Ein Maskenbildner wird beauftragt, das baden-württembergische Innenministerium verschickt "Bettelbriefe" an den Untersuchungsausschuss. Gerne hätte das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) verhindert, dass ihr pensionierter Beamter mit dem Tarnnamen "Rainer Öttinger" in Berlin aussagen muss. Zumindest solle doch die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden, oder sich der Zeuge mit Hut und Maske unkenntlich machen dürfen. Ihm drohe bei Enttarnung Lebensgefahr.

"Öttinger" verschanzt sich hinter Sichtschutz

Nach einer halbstündigen Beratung schmettert am Montag der Untersuchungsausschuss diesen Antrag ab - zumindest was den Zutritt der Öffentlichkeit angeht. Dafür werden im Saal keine Kameras zugelassen. Der 60-Jährige verschanzt sich hinter spanischen Wänden. Der Mann, um den es sich dreht, schwäbelt leicht, ist seit Januar pensioniert und leitete davor eine Außenstelle des Geheimdienstes. Im Fokus war die Nazi-Szene um Hall.

Und genau von hier bezog "Öttinger" jahrelang Infos von Quelle "Krokus". Ihr Partner Alexander Gronbach, ebenfalls aus dem Landkreis, stelle heute eine Gefahr für das Leben von "Rainer Öttinger" dar, schreibt das Innenministerium. Der Zeuge wird deshalb versteckt in den Saal gebracht, etliche Zivilbeamte sichern. Der Verfassungsschutz erregt so aber zusätzlich Aufmerksamkeit.

Hartfrid Wolff (Rems-Murr-Kreis, FDP) bezeichnet die Aktion als "absurdes Theater". Wolfgang Wieland (Bündnis 90/Die Grünen): "Niemand von uns im Haus hat Angst vor Herrn Gronbach. Sie sollten auch so mutig sein wie wir."

Doch was hat es nun mit "Krokus" auf sich? Sie und ihr Partner Alexander Gronbach streuen seit Mitte 2012 Hinweise. Tenor: Sie habe 2007 "Öttinger" darüber informiert, dass Rechtsextreme am Polizistenmord in Heilbronn beteiligt waren. Damals schlossen die Behörden das noch aus. "Krokus" meint, NPD-Funktionäre aus dem Kreis Hall und Privatpersonen seien beteiligt gewesen. Beate Zschäpe, die letzte Überlebende des mutmaßlichen Terror-Trios, habe Kontakte zu ihnen gehabt, sei 2006 in Ilshofen gewesen.

Wenn das stimmt, dann hätte die Generalbundesanwaltschaft ein Problem. Denn in ihrer Anklage besteht der NSU nur aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt - ein Trio. Waren doch noch andere beteiligt? Haller?

Nichts dergleichen stimme, meint "Öttinger", der seine Antworten wie einstudiert vorträgt, zum Teil auch abliest. "Das Bekanntwerden der NSU-Straftaten hat mich sehr getroffen." Er spricht von verletztem Berufsstolz, weil der Sicherheitsapparat des Staates in "verheerendem Maße versagt" habe und er Teil des ganzen war - "wenn auch nur ein kleines Rädchen".

"Krokus" bezeichnet er zu Beginn ihrer Tätigkeit im Jahr 2007 als sehr zuverlässig. Sie habe Magazine aus der rechten Szene gesammelt sowie Termine und Veranstaltungsorte zu Skinhead-Konzerten geliefert. Die Frau sei jedoch "eine Person mit unterdurchschnittlichem Zugang zur Szene" gewesen, so "Öttinger", "nicht besonders wichtig".

Als "Krokus", mit bürgerlichem Namen Petra Senghaas, 2011 mit Alexander Gronbach nach Dubai reiste, habe der Mann die Frau "dermaßen umgedreht", dass sie für den Geheimdienst nicht mehr geeignet war. Das LfV habe sich von ihr getrennt.

Informantin selbst wird nicht in Berlin befragt

Der Untersuchungsausschuss befragt den 60-Jährigen zwei Stunden zu "Krokus", zum Haller Ku-Klux-Klan und zu Neonazi-Größen aus dem Kreis. Letztlich bringt der Tag "keine neuen Erkenntnisse", erkennt Sebastian Edathy (SPD), Vorsitzender des Untersuchungsausschusses. Damit sei der Fall "Krokus" dennoch "ausermittelt." Clemens Binninger (CDU) wertet den Auftritt des Zeugen als "sehr glaubwürdig." Für Eva Högl (SPD) ist bewiesen, dass "Krokus" zum Reich der "Spinner" gehört.

Herbe Kritik richten die Ausschussmitglieder gegen Baden-Württemberg. "Öttinger" sei nie von den Behörden nach Bekanntwerden der Affäre befragt worden. "Wir haben heute die Arbeit der Polizei gemacht", so Binninger. Das Land schotte sich lieber ab, statt zur Aufklärung beizutragen.

Die Aussage von "Öttinger" bleibt dennoch einseitig. "Krokus" selbst wird vor dem Ausschuss nicht befragt, teilt Edathy mit.

Untersuchungsausschuss