Für manche im NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin fühlt es sich an wie eine Machtprobe. Wenn es um Auskünfte geht, dann will, so heißt es von den Mitgliedern, dass Land Baden-Württemberg kaum etwas herausrücken. Bereits im April hat der Ausschuss Akten zu einer Informantin mit dem blumigen Decknamen "Krokus" angefordert, eine Frau aus dem Kreis Hall. Die Akten kamen aber erst eine Woche nach Ende der Beweisaufnahme Mitte Mai in Berlin an. Aus den Reihen des Untersuchungsausschusses klang die Kritik durch, die Stuttgarter Behörden hätten den ihnen bekannten Termin bewusst verstreichen lassen.

Der NSU-Untersuchungsausschuss hat darauf einen Sondertermin für Montag anberaumt, um den ehemaligen Verfassungsschutzbeamten "Rainer Öttinger" zu befragen - er hat die V-Frau geführt, bis sie 2011 als Informantin "abgeschaltet wurde".

Diese Befragung in Berlin passt den Verfassungsschützern in Stuttgart offenbar auch nicht. Über die Landesregierung haben sie am Donnerstag dem Untersuchungsausschuss in Berlin Bedenken geäußert: Eine Enttarnung sei für "Rainer Öttinger", der sich hinter einem Decknamen versteckt, lebensgefährlich. Der pensionierte Beamte habe sich in seinen vielen Dienstjahren als Verfassungsschützer etliche Feinde gemacht. Gefahr gehe zudem vom Partner von "Krokus" aus: Alexander G., ebenfalls aus dem Kreis Hall. Er war einst Spitzel des Landeskriminalamts in Stuttgart und ist mit "Krokus" in Irland abgetaucht. Gegen G. gibt es allerdings einen Haftbefehl. Er selbst kann gar nicht in Deutschland einreisen - zumindest nicht offiziell.

Schlüsselfiguren der rechten Szene sitzen in Haller Region

Der Untersuchungsausschuss spricht nun von unnötigen Hürden, sogar von einem unkooperativen Bundesland. Es seien bereits kritischere Verfassungsschützer öffentlich befragt worden. Nur Baden-Württemberg sträube sich so - obwohl Schlüsselfiguren der rechten Szene in der Region um Hall säßen. Trotz allem werde im Untersuchungsausschuss darüber nachgedacht, ob die Befragung am Montag nichtöffentlich stattfinden soll.

"Öttingers" Aussage ist deshalb wichtig, weil sich der Ausschuss Erkenntnisse über seine V-Frau "Krokus" erhofft. Sie hat nach eigenen Angaben bereits 2007, also unmittelbar nach dem Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter, ihrem V-Frau-Führer gemeldet, dass Rechtsextreme an der Tat beteiligt waren. Zudem beschuldigt sie Neonazis aus dem Kreis Hall. Zumindest bei zwei der genannten Personen gibt es Ähnlichkeiten zu Phantombildern. Die Beschuldigten selbst haben rechtliche Schritte gegen "Krokus" und Alexander G. eingeleitet - wegen Verleumdung.

Die Behörden im Land erklären bei Medien-Anfragen, "Krokus" sei nicht glaubwürdig. Allerdings, so bestätigen auch Ermittler, haben sich einige Hinweise als Insiderwissen und wahr herausgestellt.