Schwäbisch Hall NS-Zeit: 182 Bewohner des Gottlob-Weißer-Hauses fallen Euthanasie zum Opfer

Die Nationalsozialisten ermordeten mindestens 200.000 behinderte Menschen. Gesprochen wurde zynisch von "Rassenhygiene" oder "Euthanasie", was so viel wie schöner oder leichter Tod bedeutet.
Die Nationalsozialisten ermordeten mindestens 200.000 behinderte Menschen. Gesprochen wurde zynisch von "Rassenhygiene" oder "Euthanasie", was so viel wie schöner oder leichter Tod bedeutet. © Foto:  Archiv
Schwäbisch Hall / SYBILLE MUNZ 30.07.2015
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Lehre von der "Ungleichheit der Rassen" weltweit Eingang gefunden. Auch 182 Bewohner des Gottlob-Weißer-Hauses fielen 1940/41 der Euthanasie zum Opfer.

Am 14. Juli 1933 wurde das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat. Im Gegensatz zu einem früheren Gesetzentwurf von 1932, welcher Sterilisation auf freiwilliger Basis vorsah, war das unter den Nationalsozialisten beschlossene Gesetz verschärft und erlaubte die Zwangssterilisation. Zur Durchführung wurden vom Justiz- und Innenministerium in Württemberg Erbgesundheitsgerichte gebildet.

"Angeborener Schwachsinn" galt als Erbkrankheit

Das Haller Gesundheitsamt war zunächst in der Langen Straße 54 untergebracht, später dann im Krankenhochhaus des Diaks. Geleitet wurde es von Medizinalrat Dr. Walter Gmelin. Als Erbkrankheiten im Sinne des Gesetzes galten angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, erbliche Fallsucht, Veitstanz, Blindheit, Taubheit oder schwere erbliche Missbildungen. Ferner konnte unfruchtbar gemacht werden, wer an "schwerem Alkoholismus" litt.

In Hall stellte in der Regel der Psychiater und Neurologe Dr. Erik von Rutkowski den Antrag auf Unfruchtbarmachung, während die Patienten vorher schon vom Amtsarzt Gmelin begutachtet und ,ausgesiebt' worden waren. Das Gesundheitsamt führte in ihrer Funktion als Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege erbbiologische Karteien, in denen alle Erbkranken und Minderwertigen erfasst werden sollten. "Das Augenmerk richtete sich nicht nur auf die einzelne Person, sondern auf die Sippe", erklärt Dr. Andreas Maisch. Den Vortrag über Euthanasie in der NS-Zeit in Hall, den er zusammen mit Dr. Heike Krause hält, besuchen etwa 30 Personen. Auch Menschen, die als Individuum alle nationalsozialistischen Kriterien erfüllten, aber aus einer Familie stammten, in denen Fälle von Behinderung oder Alkoholismus auftraten, fanden sich also in dieser Kartei wieder.

Haller und Gaildorfer Ärzte liefern Patienten aus

Zwischen 1935 und 1941 zeigten Haller und Gaildorfer Ärzte und Anstalten 1942 Patienten an, weil sie glaubten, die betreffenden Personen fielen unter das Zwangssterilisationsgesetz - durchgeführt wurden am Ende 199 Sterilisationen. Maisch nennt weitere Zahlen: "Für den Bereich des Haller Gesundheitsamtes, der zeitweise auch das Oberamt Gaildorf umfasste, bedeutet dies bei rund 47.000 Einwohnern, dass vier Prozent angezeigt und 0,4 Prozent sterilisiert wurden."

Bereits im April 1934 erhielt das Diak vom Innenministerium die Ermächtigung, Frauen und Männer zu sterilisieren. Dr. Wilhelm Dürr, Chirurg am Krankenhaus, und Dr. Hellmut Teichmann, seit November 1937 als Gynäkologe angestellt, waren für die Operationen zuständig. Eine Methode, die Kosten zu senken, war die Sterilisierung durch Röntgenbestrahlung. Da im neu erbauten Krankenhochhaus eine modern ausgestattete Röntgenabteilung zur Verfügung stand, lag es nahe, sie zur Sterilisation zu benutzen. Über die Auswirkungen und Folgen auf die Psyche der Betroffenen wurde nicht geredet, oft waren die Schwestern die einzigen Ansprechpartner, wenn es um Ängste ging. Im Jahresbericht des Krankenhauses von 1935 heißt es: "Unschätzbar sind die seelsorgerlichen Dienste, die unsere Schwestern an denjenigen tun, die sich der Sterilisation zu unterziehen haben.

Grafeneck: Mehr als 10.000 behinderte Menschen ermordet

Krankenmorde In Grafeneck (Kreis Reutlingen) wurden während der nationalsozialistischen Krankenmorde 10654 behinderte Menschen, vor allem aus Bayern, Baden und Württemberg sowie Hessen und Nordrhein-Westfalen ermordet. Grafeneck wurde im Dezember 1940 geschlossen, das Personal nach Hadamar bei Limpurg/Lahn versetzt. 1945 wurde das Heim von der französischen Besatzungsbehörde genutzt und 1946/47 wieder an die Samariterstiftung zurückgegeben. Seit Oktober 2005 beherbergt Grafeneck ein Dokumentationszentrum.

SWP

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel