Saftige Birnen, knackige Äpfel oder süße Mirabellen werden in diesen Wochen reif. Manchmal fallen die Früchte der Streuobstwiesen und Straßenbäume ungenutzt auf den Boden und verfaulen – während viele im Supermarkt einkaufen, statt das Obst regional aufzulesen. Auch, weil sie nicht wissen, ob sie diesen „Mundraub“ begehen dürfen.

Das soll sich ab dem kommenden Jahr zumindest für die Ernte vieler städtischer Bäume in Hall ändern. Denn bis 2020 will die Stadt ihre Früchte offiziell privaten Pflückern zur Verfügung stellen. Die freigegebenen Bäume erhalten dann eine für jeden sichtbare Markierung. „Bibersfeld zeichnet heute schon zur Ernte aus“, weiß Pia Reiser, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Stadt, und ergänzt: „Unser Obst ist ungespritzt.“

Woran soll man die freien Obstbäume erkennen können?

„Momentan überlegen wir ins Detail, wie wir die freien städtischen Bäume kenntlich machen können“, so der zuständige Erste Bürgermeister Peter Klink. Denn allein an den vorhandenen Markierungen durch Katasternummern sehe man nicht, welche Bäume verpachtet seien. „Offene Gärten und frei stehende Bäume laden nicht zum Pflücken ein, das wäre Diebstahl“, betont er die rechtliche Grundlage. Eine gezielte Ausweisung auf der Haller Gemarkung beuge Verwechslungen vor. Besonders entlang von prominenten Fuß- und Radwegen wolle man künftig die freie Ernte ermöglichen. Dafür sei man auch mit einem Kommunikationsdienstleister im Gespräch, so Stadtplaner Christian Mathieu. „Zudem ist uns wichtig, dass die freigegebenen Bäume nicht an einer gefährlichen Strecke stehen“, betont er mit Blick auf Quittenbäume nahe des Flugplatzes. Der Stadtplaner ist mit seinem Team mit der Umsetzung betraut.

Einst habe die Stadt selbst Saisonarbeiter zur Ernte des Streuobstes verpflichtet, weiß Mathieu vom Hörensagen. „Aber es hat wohl nicht funktioniert und war finanziell nicht lohnend.“ Deswegen habe man es wieder aufgegeben. Heuer sei durch die teils große Hitze und Trockenheit der Ertrag sicher geschmälert, im vergangenen Jahr hingegen sei er reich gewesen. Durch Anregungen aus der Bürgerschaft sei die Idee des erlaubten Pflückens mit angestoßen worden. Ein wichtiger Nebenaspekt: Man müsse sich auch mit den Regeln und der Versicherung im Schadensfall beschäftigen.

Statistische Erhebungen zur jährlichen Ernte oder Ähnliches führe man nicht, so Reiser. Nur in Sulzdorf werden bislang jedes Jahr die Nießrechte auf die Erträge der Bäume der Gemarkung versteigert. Vier Interessenten waren bei der humorvollen Versteigerung durch Ortsvorsteher Walter Frank Ende Juli dabei. Eingenommen wurden durch den Ehrenbeamten rund 33 Euro, dafür dürfen die Nutznießer nun die Mirabellen, Äpfel, Birnen und Walnüsse guten Gewissens genießen und verarbeiten.

Im Internet sammelt die Seite „Mundraub“ Informationen über Bäume, die abgeerntet werden dürfen – wenngleich dafür keine Gewähr eingeräumt wird. Im Zweifel müsse man sich vor Ort informieren, heißt es da. Allerdings ist die Karte im Bereich Schwäbisch Hall bislang fast leer. Wilde Erdbeeren sind in den Ackeranlagen aufgeführt, Brombeeren im Rollhof, nur wenige Äpfel und Birnen. Das Angebot wird sich deutlich bessern, wenn 2020 der freigegebene Teil der 2500 erfassten städtischen Obstbäume dazukommt.

Pachten geht auch, wenn man pflücken will

Im Gemeinderat hat Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim bereits kürzlich betont, dass jeder, der Obst an städtischen Bäumen ernten wolle, das dürfe – außer in Sulzdorf und auf Pachtflächen. „Aktuell werden Einzelbäume oder Streuobstwiesen der Stadt hauptsächlich auf Anfrage zur Ernte freigegeben – oder wie in Sulzdorf die Erträge versteigert“, bestätigt Reiser. Wenn jemand eine Streuobstwiese pachten wolle, könne er Kontakt mit dem Fachbereich Wirtschaftsförderung und Liegenschaften aufnehmen.

„Wir werden mit dieser Aktion zukünftig jedem den freien Zugang zu unserem städtischen Obst ermöglichen. Wer dann einen markierten Baum sieht, kann direkt einige Früchte mitnehmen“, freut sich Pelgrim. Mengenbeschränkungen soll es für die privaten Pflücker im neuen System nicht geben. Eine gewerbliche Nutzung werde jedoch ausgeschlossen.

Das könnte dich auch interessieren:

HZ-Leser entdeckt einen Riesenschirmpilz Die vegetarische Schnitzelvariante wächst auf der Wiese

Hechingen

Einen Eigentümer gibt es immer


Mundraub als eine milder bestrafte Form des Diebstahls wurde 1975 aus dem Gesetzbuch gestrichen. Egal, ob man nun unrechtmäßig Äpfel, Schmuck oder ein Fahrrad genommen hat, wird man seither immer für Diebstahl gemäß § 242 StGB bestraft. Obstklau ist jedoch oft ein Bagatelldelikt – abhängig von dem Wert der Früchte.

Bäume oder Sträucher sind nie „frei“. Steht ein Baum am Straßenrand, gehört er in der Regel Gemeinde, Kreis, Land oder Bund. Grundsätzlich ist der Eigentümer beziehungsweise der Pächter des Grundstücks auch Eigentümer/Pächter der Bäume und Sträucher, die darauf wachsen. Das gilt auch für die daran hängenden Früchte, selbst wenn diese bis auf den Weg reichen. Sind Flächen umzäunt, dürfen diese nicht betreten werden. Wilde Beeren darf man nur für den persönlichen Gebrauch pflücken. may