Schwäbisch Hall Noch 200.000 Blindgänger vermutet

Schwäbisch Hall / SYBILLE MUNZ 21.11.2014
Bei vielen Bauprojekten in Deutschland gibt es noch immer eine potenzielle Gefahr durch Relikte des Zweiten Weltkrieges. Fachmann Simon Gremmler erklärte, wie Kampfmittel lokalisiert werden.

13. September 1944: Dem Angriff amerikanischer Kampfflugzeuge auf Hessental fallen zehn Wohngebäude zum Opfer. Die Kirche ist nur noch eine Ruine, das Spritzenhaus der Feuerwehr wird völlig zerstört, leichte Schäden werden am Rathaus und an der Milchsammelstelle gemeldet. Schwere Verwüstungen richten die Bomben auf dem Fliegerhorst an. Mehr als 660 Spreng- und Brandbomben fallen innerhalb einer halben Stunde vom Himmel. Weitere Flüge folgen am 25. Februar und am 22. März 1945.

27. November 2013: Ein Baggerfahrer lädt bei Aushubarbeiten im Solpark unbemerkt eine amerikanische 50-Kilogramm-Bombe auf einen Laster. Der ein Meter lange Blindgänger wird erst beim Abladen an einer Baustelle in Untermünkheim bemerkt. Zwei Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes aus Sindelfingen kümmern sich um die Entsorgung.

4. März 2014: Bei Gartenarbeiten finden Anwohner der Hauffstraße eine englische Stabbrandbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Polizei gibt Entwarnung, eine unmittelbare Gefahr geht von der Bombe nicht mehr aus.

"Meine Oma hat's gesehen, das war bei der Renovierung des alten Stalls in den 1950er-Jahren. Die Bombe wurde gefunden, als mein Uropa umgebaut hat. Die Polizei und ein Räumungskommando waren da und haben den Blindgänger mitgenommen", erzählt Sven Karpf aus Mainhardt-Dennhof. Der 21-Jährige ist "aus familiärem Interesse" zum Vortrag von Simon Gremmler gekommen.

Simon Gremmler, Diplom-Geophysiker und Mitarbeiter der Kampfmittelräumungsfirma Tauber Explosive Management aus Münster, erklärt im Rahmen der naturwissenschaftlichen Reihe von Haller Stadtwerken und Volkshochschule die unterschiedlichen geophysikalischen Messverfahren zur Lokalisierung von Kampfmitteln. Nur drei Besucher kommen zu dem naturwissenschaftlichen Vortrag mit historischem Hintergrund.

"Bei vier Millionen im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Sprengbomben vermuten wir in Deutschland noch etwa 200000 Blindgänger", erklärte Gremmler. Bei der Bombensuche helfen Zeitzeugen, Angriffschroniken oder die Recherche in Archiven. Auch Luftbilder der Alliierten werden herangezogen, etwa drei Millionen Bilder stehen zur Verfügung. Mittels geophysikalischer Messverfahren können Kampfmittel genau geortet werden. "Die üblichste Methode ist die Geomagnetikmessung. Dabei wird die Veränderung des Erdmagnetfeldes registriert. Einlagerungen verändern dieses magnetische Feld, lokale Störkörper können erfasst werden. Mittels grafischer Darstellung können die Objekte lokalisiert und über mathematische Berechnungen einer Tiefe zugeordnet werden", erklärt Gremmler.

Eine weitere Möglichkeit stellt die Georadarmessung dar: Elektromagnetische Impulse werden von der Erdoberfläche in den Untergrund gestrahlt. Die Impulse werden mittels Reflexionen an der Oberfläche empfangen. "Diese Messungen werden mit Antennen durchgeführt, damit lassen sich nicht nur Metalle aufspüren. Neu entwickelte Minen werden größtenteils nur noch aus Plastik gefertigt", so der Geophysiker. Ein Zwei-Spulensystem kommt bei Messungen per Elektromagnetik zum Einsatz. Ein primäres Wechselfeld wird im Untergrund angebracht.

Ist ein gut leitender Körper im Boden vorhanden, wird dadurch ein zweites Magnetfeld erzeugt. Eine Empfangsspule misst das daraus resultierende Wechselfeld. "Die Gefährdung durch noch nicht entdeckte Kampfmittel ist immer gegeben, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht", sagt Simon Gremmler.

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