Medizin Navi für das Gefäßsystem

Martin Libicher, Chefarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Diak, zeigt den Besuchern die Anlage. Hier schiebt er gerade einen zweiten Monitor ins Blickfeld.
Martin Libicher, Chefarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Diak, zeigt den Besuchern die Anlage. Hier schiebt er gerade einen zweiten Monitor ins Blickfeld. © Foto: xxx
Thumilan Selvakumaran 12.01.2018
Das Diak investiert 1,5 Millionen Euro für eine Angio-Suite, in der minimalinvasie Eingriffe möglich sind. Der Kreis beteiligt sich mit 500.000 Euro.

Das tonnenschwere Gerät in C-Form kreist scheinbar schwerelos um das Haupt des Patienten, stoppt über dem Kopf. Landrat Gerhard Bauer, der sich als Versuchspatient auf dem Bett ausgebreitet hat, traut sich kaum hinzuschauen: Der Flachdetektor der Anlage fährt rasant bis wenige Zentimeter vor die Nasenspitze, bevor er abrupt stoppt.

Die Besucher, darunter Kreisräte, Ärzte und Mitarbeiter, staunen. Freilich nicht nur über Bauers mutigen Einsatz, sondern auch über die Funktionen der Angio-Suite: die Kombination eines OP-Saales mit einer modernen Röntgeneinrichtung. Dort sind minimalinvasive Eingriffe mittels Katheter am Patienten möglich. Es geht um komplexe Eingriffe in das Gefäßsystem, um Erkrankungen zu erkennen oder zu therapieren – etwa, indem punktgenau Prothesen in einer Schlagader platziert werden oder ein Tumor behandelt wird.

Hohe Kosten für Umbau

Knapp 1,5 Millionen hat das Diak investiert – die eine Hälfte für die eigentliche Röntgenanlage samt Bildschirmen, Computer und Software, die andere Hälfte für den Umbau des Raumes samt Elektrik und Klimatisierung. Der Landkreis steuert hierfür 500 000 Euro bei. Das Diak sei durch den Neubau des Bettenhauses derzeit sehr belastet, argumentiert Bauer. Die medizinische Versorgung dürfe durch das Projekt aber nicht leiden. „Jeder von uns könnte mal darauf angewiesen sein.“

Professor Dr. Martin Libicher, Chefarzt am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Diaks, verbindet den Dank am Mittwoch mit einer Präsentation der Anlage. Der Abend wird von Richard Beißer musikalisch begleitet.

Zwar hatte das Diak mehr als 20 Jahre eine Vorgänger-Anlage in Betrieb. Allerdings hatte diese mehrere Nachteile. Dazu gehörte, dass sie am Boden fixiert war, was ein flexibles Umfahren des Patienten durch die Röntgenanlage ausschloss. Daher musste für einen Positionswechsel oft der Patient bewegt werden.

Beim Umbau, so Libicher, sei der Untersuchungsraum in den Sommerferien komplett entkernt und mit Stahlträgern ausgestattet worden. Nun hängt das schwere Gerät mit einem Abstand von zehn Zentimetern zum Boden an der Decke und lässt sich in in alle Richtungen bewegen.

Strahlenbelastung halbiert sich

Auch die Strahlenbelastung reduziere sich deutlich, so Libicher. Durch den modernen Flachdetektor oberhalb und der Röntgenröhre, die unter dem Bett positioniert ist, sowie durch Softwareanpassungen reduziere sich diese um mehr als 50 Prozent. Davon profitierten Patienten und Mitarbeiter. Neue Strahlenschutzrichtlinien der EU würden damit locker eingehalten. Anders sehe das beim Computertomographen einige Räume weiter aus. „Da wird bald ein Investment nötig.“

Die Angio-Suite ist seit dem 24. Oktober im Einsatz und vernetzt softwaregestützt mehrere Bereiche des Diaks, was einen enormen Fortschritt bedeute, so  Privatdozent Dr. med. Claus-Georg Schmedt,  Chefarzt an der Klinik im zertifizierten Gefäßzentrum. So biete sich „eine fantastische Möglichkeit“ für schonende Eingriffe. Häufig könne „der erhebliche Aufwand durch eine reguläre Operation vermieden werden“.

Genauer Plan vor dem Eingriff

Dafür entstehe vor dem Eingriff „ein minütiöser Plan, noch bevor der Patient auf dem Bett liegt“, so Libicher. Die Software füge die Daten aus Voruntersuchungen zusammen und erstelle mit eigenen Bildern eine detaillierte Karte – „wie ein Navigationssystem“. Die Mediziner könnten so die nur wenige Millimeter dicken Katheter, Ballone oder auch Bypässe exakt platzieren.  Die Patienten könnten dabei fortlaufend, wenn nötig, intensivmedizinisch überwacht und betreut werden. Eine Narkose sei meist unnötig.

Professor Dr. med. Markus Menges, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, berichtet von einem Fall, wo einem Patienten mit Lebertumor nach einer Leberzir­rhose geholfen werden konnte. Durch bisherige Methoden hätten die Ärzte zu viel Gewebe abtragen müssen, um die betroffenen Stellen zu erkennen oder gar zu erreichen.

Ein Bericht zur Verabschiedung des Diak-Vorstandes Hans-Joachim Lenke folgt morgen.

Hilfe bei Aneurysmen, Thrombosen und mehr

Die Angio-Suite besteht aus mehreren, zusammengeschlossenen Räumen. Der Eingriff findet durch Ärzte im Untersuchungsraum statt. Mitarbeiter können aus einem weiteren Raum durch eine Scheibe sowie an Computern dem Verlauf folgen. Weitere Räume dienen etwa als Umkleide.

Behandelt werden können in der neuen Angio-Suite des Haller Diaks vielfältige Krankheiten, die Arterien, Venen oder Lymphgefäße betreffen, also wenn diese verstopft, erweitert oder entzündet sind. Hilfe ist etwa bei der Schaufensterkrankheit, Aneurysmen, Krampf­adern oder Durchblutungsstörungen möglich. Beteiligt bei Diagnose und Behandlung sind im Diak Gefäßchirurgie, Radiologie, Kardiologie, Angiologie, Neurologie, Neurochirurgie, Diabetologie, Nephrologie, Anästhesie, Intensivmedizin, Pflegedienst, Wundexperten und Physiotherapie.