Nachruf Nachruf: Früherer Europaabgeordneter Winfried Menrad gestorben

Schwäbisch Hall / BETTINA LOBER 01.09.2016
Laute Töne waren nie sein Ding. Winfried Menrad, der bescheidene Europapolitiker, wusste auch dicke Bretter zu bohren. Am Freitag ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. <i>Mit Bildergalerie.</i>

Die Fraktionssitzung in Straßburg ist längst vorbei. Die Plätze im Saal sind verlassen. Lediglich ein Mann sitzt noch dort, hat die Lesebrille auf der Nase und ist hoch konzentriert in einen Stapel Papier vertieft: Es ist Winfried Menrad, der noch über seinem Redemanuskript brütet, sich Notizen macht, Absätze streicht, an Formulierungen feilt. Es ist dieses Bild eines nimmermüden und akribischen Arbeiters, das sich tief eingeprägt hat.

„Ich bin kein Genie, deshalb hab’ ich immer schaffen müssen“, sagte Winfried Menrad. Aktenberge und dicke Wälzer haben ihn nie geschreckt. Er hat sie wirklich gelesen, durchgeackert, um sich von einer Sache ein Bild zu machen, um Standpunkte mit Überzeugung zu vertreten. Hart ist auf EU-Ebene um das Thema Arbeitnehmer-Mitwirkung gerungen worden.

„Vergesst das Soziale nicht!“

An den Richtlinien für den europäischen Betriebsrat in multinationalen Konzernen hat Menrad großen Anteil: „Als Berichterstatter des EU-Parlaments habe ich diesen Erfolg der europäischen Sozialpolitik mitbewirkt“, schrieb er in seiner Broschüre „Vergesst das Soziale nicht!“. Darauf war der zurückhaltende Politiker durchaus stolz.

Für einen Christdemokraten schlug Menrads Herz ziemlich weit links. Er hat sich als Anwalt der „kleinen Leute“ verstanden. „Ein ausgesprochen sozial denkender Mensch“, charakterisiert der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang von Stetten den Parteifreund. Sich selbst habe Menrad nie wichtig genommen: „Er war keiner, der plötzlich explodierte.“ Im Gegenteil: Menrad hat seine Ziele mit Sachverstand und enormem Durchhaltevermögen verfolgt - und oft erreicht.

Auch im Ruhestand wird Menrad um Rat gefragt

In Sachen Sozial- und Beschäftigungspolitik war er in Brüssel und Straßburg ein beachteter Experte. „Die Solidarität der reichen Staaten mit den armen ist unerlässlich“, so ein Grundsatz Menrads. Zugleich war ihm die Selbstverantwortung wichtig. Er hat sich für das Soziale eingesetzt wie den Schutz der Arbeitnehmer vor Lärm, Chemikalien oder Asbest. „Wir hatten eine gemeinsame Ader für Arbeitnehmerfragen“, sagt Evelyne Gebhardt aus Hall, die seit 1994 SPD-Abgeordnete im Europäischen Parlament ist.

Menrad genoss über Parteigrenzen hinweg große Wertschätzung. Auch viele Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Europäischen Parlament, dem er von 1989 bis 2004 angehörte, wurde er daheim in Schwäbisch Hall angerufen und gebeten, in Brüssel über seine Grundsätze zum europäischen Betriebsrat zu sprechen. Doch er hat in den letzten Jahren derartige Einladungen meist ablehnen müssen. Es ist immer ruhiger um Winfried Menrad geworden.

Eine seltene Nervenkrankheit hat den Europapolitiker zusehends eingeschränkt. Doch mit Kollegen und einstigen Weggefährten hielt er so lange wie möglich Kontakt. Seit Jahren war Winfried Menrad auf den Rollstuhl angewiesen, sein Zustand verschlechterte sich. Zuletzt ist er kaum mehr bewegungsfähig gewesen.

Menrads Leidenschaft für Europa entflammte schon sehr früh: Als Jugendlicher habe er Texte über Europa verschlungen, was ein alter Lehrer („Er war ein alter Nazi“) damals gar nicht gerne sah, erzählte er. Aber die Einsicht, dass mit dem Staatenbündnis Europa der Frieden gesichert wird, faszinierte Winfried Menrad.

Als 15-Jähriger trat er in die Junge Union ein. „Er wollte immer jemanden fördern – Schüler, Arbeitnehmer“, beschreibt Werner Dierolf, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion, den Tatendrang Menrads. Seine Offenheit, Geradlinigkeit und seine Prinzipientreue hätten ihn tief beeindruckt. Menrads Rat war bei den Parteifreunden im Kreis stets gefragt.

„Ein durch und durch gütiger Mensch, der außerordentlich bereit war, sich für andere einzusetzen“, so beschreibt der ehemalige Landrat Ulrich Stücke den Europapolitiker. Auch als treuer Katholik habe Winfried Menrad ihm imponiert. 

Info Die Trauerfeier für Winfried Menrad beginnt am kommenden Samstag, 3. September, um 14 Uhr in der katholischen Kirche St. Markus in Schwäbisch Hall.

Zur Person: Der Lebensweg von Winfried Menrad

Winfried Menrad wurde am 10. Februar 1939 in Schwäbisch Gmünd geboren. Als jüngstes von drei Geschwistern wuchs er in Weiler im Ostalbkreis auf. Mit 15 Jahren trat er in die Junge Union ein. Über den zweiten Bildungsweg machte der kaufmännische Angestellte Abitur und studierte ab 1961 Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg. Als Diplom-Handelslehrer arbeitete er in beruflichen Schulen in Aalen, Stuttgart und kam 1970 nach Hall, wo er von 1975 bis 1989 Studiendirektor am Wirtschaftsgymnasium war. Von 1965 an war Menrad in der Christlich-Demokratischen Arbeitsgemeinschaft (CDA), für acht Jahre war er deren stellvertretender Bundesvorsitzender. In der CDU übte er viele Funktionen aus, unter anderem als Kreisvorsitzender, von 1987 bis 1992 war er Kreisrat. Von 1989 bis 2004 war Menrad CDU-Europaabgeordneter, von 2005 bis 2009 Kolping-Vorsitzender in Baden-Württemberg. Der Junggeselle Menrad war Träger des Bundesverdienstkreuzes. blo

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