Seit mehr als zehn Jahren können sich verstorbene Muslime auf dem Haller Waldfriedhof bestatten lassen. Auf dem separaten Areal gibt es Platz für 200 Grabstätten, doch nur 15 – und damit vergleichsweise wenig für einen solch langen Zeitraum – sind belegt.

Die Zahl könnte sich nun bald erhöhen, prognostiziert Aydin Celik, Haller Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Union für religiöse Angelegenheiten. Nicht nur wollen immer mehr Kinder, dass ihre verstorbenen Eltern, die Einwanderer der ersten Generation, in Deutschland beerdigt werden, sagt Celik. Auch eine jetzt in Hall zugelassene Bestattungsform werde dazu führen, dass  Muslime ihre verstorbenen Verwandten nicht mehr so häufig wie bisher in die alte Heimat zurückführten.

Oberbürgermeister Pelgrim: "Ein kleiner historischer Schritt"

Tote Menschen können auf dem Haller Waldfriedhof nun auch beerdigt werden, ohne dass sie dabei in einem Sarg liegen müssen. Sie können auch in ein Tuch gebettet sein. Bestattungsriten der Muslime sollten eingehalten werden können, heißt es in einer Erklärung, die drei Parteien in der vergangenen Woche im Haller Rathaus unterzeichnet haben: Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim, Aydin Celik und Iljas Röhrle, Vorsitzender des Hohenloher Deutschsprachigen Muslimenkreises (HDMK, siehe Infobox).

Immer mehr Muslime seien auch Deutsche, immer mehr Menschen sei es wichtig, „nach ihren religiösen Vorstellungen beerdigt werden zu können“, sagt Pelgrim. Der OB sieht die neue Regelung als „einen wichtigen Beitrag“ dafür, dass Menschen sich in Hall „beheimatet“ fühlen können. Pelgrim sprach von einem „Zeichen“ für das Zusammenleben, sogar von einem „kleinen historischen Schritt“. Wegen „rechtlicher Rahmenbedingungen“ sei die Regelung  erst jetzt umgesetzt worden.

Der Gesetzgeber habe die Möglichkeit dieser Bestattungsform geboten, diese „setzen wir um“, so Pelgrim. Hohenloher Muslime loben die Verwaltung für diesen Schritt. „Das ist ein Geschenk, das nicht jede Stadt macht“, betont Röhrle.

Er sieht die neue Regelung in Schwäbisch Hall als „Entgegenkommen“ und als Zeichen: „Das Gegenüber im Zusammenleben macht sich Gedanken, versucht, ein Miteinander auf sehr spiritueller Ebene zu schaffen. Man bekommt das Gefühl, willkommen und angekommen zu sein.“

Gerade in einer Zeit, „in der die Lage sehr angespannt ist, finde ich, dass diese Regelung ein Schritt aufeinander zu ist“. Es sei eine „Beruhigung“ zu wissen, nun in Hall „auch über den Tod hinaus die Religion erfüllen zu können“, sagt Röhrle. Außerdem entfalle für Angehörige der bürokratische und finanzielle Aufwand, den es bei einer Rückführung des Leichnams in ein anderes Land gebe. „Das ist eine Erleichterung“, so Röhrle. Die in Hall neue Regelung sei „für das gemeinsame Zusammenleben ein großer Schritt“, betont auch HDMK-Mitglied Nur-Burak Özcan.

Röhrle erklärt, dass der Sarg ein Symbol für Materialismus sei und der Körper so zurückgehen solle, „wie er von Allah kommt. Wir nehmen nach dem Tod nichts mehr mit außer unseren Taten. Im Tod sind wir alle gleich.“ Deshalb bestatteten Muslime Verstorbene ohne Sarg.
 

Hohenloher Muslimenkreis mit Sitz in Gelbingen

Gesetz Der baden-württembergische Landtag hat im März 2014 das Bestattungsgesetz geändert. Seitdem dürfen Verstorbene in Tüchern, also ohne Sarg, erdbestattet werden. Voraussetzung: Es darf von dieser Form der Bestattung keine Gefahr für die Gesundheit ausgehen. Ein Beispiel: Jene Leute, die Kontakt mit dem Verstorbenen haben, dürfen nicht von einer Krankheit, etwa einer Hautkrankheit, angesteckt werden. Bis zur Grabstätte muss die Leiche in einem geschlossenen Sarg transportiert werden. Auch in Hall ist die neue Bestattungsform nun möglich. Diese Regelung hat die Stadtverwaltung mit dem Hohenloher Deutschsprachigen Muslimenkreis und der Türkisch-Islamischen Union für religiöse Angelegenheiten getroffen.

Mitglieder Hohenloher Deutschsprachiger Muslimenkreis (HDMK) – so heißt der Verein, der seinen Sitz in der Neubergstraße in Gelbingen hat und im Jahr 2009 gegründet wurde. Der HDMK wird laut Vorstand Iljas Röhrle von Hohenloher Muslimen aus vielen Ländern besucht – etwa aus Deutschland, Indien, Pakistan, Malaysia, den USA, der Türkei. Auch Kurden und Tschetschenen sind unter den derzeit etwa 40 Mitgliedern. „Unsere Vereinssprache ist Deutsch“, sagt Iljas Röhrle.

Sprache Die meisten Moscheen in Deutschland seien türkisch geprägt. Wer die türkische Sprache nicht beherrsche, für den sei es schwer, seine Religion zu praktizieren, sagt Röhrle. Der HDMK sei gegründet worden, um „einen Anlaufpunkt zu schaffen für alle Muslime jeder Nation“. wd