Zwei Leichtflugzeuge stoßen zusammen. Beide Piloten sterben. Die Wracks krachen auf ein Feld südlich von Tüngental, rund 600 Meter vom Würth-Airport entfernt.

„Denkt man sich die Absturzstelle in verlängerter Richtung der Start- und Landebahn gen Westen, so befindet man sich im Baugebiet Wolfsbühl am östlichen Rand der Kreuzäckersiedlung“, schreiben die drei Ehepaare Reber, Müller und Hascher, die dort wohnen, in einem offenen Brief an Regierungspräsidium und Oberbürgermeister. Sie schlussfolgern: „Dass mit dem Baugebiet Wolfsbühl die Kreuz­äckersiedlung näher an die Start- und Landebahn heranrückt, ist kein kluges Vorgehen.“

Klartext für Käufer

Das neue Baugebiet entsteht in östlicher Verlängerung zur Kreuz­äckersiedlung, in der derzeit 4000 Bürger leben. Das Wolfsbühl soll Platz für 200 neue Einwohner schaffen. Es gibt weit mehr Interessenten als Bauplätze, die kürzlich vergeben wurden. 

Die drei Ehepaare meinen, dass die Maschinen zu dicht über die Dächer fliegen. „Luftfahrzeuge können in einer Höhe von 423 Metern über Normalnull verkehren. Eine maximale Hindernishöhenbeschränkung von 410 Metern über Normalnull wurde für das gesamte Baugebiet festgelegt. Man beachte: nur 13 Meter Differenz!“ Das Regierungspräsidium antwortet auf Nachfrage: „Bei der Einrichtung eines Bauschutzbereichs, das ist hier der Fall, sind immer Puffer eingerechnet.“

Die Experten präzisieren: „Luftfahrzeuge können dort im schlechtesten Fall noch 15 Meter Abstand zur Wohnbebauung haben. Im Idealfall sollte das Luftfahrzeug allerdings mindestens 25 Meter Abstand haben.“ Auch die Mitarbeiter im Regierungspräsidium seien „bestürzt über den tragischen Unfall“. Eine Bebauung des Wolfsbühls erhöhe das Risiko der Bürger nicht. Es würden alle nationalen Regeln eingehalten.

Auch die Haller Stadtverwaltung wehrt sich gegen die Vorwürfe Einzelner: „Selbstverständlich wurde das Thema Flugsicherheit bei der Planung des Neubaugebiets Wolfsbühl berücksichtigt. Der Bebauungsplan ist mit allen öffentlichen Trägern, unter anderem auch mit der Obersten Luftfahrtbehörde, in Bezug auf Lärm- und Höhenbeschränkungen per Gutachten abgestimmt.“ Das Neubaugebiet befände sich weder unterhalb der vom Flugplatz definierten Platzrunde noch unmittelbar unterhalb des beim Instrumentenlandesystem eingesetzten Leitstrahls. „Die Erwerber der Grundstücke werden auf die Nähe des Baugebiets zum Verkehrslandeplatz hingewiesen.“

Hohes Flugaufkommen

SPD-Stadtrat Rüdiger Schorpp stellt 13 Fragen an die Stadtverwaltung zu „Kontrolle der Lärmschutzverordnung“ und „Reduzierung des Fluglärms und der Schadstoffbelastung durch Freizeit- und Sportflieger“.

Zudem zeigt er sich über die Sicherheit besorgt: „Laut ,Safety Letter’ des Adolf-Würth-Airports zählt der Flugplatz Hessental ,mit über 30.000 Flugbewegungen pro Jahr zu den verkehrsreichsten Verkehrslandeplätzen in Deutschland’. Weiter heißt es: ,Falsche Meldungen führen täglich zu Verwirrung von Piloten und der Flugleitung und zu gefährlichen Situationen’.“ Schorpp schließt da­raus: „Damit ist bezüglich der Sicherheit eine deutliche Aussage getroffen, die Konsequenzen erfordert.“

Die Stadtverwaltung antwortet in der Regel in einer der nächsten Ratssitzungen auf Anfragen, sofern sie zuständig ist. Denn viele Angelegenheiten, die den Flugplatz betreffen, verantworten das Regierungspräsidium und die entsprechenden Bundesbehörden.

Was Fraktionssprecher des Gemeinderats sagen


Ludger Graf von Westerholt (CDU): „Die Kleinflugzeuge fliegen, wie sie wollen. Viele produzieren überdurchschnittlich viel Lärm. Ich selbst halte die Hobby­fliegerei in unserem dicht besiedelten Landstrich für keine gemeinwohlorientierte Freizeitgestaltung.“

Helmut Kaiser (SPD): „Es ist nachvollziehbar, dass der tragische Unfall am letzten Sonntag die Anwohner beschäftigt. Aus einem noch ungeklärten tragischen Vorgang abzuleiten, dass ein ordnungsgemäß durchgeführtes und abgewogenes Bebauungsplanverfahren falsch war, ist zumindest eine voreilige Schlussfolgerung.“

Andrea Herrmann (Bündnis 90/Die Grünen): „Wir waren gegen das Wohngebiet, weil der Flächenverbrauch zu groß ist. Lärm war ein Aspekt, aber kein K.o.-Kriterium. Zum Thema Sicherheit muss man allerdings sagen, dass auch anderswo Unglücke passieren können.“
Hartmut Baumann (FWV): „Anwohner, die gegen ein neues Baugebiet sind, Fluglärm und das Flugunglück darf man thematisch nicht vermengen. Warum äußern die sich so negativ? Vielleicht weil jemand ein Haus vor sie hinbaut?“

Thomas Preisendanz (FDP): „Wir brauchen in Hall dringend Flächen, die bebaut werden können. Leider gibt es aber nirgendwo hundertprozentigen Schutz. Das neue Wohngebiet bildet da keine Ausnahme.“