Religion Offen sein und Kompromisse finden

Will ein muslimischer Mitarbeiter in der Spätschicht sein Fasten brechen, ist die Kantine oft geschlossen. Daher ist bei den Arbeitszeiten Fingerspitzengefühl gefragt.
Will ein muslimischer Mitarbeiter in der Spätschicht sein Fasten brechen, ist die Kantine oft geschlossen. Daher ist bei den Arbeitszeiten Fingerspitzengefühl gefragt. © Foto: Christoph Schmidt/dpa
Frank Lutz 16.06.2018

Gestern endete mit dem Fastenbrechfest für gläubige Muslime der Fastenmonat Ramadan. 30 Tage hatten sie zuvor tagsüber auf Essen und Getränke verzichtet. Davon sind auch viele Betriebe in der Region betroffen, beschäftigen sie – insbesondere durch die Ankunft zahlreicher Flüchtlinge in den letzten Jahren – doch immer öfter muslimische Mitarbeiter. Der Verzicht auf Nahrung während der Arbeitszeit wirft einige Fragen auf: Unterstützen die Betriebe ihre Angestellten bei der Erfüllung ihrer religiösen Pflicht, selbst wenn sich das auf ihre Arbeitsleistung auswirken könnte? Was tun die Betriebe für ihre muslimischen Mitarbeiter und wo liegen für sie die Grenzen?

Haitham Rashidy betrifft das Thema in doppelter Hinsicht: Der gebürtige Ägypter ist gläubiger Muslim und hält sich an das Fastengebot. Und gleichzeitig ist er Abteilungsleiter in der Produktion bei Procter & Gamble in Crailsheim und versucht auf die Bedürfnisse seiner fastenden Mitarbeiter einzugehen. Ein wichtiger Punkt sei die Arbeitszeit: „Zum Beispiel ist die Spätschicht umständlich: Die Öffnungszeiten der Kantine passen nicht zum Fastenbrechen.“

Sensibel nachfragen

Rashidy empfiehlt den Betrieben eine Mischung aus Neugier und Fingerspitzengefühl: „Man kann seinen Mitarbeiter ruhig einfach so ansprechen und fragen, wie kann ich unterstützen, und ihm das Gefühl geben, man nimmt Rücksicht.“ Für ihn persönlich sei das Reden über Religion und speziell Ramadan kein Tabu, „es sollte aber jeder ein Gespür dafür haben, mit wem er redet“. In seinen zehn Jahren bei Procter & Gamble in Crailsheim habe es nie aufdringliche Fragen gegeben: „Offenheit gehört zur Firmenkultur. Gerade am Crailsheimer Standort hat Internationalität einen hohen Stellenwert.“

Internationalität nimmt offensichtlich auch bei Bürkert einen hohen Stellenwert ein: „Grundsätze wie die Achtung fremder Kulturen oder die Gleichbehandlung ungeachtet von Geschlecht, Rasse oder religiösem Glauben sind fester Bestandteil der Bürkert-Unternehmenskultur“, sagt Viola Modesti, Projektkoordinatorin Weiterbildung und Ausbildungscoach Personalwesen beim Ingelfinger Fluidspezialisten. Modesti koordiniert das Qualifizierungsprojekt „QIP – Qualification, Integration, Perspective“ für Asylbewerber, bei dem seit Februar 2017“ in dreimonatigen Praktika regelmäßig Gruppen von Flüchtlingen für das Berufsleben qualifiziert werden. Derzeit beschäftigt Bürkert über QIP 25 muslimische Praktikanten aus Syrien, Afghanistan, Togo und dem Irak, die alle fasten.

„Um zu vermeiden, dass die Praktikanten bei 30 Grad an Maschinen und Werkzeugen arbeiten müssen, solange sie nichts trinken und essen, entlassen wir sie an heißen Tagen bereits gegen Mittag“, berichtet Modesti. Außerdem sei die Ausbildungswerkstatt zusätzlich zu den zweiwöchigen Pfingstferien noch eine weitere Woche geschlossen geblieben, dafür werde das Praktikum zum Ende hin verlängert. Zudem wurde die tägliche Mittagspause von 45 auf 30 Minuten verkürzt, als Ausgleich haben die Praktikanten Freitagnachmittag frei und können ihr obligatorisches Freitagsgebet ungestört verrichten.

Modesti schränkt ein: „In einer Praktikumssituation ist es natürlich einfacher, flexibel auf etwaige Bedingungen zu reagieren, in Festanstellung ist das nur bedingt möglich.“ Doch auch hier komme der Betrieb muslimischen Mitarbeitern entgegen: Sie dürfen ihren Urlaub zumindest teilweise während des Fastenmonats nehmen. Auch kurze Gebete während der Arbeitszeit seien gestattet.

Wie Rashidy empfiehlt Modesti Offenheit und Kompromissbereitschaft: „Wir empfehlen, ins Gespräch zu gehen und Arrangements zu finden, die sowohl für die Muslime als auch für das Unternehmen vertretbar sind. Das Thema sollte offen angesprochen werden, um so die Praktikanten beziehungsweise Arbeitnehmer bestmöglich während der Fastenzeit unterstützen zu können.“

Verständnis zeigen

Welche Erfahrungen machen aber kleine Unternehmen, die oft zum ersten Mal einen muslimischen Mitarbeiter anstellen? „Wenn der Angestellte fastet, sollte man nicht ablehnend dazu stehen“, meint auch Norbert Golla, Inhaber des Obersulmer Dentallabors Golla Zahntechnik. Golla beschäftigt seit fast vier Jahren den Zahntechniker-Gesellen Abdullah Al Asaad aus Syrien. Allerdings habe Al Asaad – anders als früher – in diesem Jahr nur tageweise gefastet: „Es hat ihm körperlich und gesundheitlich nicht so gut getan, da Belastungen da waren.“

Doch Golla fügt hinzu: „Ich hätte schon Verständnis gezeigt, wenn er es gemacht hätte.“ Schließlich habe sich das Fasten kaum auf die Arbeitsleistung ausgewirkt. Ob er Al Asaad aber bewusst Arbeit abnehmen würde, um ihn während des Ramadan nicht unnötig zu belasten? Hier ist Golla unschlüssig. „Das ist eine schwierige Frage“, sagt er und fügt hinzu: „Bedingt könnte man es machen.“

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hunderttausend Muslime leben laut Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg. Die Zahl basiert jedoch auf dem Zensus 2011, es gibt keine genauen Daten, wie stark sie vor allem durch die Ankunft vieler Flüchtlinge zugenommen hat.

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