Etwas schüchtern wirkt Jesidin Nadia Murad, als sie gestern in Begleitung ihrer Dolmetscherin und von Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim den Ratssaal betritt. Die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2018 ist in Schwäbisch Hall, um sich von der Situation der Jesidinnen in der Stadt ein Bild zu machen und sich ins Goldene Buch einzutragen.

Mit verschränkten Armen steht sie während Pelgrims Ansprache da und lauscht den Worten von Hes Sedik, die ihr die Rede ins Kurdische übersetzt. Sie steht der 26-jährigen Jesidin aus Kocho im Nordirak, die der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) entkommen konnte, bei. Beschäftigt ist Sedik beim Staatsministerium Baden-Württemberg in der Projektgruppe Sonderkontingent Nordirak, durch das Murad nach Deutschland kommen konnte.

Ein Leben in Sicherheit

„Guten Tag“, sagt Murad auf Deutsch, als sie ans Rednerpult tritt. Ihre Schüchternheit scheint verflogen. „Ich spreche kein Deutsch, weil ich noch nicht die Zeit hatte, es zu lernen“, entschuldigt sie sich. „Ich möchte mich für die Unterstützung bedanken, die die 60 Frauen und Kinder in Schwäbisch Hall bekommen.“ Sie sei froh, dass diese nach dem Genozid 2014 an der ethnisch-religiösen Minderheit durch den IS einen geschützten Ort haben und in Sicherheit leben können.

Murad war bereits vor ihrem offiziellen Besuch gestern schon privat ein paar Mal in Hall, um die Frauen und Kinder zu besuchen. „Im Großen und Ganzen geht es ihnen hier gut. Ich wünsche mir nur, dass die Frauen bald eigene Wohnungen bekommen und aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen können“, sagt sie nach ihrer Rede. Außerdem betont sie, dass eine Arbeit für die Frauen wichtig sei, für ihre Selbstständigkeit. Bei den Jesiden sei es zwar ungewöhnlich, dass Frauen arbeiten, aber wenn sie in „fünf bis zehn Jahren in ihre Heimat zurückkehren können, sollen die Frauen bereit sein, dort eine Arbeit aufzunehmen“.

Auch ein paar ehrenamtliche Helferinnen sind gekommen, die sich um jesidische Frauen und Kinder aus dem Heimatdorf Murads kümmern. Darunter sind Ilse Lahres und Ulla Weller, die unter anderem mittwochs mit den Kindern in einem Raum im Langen Graben reden und spielen. Es ist eine achtköpfige Gruppe rund um Teamchefin Anne Gastine-Redeker, die unter anderem auch im Café International in der Schmollerstraße mithilft. „Am Anfang war es eine schwierige Aufgabe“, sagt Lahres. Doch sie wollte helfen, als sie erfahren hat, dass eine traumatisierte Frau nach Hall kommt. So war es auch bei Weller. Beide hätten so etwas davor noch nie gemacht, kümmern sich aber gerne um die Kinder. In einem anderen Team ist Ursula Thomas, die sich privat um jesidische Frauen kümmert und auch ein Mädchen und dessen Familie begleitet hat. Das Mädchen gehe mittlerweile auf die Sibilla-­Egen-Schule, erzählt sie. Nadia Murad bedankt sich persönlich bei den Ehrenamtlichen.

Nadia Murad in Hall Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in Schwäbisch Hall

Dass die Situation für die Jesiden, neben dem neuen Land und der fremden Sprache, nicht einfach sei, zeige sich auch daran, dass Asylanträge immer wieder abgelehnt werden oder Entscheidungen ausstehen. Ob sie noch Angst vor Verfolgung habe? „Ich habe keine Angst um mich selbst, aber durch den IS besteht immer noch eine Gefahr, wie die letzten Anschläge in Sri Lanka zeigen“, meint Murad. Durch ihre Arbeit als Menschenrechtsaktivistin und UN-Sonderbotschafterin möchte sie den jesidischen Frauen eine Stimme geben, die noch in IS-Gefangenschaft sind. Ins Goldene Buch der Stadt Hall schreibt sie auf Kurdisch: „Herzlichen Dank für die Unterstützung für die jesidischen Überlebenden.“

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Schwäbisch Hall

Versklavt, vergewaltigt und gefoltert


Die Jesidin Nadia Murad stammt aus dem Dorf Kocho in Sindschar im Irak. Am 3. August 2014 verlor sie ihre Mutter, sechs Brüder und noch weitere Angehörige durch den Völkermord der Terrorgruppe Islamischer Staat. Sie wurde aus dem Dorf entführt und geriet in Gefangenschaft. Sie wurde mehrfach versklavt, vergewaltigt und gefoltert. Sie konnte fliehen und kam in einem Flüchtlingslager im kurdischen Grenzgebiet unter. Dort erfuhr sie von dem baden-württembergischen Projekt Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak. Seit 2015 lebt sie in Baden-Württemberg. 2018 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Sie ist die erste Irakerin und Jesidin, die diesen Preis erhalten hat. kv