Fußball Nerven liegen blank: Fans bangen im SC-Clubhaus gemeinsam

Schwäbisch Hall / SYBILLE MUNZ 04.07.2016
Deutschland besiegt im Viertelfinale der Fußballeuropameisterschaft Italien. Zweihundert Fans feiern in Steinbach ein spannendes Elfmeterschießen.

Noch Minuten nach dem Aus sitzt Daniele Cadau (29) aus Niedernhall auf der Bierbank und schüttelt den Kopf. „So ist Fußball“, konstatiert sein Freund Giacinto Patané (32) mit einem Schulterzucken. „La Nazionale“, wie Italiens Fußballnationalmannschaft liebevoll genannt wird, ist denkbar knapp im Viertelfinale gegen Deutschland ausgeschieden – tröstende Worte sind kurz vor Mitternacht erst einmal nicht zu hören.

 Dabei hat das Fußballfest so vielversprechend angefangen. Etwa 200 italienische und deutsche Fans treffen sich am Clubhaus des SC Steinbach an der Mühlsteige, um den Fußballklassiker auf einer Großleinwand zu verfolgen. „Das ist wie ein Derby“, erklärt Roberto Annicchiarico aus Westheim. Der 48-jährige lebt seit 30 Jahren in Deutschland, seiner selbsternannten zweiten Heimat. Für wen sein Herz schlägt, ist offensichtlich. Annicchiarico steht im azurblauen Trainingsanzug und grün-weiß-roter Fahne um den Hals am Getränkestand und deckt sich für das Fußballfest ein. „Es wird ein gutes Spiel, vermutlich geht es in die Verlängerung“, unkt er. Und gibt sofort zu bedenken: „Hoffentlich gibt es kein Elfmeterschießen, da sind die Italiener schlecht.“

 Mit solchen Gedanken trägt sich Daniele Cadau vor dem Anpfiff nicht. „Die Entscheidung fällt in der regulären Spielzeit“, ist er sich sicher. „Beide Mannschaften werden sich eine Zeit lang gegenseitig abtasten, es wird ausgeglichen sein, aber auch nervenaufreibend.“ Wie packend die nächsten 180 Minuten werden, kann auch Angelo Sica aus Niedernhall noch nicht ahnen. „Das Siegtor für die Italiener fällt gegen Ende der zweiten Halbzeit oder zu Anfang der Verlängerung“, gibt sich der 45-jährige optimistisch.

 Den richtigen Riecher für die bevorstehende Dramatik haben anscheinend nur Cono (21) und Angelo (16) Lo Buglio aus Schwäbisch Hall. Das Brüderpaar, mit italienischer Flagge und T-Shirt ausgestattet, gibt sich zurückhaltend. „Ein bisschen Angst habe ich schon vor dem Spiel. Natürlich will ich, dass Italien gewinnt. Aber das die Deutschen verlieren sollen, kann ich so auch nicht sagen“, erklärt Cono Lo Buglio. In seiner Brust schlagen zwei Herzen – ein italienisches und ein deutsches, gibt er verschmitzt zu. An erster Stelle stehen am Samstagabend aber die Italiener, deshalb tippt er auf einen 2:1-Sieg für die Azurblauen.

Wer nicht hinsehen kann, hält sich die Fahne vors Gesicht

 Trotz sportlichem Respekt und gegenseitiger Sympathie: Es geht für beide Mannschaften um den Einzug ins Halbfinale der Europameisterschaft. Daher werden die gegen Italien verhängten gelben Karten mit einer Flut landestypischer Flüche quittiert und bei entgangenen Chancen auf das deutsche Tor entsprechend wild gestikuliert. Im Gegenzug feiern die deutschen Anhänger in der 65. Minute den Führungstreffer von Mesut Özil mit Sprechgesängen. Die deutsch-italienische Fairness lässt es auch zu, dass man sich bei guten Aktionen der Spieler gegenseitig Applaus spendet.

 Fairness hin, Respekt her: beim entscheidenden Elfmeterschießen hält es weder Italiener noch Deutsche auf den Plätzen. Manch einer kann nicht mehr hinsehen und hält sich die jeweilige Landesfahne vor das Gesicht. Die vom Kocher heraufziehende klamme Kälte entpuppt sich plötzlich als wohltuende Abkühlung für die erhitzten Gemüter. In der 139. Spielminute sinkt der italienische Adrenalinspiegel in den Keller. Jonas Hector trifft den entscheidenden Elfmeter, Italien ist aus dem Turnier ausgeschieden.

„Kann ich aus machen?“, die Frage von Christian Deininger (37) verhallt nach Spielende ungehört. Der zweite Vorsitzende des Fördervereins SC Steinbach und Organisator des Fußballabends kabelt Beamer und Leinwand ab. Eine Antwort erhält der Braunsbacher nicht mehr. Die italienischen Fans packen wortlos zusammen, die siegreichen deutschen Fans machen sich mit ihren Autos auf den Weg zum Korso.