NSU NSU-Ausschuss befasst sich mit Feuertod des Arthur C. - Erste Bilanz zum Fall Florian H.

Stuttgart / THUMILAN SELVAKUMARAN 21.04.2015
Zwei junge Menschen, die in NSU-Ermittlungen eine Rolle spielen, verbrennen in Autos. Bei Florian H. sind sich die Parlamentarier nahezu sicher, dass es Suizid war. Bei Arthur C. aber bleiben große Zweifel.

Ein Hinweisgeber im NSU-Komplex verbrennt auf mysteriöse Weise im Auto. Der NSU-Untersuchungsausschuss befasst sich seit Wochen mit dem Fall Florian H.. Es gibt aber einen weiteren Todesfall: Arthur C. aus Weinsberg. Sein Tod weist Parallelen zum Fall H. auf - und ist ebenfalls Teil der NSU-Ermittlungen.

Kriminalhauptkommissar: Keine Anhaltspunkte für Suizid oder Tötung

Der 18-Jährige starb am 25. Januar 2009 gegen 2 Uhr morgens in einem Waldstück bei Heilbronn. Die Rekonstruktion ergab, dass ein Benzin-Diesel-Gemisch im Lexus gezündet wurde. Kurz darauf muss C. brennend aus dem Auto geflüchtet sein. Als die Rettungskräfte eintrafen, bewegte er sich noch. Todesursache: Schock durch vollständige Verbrennung der Hautoberfläche. Ein Fall, der den Kriminalhauptkommissar Benjamin G. noch heute beschäftigt. Es gäbe keine Anhaltspunkte für einen Suizid oder gar eine Tötung. "Das ist ein unbefriedigendes Ergebnis." Allerdings, darüber hat G. nach eigenen Angaben keine Erkenntnise, taucht Arthur C. gleich mehrfach in Akten zum Heilbronner Polizistenmord (2007) auf.

Eine Vertrauensperson der Polizei hatte den Ermittlern aus dem Gefängnis von einem mutmaßlichen gescheiterten Drogendeal berichtet. Ein Kurier sollte demnach ein Fahrzeug, in das mehrere Kilo Heroin verbaut waren, von Kirgistan nach Deutschland fahren. Eine Panne habe den Mann an jenem 25. April gezwungen, das Auto auf der Theresienwiese abzustellen. Ein Taxi habe ihn darauf zum Treffpunkt gebracht. Als er mit den nervösen Dealern zurückkam, sei eine Streife auf den Platz gefahren. Die Männer hätten kurz darauf auf die Polizisten geschossen und seien in mehrere Richtungen geflüchtet.

Diese Aussage korrespondiert zwar mit Hinweisen mehrerer Zeugen in Tatortnähe, aber nicht mit der These der Bundesanwaltschaft. Demnach kommen nur Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund als Täter in Frage.

Der Hinweisgeber aus dem Knast hatte auch den Namen Arthur C. genannt. Dieser sei zufällig am Tatort gewesen und habe deshalb sterben müssen. Die Soko "Parkplatz" vermerkte in einem Protokoll, dass es "eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem abgebildeten C." und dem Phantombild der Zeugin Loretta E. gebe. Diese hatte einen jungen Mann vor dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter gesehen. Die Polizei wertete die Hinweise der Vertrauensperson als vielversprechend, stellte die Ermittlungen am 4. November 2011 aber ein. Ab diesem Punkt kamen für sie nur die beiden Uwes als Täter in Frage.

Der Ausschuss will sich demnächst intensiver mit dem Komplex beschäftigen. Der Fall C. hat am Montag nur einen Vorgeschmack gegeben. Klar wurde dabei, dass die Ermittler in seinem Todesermittlungsverfahren viele Hebel in Bewegung gesetzt haben. Eine zwölfköpfige Ermittlungsgruppe wertete in acht Wochen 260 Spuren. So wurde der letzte Tag des Weinsbergers fast minütiös rekonstruiert, mehrere hundert Personen befragt, 53 Fahrzeuge geprüft, alle Tankstellen in der Nähe abgeklappert, tausende Funkdaten ausgewertet. Das Brandfahrzeug wurde über mehrere Wochen durch Gutachter untersucht.

Wurde Florian H. in den Tod getrieben?

"Ich bin beeindruckt", kommentiert Nikolaos Sakellariou (SPD). Matthias Pröfrock (CDU) ergänzt: "Das verlief so, wie wir es uns im Fall Florian H. gewünscht hätten." H. verbrannte 2013 durch ein Benzingemisch am Rande des Cannstatter Wasens im Auto. Der Neonaziaussteiger hatte laut Aussagen mehrerer Personen noch im Sommer 2011 behauptet, er wisse, wer hinter dem Polizistenmord stecke. Zudem gebe es eine "Neoschutzstaffel", die neben dem NSU die zweite radikale Organisation in Deutschland sein soll. H. sollte noch an jenem Montag erneut vom LKA zu seinen alten Hinweisen befragt werden. Trotz der Brisanz ließ der Staatsanwalt die Ermittlungen wenige Stunden nach dem Tod des 21-Jährigen einstellen, das Auto kurz darauf freigeben. Fremdverschulden sei auszuschließen. Etliche Pannen wurden durch die Arbeit des Ausschusses publik. Gegen drei Ermittler laufen nun Disziplinarverfahren.

Für Ulrich Goll (FDP), so seine Bilanz, sprechen die Hinweise "klar mehr für Suizid". Beantworten könne er aber nicht, ob der Eppinger aus der rechten Szene unter Druck gesetzt worden war. "Hier sind wir als Untersuchungsausschuss an unsere Grenzen gestoßen." Auch Jürgen Filius (Grüne) wirft die Frage auf: Wurde H. in den Tod getrieben? "Das ist von uns nicht aufgeklärt worden."

Da konnten auch die Zeugen Andre H. und Matze K. am Montag nichts beitragen. Beide bewegten sich mit Florian H. in rechtsextremen Kreisen. K., der Mitglied in der NSS war und H. für diese mutmaßliche Kameradschaft angeworben hatte, sprach von "jugendlichem Leichtsinn" und "Dummheit". Außer den beiden selbst habe Matthias K. keine Mitglieder der "NSS" gekannt, die aber bundesweit vernetzt gewesen sein soll. Matthias Pröfrock (CDU) sieht das anders: "Die medial aufgeblasene Geheimoperation entpuppt sich als postpubertäres Geschwätz zweier sufender Jugendlicher. Von Gefährlichkeit ist keine Spur." Vorsitzender Drexler spricht von möglichen "Hirngespinsten". Es gebe keinerlei Belege für die Existenz einer radikalen Kameradschaft namens "NSS".
 
Der Zeuge Matze K. verstrickte sich zudem in eindeutige Widersprüche - etwa bei der Frage, ob er sich mit seinem Kumpel im Jahr 2011 über den Polizistenmord unterhalten habe. Das hatte er vor drei Wochen dem LKA bestätigt - verneinte aber gestern vor dem Ausschuss. Drexler schimpft: "Das klingt nicht nur blöd, das klingt nach einer Falschaussage." K. vertritt aber die Position, die jungen Leute seien nur Mitläufer gewesen. Für Thomas Blenke (CDU) unglaubwürdig: "Wenn alle nur laufen, muss irgendeiner ja gesagt haben, in welche Richtung."

NSU-Ausschuss: Weiter Zeugin gestorben

Hinweise einer ehemaligen V-Frau

Polizistenmord Der NSU-Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag befasst sich am Montag, 27. April, mit Hinweisen einer ehemaligen V-Frau namens Petra K. alias "Krokus". Sie hatte dem Amt 2007 von einer mutmaßlichen Ausspähaktion von Rechtsextremen berichtet, wo es um den Gesundheitszustand von Martin A. gehen sollte. Der Polizist hatte den Anschlag auf der Theresienwiese am 25. April 2007 schwerverletzt überlebt. Seine Kollegin Michèle Kiesewetter starb.

Zeugen Geladen sind für die öffentliche Sitzung unter anderem eine Friseurin aus Wolpertshausen (Kreis Schwäbisch Hall), die laut "Krokus" beteiligt gewesen sein soll. Außerdem sind der mittlerweile pensionierte V-Mann-Führer Rainer O. vom Verfassungsschutz und der ehemalige Staatsschützer Gerhard Q. geladen. Beginn: 9.30 Uhr.

 

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