NSU NSU-Untersuchungsausschuss: "Krokus" und die Phantombilder

Ein Teil der Akten für den NSU-Untersuchungsausschuss. Neun weitere kommen zur umfangreichen Sammlung dazu: jene über die Informantin "Krokus" alias Petra S. aus dem Haller Landkreis.
Ein Teil der Akten für den NSU-Untersuchungsausschuss. Neun weitere kommen zur umfangreichen Sammlung dazu: jene über die Informantin "Krokus" alias Petra S. aus dem Haller Landkreis. © Foto: dpa/Martin Schutt
Schwäbisch Hall / THUMILAN SELVAKUMARAN 11.06.2013
Der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag hätte seine Arbeit eigentlich Mitte Mai beenden sollen. Ein Punkt beschäftigt die Abgeordneten aber noch. Die Spur führt wieder nach Schwäbisch Hall.

Bei den Ermittlungen zum Heilbronner Polizistenmord flog auf, dass zwei Kollegen der Getöteten beim deutschen Ableger des rassistischen Geheimbunds Ku-Klux-Klan aktiv waren. Dieser hatte von 2000 bis 2003 seinen Sitz in Hall. Mindestens ein Mitglied des KKK hatte Verbindungen zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Für den NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag ist die Region zwischen Stuttgart und Hall ohnehin ein "weißer Fleck". Bestätigt ist, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt häufig Ludwigsburg besuchten. Auch den Kreis Hall?

Am 25. April forderte der Untersuchungsausschuss Akten zu einer Informantin des baden-württembergischen Verfassungsschutzes (LfV) namens "Krokus" an. Die Frau mit dem bürgerlichen Namen Petra S. stammt aus dem Landkreis Hall.

Baden-Württemberg hat die Ordner aber erst Ende Mai geliefert, obwohl der letzte Ausschusstermin für den 16. Mai angesetzt war. Die Mitglieder wollen diesen Punkt dennoch prüfen, bevor sie ihren Abschlussbericht verfassen. "Die Akte Krokus ist aktuell der einzige noch offene Punkt, den wir bearbeiten", berichtet Clemens Binninger, CDU-Obmann.

Waren Neonazis aus dem Kreis Hall in Mord verwickelt?

Doch was macht diese V-Frau wichtig? Seit Monaten füttern sie und ihr Partner Alexander G., ebenfalls aus dem Kreis Hall, von Irland aus Behörden und Medien mit Informationen, die aufhorchen lassen. Da ist die Rede von einer rechtsradikalen Krankenschwester, die einige Tage nach dem Mord in Heilbronn den Gesundheitszustand von Martin A. in der Ludwigsburger Klinik abgefragt habe. Er ist der Kollege Kiesewetters, der den Kopfschuss überlebt hat. "Krokus" habe damals unmittelbar ihren Quellenführer "Rainer Ö." beim Landesamt für Verfassungsschutz darüber informiert, dass Neonazis am Mord beteiligt gewesen seien. Die Behörden schlossen das damals aus. "Raushalten, dies ist Sache der Polizei", sei ihr damals mitgeteilt worden.

Heute bringt "Krokus" Neonazis aus dem Landkreis Hall mit der Tat in Verbindung. Die Namen liegen der Redaktion vor. Es sind NPD-Funktionäre aber auch Privatpersonen aus Kreisgemeinden wie Wolpertshausen und Ilshofen. Mit dem Haller Tagblatt wollen die Beschuldigten nicht sprechen.

In Ilshofen habe sich Beate Zschäpe im Sommer 2006 aufgehalten. Dazu gäbe es bislang keine Anhaltspunkte, meint Günter Loos, Sprecher des Innenministeriums. Man werde die Angaben prüfen, "wie jeden anderen Hinweis auch". Binninger: "Einiges in den Hinweisen deckt sich mit der Aktenlage, vieles könnte aber auch nachträglich aus dem Internet zusammengesucht oder frei erfunden sein." Prüfen müsse der Ausschuss dennoch. Doch welche Funktion hatte "Krokus"? Aus internen Kreisen heißt es, sie habe für den LfV lediglich Flyer und Magazine aus dem rechten Spektrum beschafft. Für komplexe Tätigkeiten sei sie nicht eingesetzt worden. Offiziell bestätigen will das keiner.

Der Untersuchungsausschuss will diese Woche nach Prüfung der "Krokus"-Akten entscheiden, ob nun doch noch eine Zeugenbefragung angesetzt wird. Das könnte die Ermittlungsgruppe "Umfeld" des Landeskriminalamts treffen - aber auch den LfV-Beamten "Rainer Ö.", der "Krokus" bis zu deren Abschaltung 2010 betreut hat.

"Ö.", der ebenfalls aus der Haller Region stammt, spielt eine weitere Rolle: Günther Stengel, ehemaliger Verfassungsschutzmitarbeiter, sagte vor dem Untersuchungsausschuss, er habe dem Beamten 2003 nach Hinweisen des Informanten "Stauffenberg" über ein mögliches fünfköpfiges Netzwerk namens NSU berichtet. Wussten die Behörden also schon von der Terror-Zelle, ehe 2011 die Mordserie aufflog? Das wird heute von allen bestritten - bis auf Stengel. Nun hat der Ausschuss in Berlin auch die Akten zu "Stauffenberg" alias Torsten O. angefordert.

Und "Krokus"? Einige Ermittler stempeln sie als "Spinnerin" ab. Manche ihrer Angaben lassen sich offenkundig widerlegen. Aber nicht alle: So schreibt sie, dass die Phantombilder, die nach Zeugenaussagen in Heilbronn erstellt wurden, nicht zum Terror-Trio passen.

Die Redaktion konnte in die geheimen Ermittlungsakten zum Polizistenmord blicken: Die Zeugen berichten von bis zu sechs Tätern - und tatsächlich passt keines der Phantombilder zu Böhnhardt, Mundlos oder Zschäpe. Kurios: Es sind Aussagen und Phantombilder abgedruckt, die vom Polizisten Martin A. stammen - obwohl von den Behörden kommuniziert wird, er könne sich nicht an die Tat erinnern. Im geheimen Bericht der Sonderkommission "Parkplatz" ist vermerkt, A. habe "klare und konkrete Erinnerungen".

Günter Loos vom Innenministerium bestätigt die Existenz der Phantombilder nicht. Clemens Binninger will die Akten nie gesehen haben - obwohl sie dem Untersuchungsausschuss vorliegen. Die Abgeordneten hätten sich nie mit A. befasst, so Binninger. Das sei Aufgabe der Sonderkommission. Vertrauen in die Behörden schafft das nicht.

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