Freilichtspiele Hall Maja Sikora: Schauspielerin auf der Treppe

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 10.08.2018
Als Klara verdreht sie den Männern in der „Bar zum Krokodil“ auf der Treppe den Kopf: die Schauspielerin Maja Sikora.

Aufreizend fliegen ihre langen Beine durch die Luft. Charmant und frech singt sie von ihrer Jagd auf die „richtigen Männer“ – und die liegen ihr auf der Großen Treppe dann auch gleich reihenweise zu Füßen. In der musikalischen Revue „In der Bar zum Krokodil – Ab in die wilden 20er“ der Freilichtspiele Hall schlüpft Maja Sikora in die Rolle der Klara, einer „aufstrebenden Diseuse, offen für lukrative Gelegenheiten aller Art“, wie sie im Programmheft charakterisiert wird.

„Diesen Ausdruck Diseuse habe ich hier erst kennengelernt“, verrät Maja Sikora, als sie beim Gespräch im Straßencafé munter von ihrer Zeit in Hall erzählt und davon, dass ihr dieser Begriff für eine Chanson- und Kabarett-Künstlerin ausgesprochen gut gefällt. Seit drei Monaten ist die Siederstadt ihre Heimat auf Zeit. Die 30-Jährige hat auch bereits die Stephanie in dem Musical „Saturday Night Fever“ verkörpert. Sie tanzte und sang in der Treppen-Disco und fühlt sich mittlerweile mit den Stufen gut vertraut – „aber man muss schon mit großer Konzentration bei der Sache sein“, betont sie.

Die Freilichtspiele Hall mit der Treppe seien in der Musical-Szene zwar ein Begriff. Maja Sikora hatte sich im Internet auch viele Fotos der Stufen vor St. Michael angeschaut. „Doch als ich das erste Mal dort stand, war ich fast schockiert, dass auf eine Stufe nur Schuhgröße 39 passt – gerade so meine Größe.“ Wie sollte das mit dem Tanzen bloß funktionieren? Aber durch viele Tipps der Kollegen, Training und Proben wird die Treppe für sie doch zu einer Art Freundin.

Überhaupt: Die quirlige Künstlerin hat sich schnell in Hall eingelebt. „Ich habe gleich an einer Stadtführung teilgenommen.“ Macht sie immer in einer neuen Stadt. So lernt sie ihre Umgebung kennen, „und ich kann sogar den Kollegen noch etwas beibringen“, meint sie lachend.

Außerdem helfen ihr kleine Rituale, um sich schnell heimisch zu fühlen. Meistens dauere das eine Woche. „Ich liebe Routinen, am liebsten esse ich jeden Tag das Gleiche.“ In Hall ist es Pasta. Als sie im vergangenen Jahr in Braunschweig engagiert war, entwickelte sie eine Vorliebe für Thunfischbrot mit Melone. Wenn man so viel unterwegs ist mit ständig wechselnden Projekten, sei ein gewisser Anteil mit festen Strukturen wichtig. Vor ihrem Engagement im Kochertal tourte sie mit dem Musical „Hairspray“ monatelang durch Deutschland, Österreich und die Schweiz – mit täglich rund fünf Stunden Fahrt. Zwar hat Maja Sikora eine Wohnung in Berlin, „aber ich war in diesem Jahr noch kaum dort“.

Was in Hall für sie auch zu einer beliebten Routine wurde: Sommerkleider kaufen. „Wenn ich wieder abreise, muss ich mir dafür noch einen extra Koffer anschaffen“, meint die Wahl-Berlinerin lachend.

Mit den Sommerkleidern ist das so eine Sache. Als Maja Sikora im März zum ersten Mal nach Hall kam, auch um die neue Tonanlage auf der Treppe zu testen, war es bitterkalt. Erfahrene Freilichtspiele-Kollegen haben ihr empfohlen, für die Saison auf jeden Fall dicke Sachen einzupacken. Auf der Treppe wurde ja auch schon im Schneegestöber geprobt. Doch seit die gebürtige Hamburgerin Anfang Mai anreiste, erlebt sie Sommer pur. „Im Freibad kennt man uns auch längst“, erzählt sie.

Und wie führte ihr Weg überhaupt nach Hall? Per Zufall: Maja Sikora arbeitete jüngst in „Hairspray“ mit Heiko Lippmann zusammen, dem musikalischen Leiter, der gemeinsam mit Freilichtspiele-Intendant Christian Doll die 20er-Jahre-Revue erdacht hat. Auch mit Regisseur Ulf Dietrich sowie dem „Saturday Night Fever“-Regisseur Christopher Tölle hat die Musicalschauspielerin schon zusammengearbeitet. Alles passte zusammen.

Seit sieben Jahren arbeitet Maja Sikora in ihrem Beruf. Sie trat unter anderem in München auf, an der Komischen Oper Berlin, bei den Freilichtspielen Tecklenburg, am Staatstheater Braunschweig und zeigte im Musical „Hochzeit mit Hindernissen“ in Bielefeld auch ihre Fähigkeiten als Turnerin und Einradfahrerin. Ein gewisser Bewegungsdrang muss seit jeher vorhanden gewesen sein: „Ich sei schon mit zwei Jahren so umtriebig gewesen, erzählt meine Mutter immer.“ Überhaupt sei Tanzen und Singen in ihrer polnischen Großfamilie fest verankert – „so bin ich aufgewachsen“. Zunächst sei ihr gar nicht klar gewesen, dass man das auch studieren kann. Auf gut Glück bewarb sie sich an der Universität der Künste in Berlin – und wurde genommen.

Maja Sikora liebt ihren Job. Doch hinter der locker und leicht daherkommenden Unterhaltungsbranche stecken harte Arbeit und auch Durststrecken: „Der Beruf ist nicht nur Spaß, da gibt es auch viele Zweifel und Ängste“, sagt die 30-Jährige ernst. Vor allem in den Anfangsjahren sei es schwer. Ihr habe es geholfen, auch offen mit Kollegen darüber zu sprechen. Außerdem ist sie froh, dass sie in ihrer Familie einen starken Rückhalt erfährt. Ihre Mutter sei da gelassen und voller Vertrauen: „Wenn es nicht klappt, könne ich immer noch Geige spielen und Straßenmusik machen.“

Doch für Maja Sikora läuft es gut – das genießt sie und ist dankbar dafür. Was nach dem Haller Freilichtspiele-Sommer kommt? „Es geht nach Bonn.“ Am Contra-Kreis-Theater wirkt sie ab September in der Produktion „fott es fott – die Bonn-Revue“ mit. Und bis dahin wird sie sich auf der Großen Treppe noch etliche Male von ihren Verehrern umschwärmen lassen.

Info Die musikalische Revue „In der Bar zum Krokodil – Ab in die wilden 20er“ wird gezeigt heute und morgen, Samstag und Sonntag, sowie am 18., 19., 21., 22., 23. und 24. August. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr auf der Großen Treppe. www.freilichtspiele-hall.de

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In Hamburg geboren, unterwegs zu Hause

Maja Sikora wird 1987 in Hamburg geboren. Ihre Familie gehört zur polnischen Minderheit in Tschechien. Die Eltern wollten 1986 nach Schweden fliehen, blieben dann aber in Hamburg, wo Maja Sikora mit ihrer ein Jahr älteren Schwester aufwächst. An der Berliner Universität der Künste studiert Maja Sikora an der Musical-Fakultät und schließt ihr Studium 2011 mit Diplom ab. Seit Jahren ist sie in großen Musicalproduktionen zu erleben – beispielsweise „Kiss me Kate“, „Viktor/Viktoria“ und in der Titelrolle von „Sweet Charity“ am Alten Schauspielhaus in Stuttgart. Für letzte wird sie beim Musicalfestival Daegu in Südkorea als beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Die Künstlerin ist viel unterwegs, hat wenig Zeit für Hobbys, spielt aber Geige und Klavier. Maja Sikora ist Single und lebt in Berlin. blo

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