Leise schwingt die doppelflügelige Holztür des modernen Wohnhauses auf dem Zwinger auf. Der Hausherr hat noch das Smartphone in der Hand – „bin vor einer Minute nach Hause gekommen“, sagt Hermann-Josef Pelgrim entschuldigend. Eigentlich wäre Feierabend, aber nach einem Tag mit vielen Gesprächen auf der Messe in Nürnberg müssen noch Mails gecheckt werden. Und dann ist da der Termin mit der Zeitung wegen des anstehenden 60. Geburtstags, an den der Oberbürgermeister aber noch gar nicht so recht denken mag. „Ist ja noch ein paar Tage hin“, winkt er ab.

Der runde Geburtstag bietet Gelegenheit, einmal den Mann hinter dem Amt zu beschreiben und zurückzublicken. Aber im Grunde schaut Pelgrim lieber nach vorne – „das entspricht eher meinem Charakter“. Apropos Amt: Den Oberbürgermeister hat er in seinem Haller Alltag immer dabei. Einfach mal gemütlich in der Stadt ein Eis essen, sei nicht so leicht, lässt Pelgrims Partnerin Sybille Munz lächelnd durchblicken. Da komme es schon vor, dass ein Passant „eigentlich gar nicht stören möchte, aber nur ganz kurz auf dieses oder jenes hinweisen will“. Freilich, in dem Moment sei das vielleicht nicht gerade erfreulich, aber dass man sich in der Stadt kennt und miteinander spricht, das schätzt Pelgrim sehr. Es sei nicht leicht, zwischen Amt und Person zu trennen. Zur Belastung werde es, wenn Mitglieder der Familie darunter leiden müssen, betont er.

Pelgrim schaltet in den Bergen ab

Der Feierabend beginnt meist spät. Als Rathauschef ist der 60-Jährige schon allein durchs Amt Vorsitzender von Vereinen, Gremien und Ausschüssen, die häufig am Abend tagen. Das will alles vor- und nachbereitet sein. Dazu kommen Veranstaltungen, bei denen sich der OB blicken lassen muss und will. Angesichts der recht langen Arbeitstage habe er sich erlaubt, normalerweise im Büro im Rathaus „morgens erst um 8.30 Uhr“ anzufangen. Das Aufgabenspektrum ist breit gefächert, und die Arbeitsstunden zählt er sowieso besser nicht.

Wie sieht es mit Urlaub aus? Ein paar Tage Skifahren im Februar, vier Tage in Venetien, eine Woche Neustrelitz – Pelgrim nimmt eher kurze Auszeiten. „Gut abschalten kann ich in den Bergen“, erzählt er. Dort muss man sich komplett auf den Aufstieg, das Wandern und den Berg konzentrieren – ideal, um den Kopf freizubekommen. In Hall funktioniere das auch beim Fußballspielen, wenn sich „eine bunte Truppe“ von Ü-45-Senioren auf der Auwiese trifft: „Der Fußball ist der einzige Ort in der Stadt, wo man nicht OB ist“, sagt Pelgrim lächelnd.

Aber natürlich ist der 60-Jährige ausgesprochen gerne Oberbürgermeister in Hall. 1997 wurde er gewählt und steht derzeit in seiner dritten Amtszeit. Woher sein Interesse rührt, sich für das Mitgestalten von Gesellschaft einzusetzen? Es muss in der Kindheit und Jugend liegen, ohne dass er es von klein auf eingeimpft bekommen hätte. Hermann-Josef Pelgrim wurde 1959 in Bocholt an der deutsch-niederländischen Grenze geboren. Eine Stadt, die durch den Zweiten Weltkrieg zu fast 90 Prozent zerstört wurde. Das prägte die Menschen in der Arbeiterstadt. Seine Eltern seien „normale Leute gewesen, die sich ein Überleben gesichert haben“, erzählt Pelgrim. Sein Vater lebt nicht mehr, seine Mutter Antonia feiert kommenden Montag ihren 82. Geburtstag.

Ob in der Schule als Klassensprecher oder in der Fußballmannschaft, wenn es darum ging, sich Trainern gegenüber zu äußern, Pelgrim hat sich nicht gescheut, den Mund aufzumachen und zu vermitteln. Im Alter zwischen 18 und 25 habe er eine prägende Phase in der „Auseinandersetzung mit dem Zusammenleben der Menschen“ erlebt. Auch als Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses (AstA) an der Uni in Paderborn in den 80ern ging es für ihn um Meinungsbildung und ums Zusammenführen von Standpunkten. Organisieren, analysieren, abwägen, Entscheidungen treffen, Strukturen entwickeln – diese Managementaufgaben sind sein Ding. Sich mit gesellschaftspolitischen Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen und dabei das Gemeinwohl im Blick zu haben – das liege ihm.

Der frühere Landesinnenminister Reinhold Gall hat seinen SPD-Parteigenossen Pelgrim bei dessen Verpflichtung für die dritte OB-Amtszeit als bodenständig, ruhig, strebsam und stur beziehungsweise beharrlich charakterisiert. Letzteres sei auch nicht ganz verkehrt, wenn man eine selbstbewusste Stadt wie Hall voranbringen wolle. Dass dies nicht konfliktfrei geschieht, sei klar, erklärt Pelgrim und lobt zudem die in der Stadt spürbare Weltläufigkeit: „Die Buntheit hat hier Tradition.“

Was er sich zum 60. Geburtstag wünscht? Da fällt dem Rathauschef spontan gar nichts Spezielles ein. Er freue sich auf das nächste Lebensjahrzehnt und hofft, „dass ich noch ein paar Dinge erledigen kann“. Ob dazu auch eine erneute OB-Kandidatur, die 2021 anstünde, zählt? Das lässt er zum jetzigen Zeitpunkt noch offen. Auf jeden Fall denkt er dabei an den einen oder anderen persönlichen Wunschtraum: sich genauer mit Afrika zu beschäftigen, „und irgendwann einmal möchte ich auf der Panamericana reisen.“

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Hermann-Josef Pelgrim wird am 15. Oktober 1959 in Bocholt in Nordrhein-Westfalen geboren. Dort wächst er auf und absolviert eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Nach der Fachoberschule für Wirtschaft studiert er Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paderborn sowie Volkswirtschaft an der University of Illinois in den USA. Von 1987 bis 1989 arbeitet er für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Santiago de Chile und ist anschließend Repräsentant der Stiftung in Managua, Nicaragua.

1991 kehrt er nach Europa zurück und arbeitet im Hauptvorstand der ÖTV in Stuttgart. Von 1993 bis 1997 ist er Referatsleiter beim Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg in Brüssel.

Zum Oberbürgermeister in Hall wird er am 24. April 1997 im zweiten Wahlgang gewählt. 2005 und 2013 wird er wiedergewählt. Seit 1980 ist Pelgrim Mitglied der SPD. Seit 2001 ist er im Landesvorstand der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK) und seit 2005 deren Landesvorsitzender. Zudem gehört Pelgrim seit 15 Jahren der SPD-Fraktion des Kreistags an.

Pelgrim wohnt in Hall und hat aus erster Ehe zwei Töchter im Alter von 28 und 30 Jahren. Er spielt gerne Fußball und Golf, fährt Fahrrad und läuft. blo