Trauer Opfer der Anführungszeichen

Bettina Lober 09.01.2018
Der frühere CDU-Politiker und Bundestagspräsident Dr. Philipp Jenninger ist im Alter von 85 Jahren gestorben. 21 Jahre lang vertrat er Hohenlohe in Bonn, später war er Botschafter im Vatikan.

Mit Philipp Jenninger verlässt uns wieder ein großer Politiker der alten Garde“, sagt der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang von Stetten traurig. 1990 war er als Nachfolger Jenningers als CDU-Direktkandidat in den Bundestag eingezogen. Jenninger war ein Vollblutpolitiker, der es in seiner Karriere bis zum angesehenen Bundestagspräsidenten brachte. Dem aber auch übel mitgespielt wurde, und der mit einer missglückten Rede im November 1988 tief stürzte.

Bis dahin war seine Politikerkarriere tadellos. Geboren wurde Philipp-Hariolf Jenninger am 10. Juni 1932 in Rindelbach bei Ellwangen. „Ich bin als jüngster von sechs Buben aufgewachsen, mein Vater war Buchdruckermeister“, erzählte er 2009 bei den Braunsbacher Wintergesprächen. Er stammte aus einem konservativ-katholischen Elternhaus, das aus seiner Abneigung gegen die Nazis keinen Hehl machte. Dass Philipp Jenninger Rechts- und Staatswissenschaften studierte, habe seine Mutter folgendermaßen kommentiert: „Wer fürs Handwerk nicht taugt, den lässt man halt studieren.“

Unbeirrt machte der Jurist Karriere und sammelte als persönlicher Referent des Bundesministers für besondere Aufgaben Heinrich Krone erste politische Erfahrungen. Anschließend wurde er Kabinettsreferent des damaligen Bundesfinanzministers Franz Josef Strauß.

Im Jahr 1969 ist Jenninger für die CDU in den Bundestag gewählt worden – zunächst für den Wahlkreis Crailsheim-Künzels­au-Öhringen-Bad Mergentheim, dann für den Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe. 21 Jahre lang hat er die Interessen der Menschen in der Region lebhaft vertreten. „Nicht die Leut’ im Wahlkreis vergessen“ – das hatte ihm schon seine Mutter eingeimpft.

Jenninger stieg zum Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf – und zeigte sich durchaus auch kampflustig: So fiel er beispielsweise 1976 auf, als er ein CDU-kritisches Plakat des Künstlers Klaus Staeck in Bonn von einer Ausstellungswand riss. 1982 wurde Jenninger als enger Vertrauter von Helmut Kohl als Staatsminister ins Kanzleramt berufen. Schließlich ist er nach dem Rücktritt von Rainer Barzel 1984 zum ersten Mal zum Präsidenten des Deutschen Bundestags gewählt worden. 1987 wurde er mit eindrucksvoller Mehrheit in diesem Amt bestätigt, in dem er als souveräner Verwalter des Parlaments eine gute Figur machte.

Doch im November 1988 geriet der Staatsakt des Bundestags zum 50. Gedenken der Reichspogromnacht der Nazis für Jenninger zum Debakel. Er wollte wohl mit seiner 26-Seiten-Rede fernab von den zur Routine erstarrten Betroffenheitsritualen eine ungeschminkte Bilanz dessen ziehen, was die Deutschen kollektiv in die Arme von Adolf Hitler trieb und was 1938 hinter dem staatlichen Terror gegen die Juden stand. Die sorgfältig vorbereitete Rede entsprach bis ins Detail den historischen Tatsachen, sie war einwandfrei, allerdings wurde sie von Jenninger ungeschickt vorgetragen. „Eine rhetorische Schwäche“, wie er Jahre später einräumte. Jenninger zitierte die einschlägigen NS-Dokumente scheinbar kühl und distanzlos, ohne hörbare Anführungszeichen – das war sein einziger Fehler.

Was folgte, war vor allem in den Medien ein Sturm der Entrüstung, was seinen politischen Gegnern gerade recht kam. Jenninger war tief betroffen und reagierte nobel: Einen Tag nach der Rede trat er zurück. Von seinen Weggefährten kam wenig Hilfe, auch Helmut Kohl ließ seinen Freund im Regen stehen. Der Umgang mit Jenninger sei „kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Parlamentarismus“, sagt der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm heute. „Pharisäerhaft“ sei man über Jenninger hergefallen, „das verzeihe ich mir nicht“, zitiert die Süddeutsche Zeitung den ehemaligen Politiker.

Noch bis 1990 blieb Jenninger Abgeordneter im Bundestag. Wohl aus Verbitterung meldete er sich im Plenum aber nicht mehr zu Wort. Übrigens: Der frühere Präsident des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, erzählte einst, dass er 1989 Jenningers Rede bei einem Gedenken wörtlich vorgetragen habe – und niemand nahm daran Anstoß.

Philipp Jenninger wurde 1991 deutscher Botschafter in Wien und war zuletzt von 1995 bis 1997 Botschafter im Vatikan in Rom. Eine eindrucksvolle Zeit, von der er in den vergangenen Jahren auch bei vielen Veranstaltungen in der Region berichtete. Überhaupt pflegte Jenninger stets den Kontakt nach Hohenlohe und ins Limpurger Land. Auch im Ruhestand war Jenninger vielfach zu Gast in der Region. Beim 50-Jahr-Jubiläum der CDU Rottal hielt er beispielsweise die Festrede. Für Wolfgang von Stetten, der stets zu dem Politiker hielt und bis zuletzt den Kontakt mit ihm pflegte, ist klar: Jenninger war ein Glücksfall für die Region und der „bedeutendste Politiker Hohenlohes“. Am 4. Januar ist Philipp Jenninger, der mit seiner Frau Ina zuletzt in Stuttgart lebte, im Alter von 85 Jahren gestorben.

Info Die Beisetzung ist am Freitag, 12. Januar, um 13.30 Uhr in Ellwangen-Schönenberg. Für die CDU der Kreise Hall und Hohenlohe wird Wolfgang von Stetten sprechen.