79-jähriger Rock ’n’ Roller von der Bühne. Man möchte ihm noch zurufen: „Schön war die Zeit.“ Wirklich wunderschön.

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