Sie sei die geborene Quelle: zuverlässig, verschwiegen und überaus einsatzwillig. So wertete vor vielen Jahren das Landesamt für Verfassungsschutz seine Informantin "Krokus". Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Petra K..

Bereits der NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin befasste sich 2013 mit der abgeschalteten V-Frau. Denn sie will 2007 den Haller Verfassungsschützer Rainer O. informiert haben, dass sich Rechtsextreme in einem Friseursalon in Wolpertshausen über den Gesundheitszustand von Martin A. ausgetauscht hätten. Der Polizist Martin A. hat den Anschlag am 25. April 2007 - vor genau acht Jahren - auf der Heilbronner Theresienwiese schwerverletzt überlebt. Seine Kollegin Michèle Kiesewetter starb.

Die Rechtsextremen hätten wissen wollen, ob sich A. an die Tat erinnert, so "Krokus". Der LFV-Beamte Rainer O. habe sie darauf angewiesen, sich rauszuhalten. Falls diese Version stimmt, dann hätten Behörden früh gewusst, dass Neonazis hinter dem Anschlag stecken könnten. Offiziell bekannt wurde die mögliche Verbindung aber erst nach Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) 2011.

Die Vorwürfe von "Krokus" gehen weiter: Lokale Rechtsextreme seien am Mord beteiligt gewesen - NPD-Funktionäre, darunter der Friseurmeisterin, die laut LKA-Protokollen an jenem Tag tatsächlich in Heilbronn war. Die Bundesanwaltschaft ist aber überzeugt, dass nur Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom NSU als Täter in Frage kommen. Für weitere Beteiligte sprechen die Tatortanalyse der Polizei und Aussagen von Zeugen, die mehrere flüchtende Personen beobachtet haben.

Der Berliner Ausschuss befragte 2013 den pensionierten LFV-Beamten aus Hall. Dieser widersprach der "Krokus"-Version. Die Friseurmeisterin und die Krankenschwester hätten sich nur zufällig über den Polizisten unterhalten. Zudem sei die V-Frau nicht glaubwürdig.

Das Amt habe sich von ihr getrennt, nachdem sie mit einem Alexander G. zusammengekommen war. Dieser habe die Frau "dermaßen umgedreht", dass sie für den Nachrichtendienst nicht mehr geeignet gewesen sei. Clemens Binninger (CDU) wertet den Auftritt des Zeugen Rainer O. im Bundestags-Untersuchungsausschuss einst als "sehr glaubwürdig". Eva Högl (SPD) verwies "Krokus" ins "Reich der Spinner". Am Montag will sich der Ausschuss im Landtag mit Hinweisen der Frau befassen, die nach eigenen Angaben in Irland untergetaucht ist. Allerdings haben die Parlamentarier Zweifel an der Glaubwürdigkeit von "Krokus" und ihrem Partner Alexander G., die sich nahezu täglich mit neuen Thesen an Ausschuss und Journalisten wenden.

Dazu gehört ein von ihnen geführtes Interview mit einer ehemaligen Freundin des verstorbenen NSU-Hinweisgebers Florian H. in Irland "Etwa 50 Prozent des Interviews sind erfunden", berichtet der Haller Abgeordnete Nikolaos Sakellariou (SPD) nach der Befragung der jungen Frau mit dem Tarnnamen "Bandini". G. habe ihr gesagt: "Man muss auch mal lügen, um an die Wahrheit zu kommen." Matthias Pröfrock (CDU) warnt daher: "Man muss aufpassen, dass man nicht einer Inszenierung unterliegt." "Bandini" sei vom Paar wohl regelrecht "eingeschüchtert und festgehalten" worden.

"Krokus" ist für die öffentliche Befragung am Montag im Landtag nicht geladen. Dafür aber Rainer O., die Friseurmeisterin und Gerhard Q., ein pensionierter Staatsschützer. Dieser hatte die rechtsextreme Szene um Hall beobachtet. Linke Kreise werfen dem Kriminalhauptkommissar selbst eine Zugehörigkeit zu der rechten Szene vor - unter anderem, weil er eindeutige Symboliken nutze, etwa die 88 im Autokennzeichen. Das steht in entsprechenden Kreisen für "Heil Hitler" (zweimal achter Buchstabe im Alphabet). Auf Nachfrage erklärt Q., er kenne die Symbolik. "Ich hatte früher aber immer die 888. Das Kennzeichen war nicht mehr frei."

Q. war unter anderem an den Ermittlungen in einem Fichtenberger Fall involviert, wo 2005 rechte Partys in einem leerstehenden Haus gefeiert wurden. Es gab über Wochen Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Aufmärsche im Ort. Waffen sollen im Spiel gewesen sein. Die Ermittler hatten sich damals für eine Razzia entschieden. Nach Informationen unserer Zeitung soll Q. den Neonazi, der das leerstehende Haus zur Verfügung gestellt und mitgefeiert hatte, vor dem Zugriff Zuhause besucht haben. Was war der Grund? "Ich bin nicht berechtigt, Auskünfte in irgendeiner Form zu erteilen. Ich bin pensioniert", teilt Q. nun mit. Die Polizei stellte bei jener Hausdurchsuchung keine Waffen sicher - dafür aber einen Stahlhelm sowie Fahnen mit SS-Runen und Hakenkreuz.