Karneval Perfektes Licht für Fotografen

Magische Momente: Zu Barock-Musik schreiten die Maskenträger beim Defilée die Treppe herunter. Es sei gar nicht so leicht dabei nicht zu stolpern verraten einige Teilnehmer auf Nachfrage.
Magische Momente: Zu Barock-Musik schreiten die Maskenträger beim Defilée die Treppe herunter. Es sei gar nicht so leicht dabei nicht zu stolpern verraten einige Teilnehmer auf Nachfrage. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 05.02.2018

Die Sonne heisst Helena, kommt aus Karlsruhe und friert. Der rote Satin ihrer Handschuhe wärmt ebenso wenig wie die goldgelben Strahlen, die ihrer Maske umgeben. Die Glitzerschühchen sind auch nicht ernsthaft winterfest. Aber was erträgt frau nicht alles, wenn es um ihr Outfit geht! In den Umkleideräumen im Sibilla-Egen-Haus am Marktplatz kann sich die Sonne aufwärmen.

Ihre große Kollegin lässt sich beim venezianischen Karneval in der Siederstadt nicht am Himmel blicken. Sehr zur Freude der Fotografen, die wie immer zahlreich und mit schwerem Gerät bewaffnet erschienen sind. So, wie Axel aus Baden-Baden: „Wo Sonne ist, gibt es auch Schatten“, erklärt der Hobbyfotograf, „so aber sind die Motive gleichmäßig ausgeleuchtet“. Überhaupt bilde das hässliche Wetter einen reizvollen Kontrast zu den schönen Kostümen. Als Beweis zeigt er auf seinem Display stolz das Bild eines leuchtend weißen Paares, das vor einer trübbraunen Mauer tatsächlich geradezu mystisch erstrahlt.

 Auch die tanzenden Schneeflocken, die in den höheren Lagen der Umgebung zu beobachten sind, schaffen es nicht in die City. Für die Besucher von Hallia Venezia hat Petrus nur leichten Regen übrig. Echte Profis wie Bärbel Gnirke beeindruckt das nicht im Geringsten: Die Pressesprecherin des Vereins, der namensgebend für das Kostüm-Event ist, wäre noch auf viel extremere Bedingungen vorbereitet: Sie hat ihre kunstvolle Pappmaché-Maske mit einem hochisolierenden Schutzspray für elektronische Leiterplatten behandelt: „Die ist jetzt wasserdicht von minus 70 bis plus 120 Grad.“

Wie fühlt sich das an, einem Verein anzugehören, der es geschafft hat, Besucher aus ganz Deutschland nach Hall zu locken? „Das Schönste ist es, oben auf der Michaelstreppe zu stehen, der Marktplatz ist voller Leute und man denkt: Sie sind alle wegen mir da!“, schwärmt Gnirke, „da wächst man innerlich gleich um zehn Zentimeter.“

Die Treppe hinunter zu schreiten, traue sie sich nicht, da die Maske, die sie als barocke Göttin des Weines trägt, ihr Gesichtsfeld zu stark einschränke: „Ich sehe nicht, wo ich hintrete.“ Kollegin Nikola Weller geht die Stufen dagegen lieber hinunter als hinauf: „Beim Rauflaufen verfängt sich der Fuß leicht im Saum des langen Kleides “, beschreibt die Vereinsvorsitzende die Stolperfallen, mit denen die Träger der aufwändigen Kostüme zu kämpfen haben.

Knapp eine Stunde dauert es, um sich von einem normalen Menschen in ein funkelndes Kunstwerk zu verwandeln. Schminke ist überflüssig, nur die Augen werden mit einem dicken, schwarzen Rand versehen, damit sie durch die Schlitze der Maske nicht mehr wahrgenommen werden können. Was dazu führt, dass die Maskenträger „oben ohne“ furchterregenden Waschbären gleichen.

Viele kleine Kinder im Publikum haben auch so schon Angst vor den seltsamen Gestalten. Der zweijährige Max versteckt sein Gesichtchen konsequent im sicheren Mantelkragen seines Papas. Ganz anders als seine Urgroßeltern Kurt und Anni Hundertmark aus Nordrhein-Westfalen, die ihren Besuch extra so gelegt haben, dass sie den Hallia Venezia-Termin noch „mitnehmen“ können. Was Max unter anderem verpasst, ist der Auftritt des Königs und der Königin der Nacht. Die silbernen Kronen des ansonsten düsteren Paares verfügen über eine indirekte LED-Beleuchtung mit wechselnden Farben. „Die Technik dafür haben wir im Kopf“, verraten Gabriele und Markus, wie das Herrscherpaar in der realen Welt heißt, und sie meinen das wörtlich: Die Batterien für die Lichteffekte verbergen sich hinter den hohen Zacken ihres majestätischen Kopfschmucks. Die Fernbedienung wiederum steckt im Zepter. Mehr als fünf Kilogramm wiegen die königlichen Gewänder aus nachtschwarzen Brokatstoffen.

Ab nach Italien

Dass der gebürtige Sizilianer Graziano unter der Last seines Kostüms nicht zusammenbricht, ist ein kleines Wunder: Auf seinem Dreispitz thront ein Schiff unter vollen Segeln, sein üppiger Rokoko-Rock hätte am Hof des Sonnenkönigs Ludwig bestimmt anerkennendes Nicken hervorgerufen. Es sind jedoch allein die zeitgenössisch korrekten, hohen Absätze seiner Schuhe, die ihm zu schaffen machen. Morgen fährt der in Kassel lebende Kostümfreund mit seiner Frau zum Karneval in Venedig, der am 27. Januar  begonnen hat.