Crailsheim Neue Runde im Ladenschluss-Streit

Der Foodtruck-Event lockte Tausende nach Crailsheim.
Der Foodtruck-Event lockte Tausende nach Crailsheim. © Foto: Julia Vogelmann
Crailsheim / Kerstin Dorn 09.11.2018
Die Werbegemeinschaft Crailsheim hatte das Treffen der Foodtrucks zum Anlass für einen dritten verkaufsoffenen Sonntag genommen. Das hatte das City-Marketing Ansbach in der benachbarten bayerischen Gemeinde ebenfalls vor. Allerdings schob das dort zuständige Verwaltungsgericht einen Riegel vor.

Am letzten Sonntag zog es so viele Besucher in die Crailsheimer Innenstadt wie seit Langem nicht mehr. Grund dafür war das Foodtruck-Festival, das Tausende animierte, die Küche daheim kalt zu lassen und die Schlemmerei mit einem Einkaufsbummel zu verbinden. Möglich war’s: Die Werbegemeinschaft Crailsheim hatte das Treffen der Foodtrucks zum Anlass für einen dritten verkaufsoffenen Sonntag genommen.

Das hatte das City-Marketing Ansbach in der benachbarten bayerischen Gemeinde ebenfalls vor. Allerdings schob das dort zuständige Verwaltungsgericht einen Riegel vor. Es gab dem Eilantrag der Initiative „Allianz gegen verkaufsoffene Sonntage“ statt und ließ das geplante Streetfood-Festival platzen. Aber nicht nur das: Mit seiner Entscheidung vom 10. August hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die „Verordnung der Stadt Ansbach über die zusätzliche Öffnung der Verkaufsstellen an Sonntagen in den Jahren 2018 und 2019“ für unwirksam erklärt. Was zur Folge hat, dass vorerst keine weiteren verkaufsoffenen Sonntage stattfinden können, wie die Stadt Ansbach erklärt. Die Klägerin, zu der sich Vertreter aus Gewerkschaften und Kirchen zusammengeschlossen hatten, sah die soziale Bedeutung des Sonntags als Ruhetag gefährdet.

Bernhard Franke, Verdi-Fachbereichsleiter Handel ist auch Mitglied in der „Allianz für den freien Sonntag“ in Baden-Württemberg. Er plädiert für mehr Eigenverantwortung: „Wir haben bereits 2016 die Gemeinden aufgefordert, die klar definierten gesetzlichen Kriterien zur sonntäglichen Ladenöffnung anzuwenden.“ In Pforzheim, Baden-Baden, Stuttgart und Ludwigsburg habe die Allianz Klagen eingereicht, meist erfolgreich. Im Landkreis Schwäbisch Hall sieht sie derzeit dazu keinen Anlass.

Hausaufgaben gemacht

Das Urteil im Ansbacher Fall hat auch die Verantwortlichen in Crailsheim aufhorchen lassen. Christoph Jung, Leiter des Ordnungsamtes, hat alle diesbezüglichen Allgemeinverfügungen rechtlich prüfen und entsprechend der bayerischen Grundsatzentscheidungen überarbeiten lassen. Viele Kritikpunkte der bayerischen Richter hofft man jetzt besser entkräften zu können. Die hatten unter anderem bemängelt, dass das Ansbacher Streetfood-Festival keine „seit Jahren regelmäßig durchgeführte und fest etablierte Veranstaltung“ sei. Deshalb suchten die Crailsheimer Verantwortlichen nach historischen Bezügen und wurden zumindest im Falle des Foodtruck-Festivals fündig: In Roßfeld waren in den Kriegs- und Nachkriegsjahren amerikanische Soldaten stationiert, die unter anderem neue Essgewohnheiten mitbrachten.

Daraus entwickelte sich eine der ältesten Städtepartnerschaften überhaupt. Ein zweites Argument zielt in Richtung Sicherheit: Bei publikumsstarken Veranstaltungen könnten durch zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten die Besucherströme entzerrt und damit die Sicherheitsauflagen besser umgesetzt werden.Generell sei man um Konsens bemüht, so Jung. So werden beispielsweise seit einigen Jahren keine Flohmärkte mehr an Sonn- und kirchlichen Feiertagen (mit Ausnahme der verkaufsoffenen) zugelassen. Auf ein solches Einvernehmen setzt man auch beim Gaildorfer Stadtmarketing. Weil hier lediglich zwei der drei gesetzlich möglichen Verkaufssonntage genutzt werden (Pferdemarkt im Februar sowie die Kirbe im November), komme man den Gewerkschaften und Kirchen entgegen, argumentiert der Marketingverantwortliche Daniel Kuhn. „Durch unsere Selbstbeschränkung werden die Interessen ausgeglichen, durch die Anbindung an unsere Traditionsfeste wird zudem das Ziel, eine lebendige Innenstadt mit einem regen Einzelhandel zu haben, von allen Partnern geteilt und unterstützt.“

Wie wichtig die verkaufsoffenen Sonntage für den durch die Online-Konkurrenz gebeutelten Einzelhandel sind, macht Dieter Harth, Senior Consulter bei Möbel Bohn, deutlich: „Die verkaufsoffenen Sonntage sind ein Einkaufserlebnis für die ganze Familie und bringen einen Umsatz, der dem einer normalen Woche entspricht.“ Die geleisteten Arbeitsstunden gleiche Bohn mit doppelter Entlohnung aus.

3

Termine dürfen pro Jahr für Sonntags-Verkäufe genutzt werden. Anlass muss eine Veranstaltung sein, die prägend ist. Das heißt, sie muss mehr Besucher anziehen als die Geschäfte.

„Der Sonntag ist kein Spekulationsgut“

Landesbischof Frank Otfried July von der evangelischen Landeskirche bezieht zum Thema Sonntagseinkauf eindeutige Position: „Der Sonntag ist ein Zeichen von Freiheit. Wer den Sonntag gering achtet, gibt sich in neue Abhängigkeiten. Und er vergibt Freiheitsräume des Lebens. Ökonomische Abhängigkeiten haben wir genug. Der Sonntag ist kein Spekulationsgut. Die Einhaltung oder Nichteinhaltung des Sonntags ist eine gesellschaftliche Existenzfrage. An ihr entscheidet sich, ob der moderne Mensch frei bleibt oder sich total von gesellschaftlichen Zwängen vereinnahmen lässt. Nicht der Sonntag braucht uns, sondern wir brauchen den Sonntag.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel