Schwäbisch Hall Noch mehr auf dem Kerbholz?

Schwäbisch Hall / HARALD ZIGAN 30.12.2013
Auf das Konto eines 56 Jahre alten Bankräubers, der Ende November zum zweiten Mal eine Raiba-Filiale in Leuzendorf heimsuchte, gehen möglicherweise mehr als fünf Raubüberfälle.

In einer Zelle des Ellwanger Gefängnisses wartet der 56 Jahre alte Mann derzeit in der Untersuchungshaft auf seinen Prozess. Die Polizei geht davon aus, dass der Tatverdächtige für eine Serie von mindestens fünf Banküberfällen verantwortlich ist, die stets nach dem gleichen Muster abliefen: Frühmorgens kurz vor der Öffnung der Bank einen Angestellten abpassen und dann höflich, aber bestimmt mit einer (Spielzeug-)Pistole im Anschlag den Geldautomaten mitsamt Tresor vom Bankpersonal leeren lassen und die Flucht mit einem nahebei geparkten Auto antreten. Zu einem "Markenzeichen" des Täters wurde vor allem ein dunkelgrüner Filzhut, den er bei fast allen Raubüberfällen trug.

Die Serie begann am 29. April 2010 in Lobbach-Waldwimmersbach (Rhein-Neckar-Kreis). Am 13. Juli 2011 war ein Kreditinstitut in Bretzfeld-Waldbach (Hohenlohekreis) der Tatort, und am 14. Juni 2012 traf es eine Bank in Weikersheim-Laudenbach (Main-Tauber-Kreis). Im Kreis Schwäbisch Hall verbreitete der mutmaßliche Täter gleich zwei Mal Angst und Schrecken in der Bevölkerung und vor allem unter Bankangestellten: In Leuzendorf trieb der Bankräuber erstmals am 1. Dezember 2011 sein Unwesen. Fast genau zwei Jahre später, am 21. November 2013, suchte sich der Mann die dortige Filiale der Raiffeisenbank Schrozberg-Rot am See erneut als Ziel seiner Geldbeschaffung aus - ein kapitaler Fehler, wie sich schnell zeigte. Zum Verhängnis wurde dem 56-jährigen Mann nämlich nicht nur ein Leuzendorfer Bürger, der geistesgegenwärtig das Fluchtauto vom Typ Audi Q 5 und seine durch Klebestreifen verfälschten, aber rekonstruierbaren Kennzeichen mit seiner Handy-Kamera fotografierte. Spezialisten der Kripo in Hall und Crailsheim hatten zudem schon längst mit modernen kriminalistischen Methoden ein Profil des Täters, seiner "Arbeitsmethode" und seiner Tatorte nebst möglichen Wohnorten erstellt, das sich als erstaunlich zutreffend herausstellte: "Nach kriminalistischer Erfahrung war von einem weiteren Fall in unserem Zuständigkeitsbereich auszugehen", bewertete Kriminaldirektor Ottmar Kroll, Leiter der Polizeidirektion in Schwäbisch Hall, in seiner persönlichen Jahresbilanz diesen herausragenden Fall.

Räuber soll arbeitsloser Familienvater sein

Die analytische Einschätzung des Täters mitsamt der Kennzeichen-Spur, die nach Möckmühl im Kreis Heilbronn führte, machte die zunächst intensive Verfolgung des Täters, der bei seiner Flucht mit einem gemeingefährlichen Höllentempo durch die Ortschaften raste, überflüssig: Ein Spezialeinsatzkommando (SEK) und ein Mobiles Einsatzkommando (MEK) der Polizei bereiteten kurz vor dem Wohnhaus des mutmaßlichen Bankräubers in Möckmühl die Festnahme vor. Keine fünf Stunden nach dem Banküberfall in Leuzendorf klickten die Handschellen. In den Fahndungserfolg bezog die Kripo auch die Zeugen mitsamt den betroffenen Bankangestellten und ihre Chefs ein: Sie wurden kürzlich für ihr außerordentliches Engagement und ihr besonnenes Verhalten geehrt.

Federführend bei den weiteren Ermittlungen ist die Kripo in Schwäbisch Hall. Hier werden derzeit alle Spuren aus den fünf Banküberfällen in vier verschiedenen Landkreisen in Baden-Württemberg ausgewertet. Nach HT-Informationen handelt es sich bei dem 56-jährigen Mann aus Möckmühl um einen bis dato unbescholtenen, momentan arbeitslosen Familienvater, der vorher im Außendienst eines Konzerns tätig war.

Nach der Einschätzung von Kriminaldirektor Ottmar Kroll könnte der Mann, der angesichts der erdrückenden Beweislast (Beute und Maskierung lagen im Fluchtauto) bis jetzt nur den letzten Überfall in Leuzendorf gestanden hat, durchaus noch weitere Banküberfälle auf dem Kerbholz haben: "Der Tatverdächtige dürfte möglicherweise auch noch für weitere als die bisher bekannten fünf Fälle in Betracht kommen." Vergleichbare Taten werden von den Ermittlern bundesweit abgeklärt.

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