Schwäbisch Hall Nationalsozialisten töten vor 75 Jahren auch in Hall lebende Behinderte

Seit 1900 wurden in der Haller Diakonissenanstalt Menschen mit schweren geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen betreut. Das 1912 fertig gestellte "Schwachsinnigenheim" heißt seit 1935 Gottlob-Weißer-Haus. Gottlob Weißer leitete die Anstalt von 1900 bis 1930. Die Behindertenarbeit war damals der größte Arbeitsbereich des Diaks mit mehr als 500 Bewohnern, jede Diakonisse begann hier ihren Dienst. Man sprach von der "Hochschule der Barmherzigkeit."
Seit 1900 wurden in der Haller Diakonissenanstalt Menschen mit schweren geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen betreut. Das 1912 fertig gestellte "Schwachsinnigenheim" heißt seit 1935 Gottlob-Weißer-Haus. Gottlob Weißer leitete die Anstalt von 1900 bis 1930. Die Behindertenarbeit war damals der größte Arbeitsbereich des Diaks mit mehr als 500 Bewohnern, jede Diakonisse begann hier ihren Dienst. Man sprach von der "Hochschule der Barmherzigkeit." © Foto: Diak-Archiv
Schwäbisch Hall / SYBILLE MUNZ 01.08.2015
182 Behinderte aus dem Gottlob-Weißer-Haus sind in den Jahren 1940/41 von Nationalsozialisten ermordet worden. Der damalige Leiter der Diakonissenanstalt hatte versucht, möglichst viele davor zu bewahren.

Der Nationalsozialismus griff die Pläne der Rassenhygiene auf und radikalisierte sie. Nach 1933 wurde die Euthanasie propagandistisch vorbereitet. Besuchergruppen bekamen abstoßende Szenen in den Anstalten zu sehen, Kranken wurde das Recht zu leben abgesprochen. Unmittelbar nach Kriegsbeginn begann die Ermordung von Menschen, die in Heil- und Pflegeanstalten lebten. In Berlin wurde eine Sonderbehörde geschaffen, die seit 1940 in der Tiergartenstraße 4 ansässig war.

Im Oktober 1938 traf bei Pfarrer Wilhelm Breuning, Leiter der Haller Diakonissenanstalt, ein Schreiben ein - von Dr. Leonardo Conti, Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit und Reichsärzteführer der NSDAP. Zu melden seien sämtliche Patienten, die an Krankheiten leiden, sich seit mindestens fünf Jahren dauernd in Anstalten befinden, nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht deutschen oder artverwandten Blutes sind.

Pfarrer Breuning reagierte zunächst nicht auf das Schreiben. Am 13. Juli 1940 erreichte eine Mahnung des Reichsinnenministeriums die Haller Anstalt, in der auf die Meldepflicht "ausdrücklich" hingewiesen wurde. Am 21. August 1940 wurden schließlich 170 Meldebogen verschickt. In den kommenden Wochen setzte sich Pfarrer Breuning mit den Angehörigen der Patienten in Verbindung, um sie dazu zu bewegen, ihre behinderten Familienmitglieder zu sich zu nehmen. "Den Ernst der Situation für die Behinderten im Gottlob-Weißer-Haus erkannten alle", so Heike Krause, Diak-Archivarin in einem Vortrag, den sie zusammen mit dem Haller Stadtarchivar Andreas Maisch hielt.

Fieberhaft wurde versucht, Unterkünfte für rund 550 geistig Behinderte zu finden. Die Staatsirrenanstalt Weinsberg erklärte sich schließlich zur Aufnahme der Pflegebefohlenen bereit. Während die Gehfähigen mit Omnibussen weggebracht wurden, transportierte man die Kinder in ihren Bettchen, die Bettlägerigen auf Matratzenlagern in Möbelwagen. "Beschreibungen der Diakonissen und Pflegerinnen lassen vermuten, dass nicht wenige der Behinderten wussten, was mit ihnen geschehen sollte", so Krause.

Am 19. November 1940 gingen die Transporte ab: 107 Pfleglinge kamen nach Weinsberg. Am 5. Dezember überstellte man die Krankenakten sowie ihre Kleider nach Weinsberg. Zu diesem Zeitpunkt lebte ein Teil der Haller Patienten schon nicht mehr. Am 3. Dezember schrieb die Weinsberger Pflegerin Ruth Commercon an Oberin Luise Gehring in Hall: "Der heutige Tag ist mit solch schwerem Leid ausgefüllt . . . Wir haben seit heute nur noch 16 Kinder." Abgeholt wurden die Patienten von drei Bussen der "Gemeinnützigen Kranken Transport GmbH". Grau gestrichene und mit Milchglas versehene, ehemalige Postbusse holten die ausgesuchten Pfleglinge in den Anstalten ab und brachten sie nach Grafeneck bei Münsingen. Bereits im Januar 1940 hatte dort die systematische Ermordung von Menschen begonnen. "Am 18. Dezember kamen die ersten Pflegerinnen zurück. Die letzte Pflegerin kam am 1. März 1941 wieder nach Hall - weil es in Weinsberg nichts mehr zu pflegen gab", verdeutlicht Krause. Insgesamt wurden in den Jahren 1940/41 182 Behinderte aus dem Gottlob-Weißer-Haus in Grafeneck (beziehungsweise in Hadamar, Limpurg an der Lahn) getötet.

Gedenken an die Opfer des Gottlob-Weißer-Hauses

Morde In Grafeneck (Landkreis Reutlingen) ermordeten Nationalsozialisten 10654 behinderte Menschen, vor allem aus Bayern, Baden und Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Grafeneck wurde im Dezember 1940 geschlossen. Seit Oktober 2005 beherbergt Grafeneck ein Dokumentationszentrum.

Buch "Ausmerzen - Eugenik, Zwangssterilisation und Krankenmord in Schwäbisch Hall 1933-1945", herausgegeben von Heike Krause und Andreas Maisch, ISBN: 3-932146-28-X

Gedenken Am 13. November 2015, dem 70. Jahrestag der Beschlagnahmung des Gottlob-Weißer-Hauses, wird um 18 Uhr in der Auferstehungskirche den Opfern gedacht.

SWP

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